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Österreichisch-amerikanische
Widersprüche, Jahrbuch der österreichisch-amerikanischen Gesellschaft
1995
Die Oesterreicher tragen Blue Jeans und trinken Coca Cola. Sie hoeren
Jazz und haben das Bekenntnis zum freien Westen jahrzehntelang als als
beruhigende Ergaenzung zum Status der immerwaehrenden Neutralitaet empfunden:
zweifellos hat in diesem Jahrhundert keine andere Gesellschaft der oesterreichischen
Entwicklung so deutlich ihren Stempel aufgedrueckt, wie die amerikanische.
Aber kaum ein anderes Verhaeltnis war gleichzeitig so voll der Widersprueche
wie die Beziehung des auf seine alten Kultur stolzen kleinen Oesterreichs
zur jungen Supermacht Amerika.
Der Autor erinnert sich noch lebhaft an den merkwuerdigen kulturellen
Zwiespalt der Fuenfziger- und Sechzigerjahre: Blue Jeans und Kaugummi
waren an vielen Wiener Schulen verpoent. Das oesterreichische Kracherl
fuehrte einen ebenso verzweifelten wie aussichtslosen Abwehrkampf gegen
den ueberlegenen Konkurrenten aus dem fernen Atlanta: wie oft haben uns
die Lehrer von den angeblich so schrecklichen gesundheitlichen Folgen
des "amerikanischen" Modegetraenks Coca Cola gewarnt? Und dass
Jazz rassistisch als "Negermusik" abgetan wurde, war auch keine
Seltenheit.
Keine Frage, dass der Hauch der Freiheit, der allen amerikanischen Trends
anhaftete, diese fuer die Jugend umso attraktiver gemacht hat. Als John
F.Kennedy erschossen wurde, da hat das ganze Land getrauert. Aber "Amerikanisierung"
war fuer das elitebewusste Oesterreich trotzdem ein Schimpfwort und ist
es vielfach auch heute noch.
Als wir kritischen Jugendlichen begannen, den Vietnamkrieg in Frage zu
stellen, da wurden die wildesten Gegner der amerikanischen Massenkultur
ploetzlich zu entschiedenen Verteidigern der USA: die aus dem Kalten Krieg
gewachsene Polarisierung hatte neue Fronten geschaffen.
So galt denn auch die Studentenbewegung als "antiamerikanisch":
schliesslich waren die B-52 Bomber ueber Hanoi und Lyndon B. Johnson die
Hassobjekte einer ganzen Generation von zum politischen Bewusstsein erwachsenden
Jugendlichen. Aber protestiert haben wir damals mit "Tech Ins"
und "Sit Ins". Unsere Demonstrationen haben wir dem Rhythmus
der amerikanischen Antikriegsbewegung angepasst. Gelesen wurde der Amerikaner
Herbert Marcuse und Angela Davies, die Heldin der Black Panther Party,
hing in den Studentenheimen.Selbst das Verbrennen der amerikanischen Flagge
war den Studenten von Berkley und Kent abgeschaut. Und wer waere nicht
gerne in Woodstock gewesen, der vermeintlichen Geburtstaette einer neuen
Lebenskultur ohne Krieg und Gewalt?
Bei einem Symposium am Zentrum fuer Oesterreichstudien an der Universitaet
von Minneapolis im Herbst 1994 wurde von mehreren oesterreichischen und
amerikanischen Sozialwissenschaftlern die These vertreten, dass der kulturelle
Einfluss Amerikas geholfen hat, das kulturelle Monopol der traditionellen
Eliten in Oesterreich zu brechen: hinter der abschaetzigen Kritik an der
amerikanischen "Massenkultur" sei in Wirklichkeit oft ueberkommener
Standesduenkel und Demokratiefeindlichkeit gestanden. "Amerikanisierung"
stehe in Wirklichkeit fuer "Modernisierung" und der Siegeszug
Amerikas sei mit dem Einzug der Moderne in die Poren der oesterreichischen
Gesellschaft gleichzusetzen. Ein Wahlplakat der FPOe aus den fruehen Neunzigerjahren,
wonach "Wien nicht Chicago" werden duerfe, wurde als Beispiel
zitiert, wie der Appell an Modernisierungsaengste mit antiamerikanischen
Ressentiments Hand in Hand geht.
So gesehen mag der Angriff der politisch "antiamerikanischen"
Studentenbewegung auf die verkrusteten Strukturen der Sechziger- und Siebzigerjahre
paradoxerweise eine Oeffnung Oestereichs nach aussen erleichtert haben,
die ungewollt neuerlich einen "Amerikanisierungsschub" zur Folge
hatte.
Das Schlagwort von der das oesterreichische Heimatgefuehl bedrohenden
"Coca Colonisierung" bekam schliesslich in den umweltbewegten
und technikskeptischen Jugend der Achtzigerjahre neuen Auftrieb.
Gleichzeitig erlebten auch Oesterreichs Konservative ihre antiamerikanische
Phase: so schienen waehrend der Affaire Waldheim die politischen Fronten
vertauscht. Das Trommelfeuer antiamerikanischer und nicht selten auch
antisemitischer Ressentiments gegen die "amerikanische Ostkueste"
und ihre Blaetter kam aus dem konservativen Lager einstiger ueberzeugten
Kalter Krieger. Die um das legendaere Holzpferd Alfred Hrdlickas gescharte
ausserparlamentarische Linke fand sich dagegen in einer Front mit dem
Justizministerium Ronald Reagans.
Die europaeische Einigung hat Amerika fuer Oesterreich etwas in den Hintergrund
gedraengt. Und auch die USA selbst stehen in einer Phase, in der sie sich
vornehmlich mit sich selbst beschaeftigen: die Zeiten, in denen sie in
Europa als Schutzmacht gegen den Aussenfeind aus dem Osten angesehen wurden,
sind vorbei. Vielleicht liegt darin auch eine Chance fuer ein sachlicheres
und ideologiefreieres Verhaeltnis zu Amerika, das nicht mehr im Spannungsverhaeltnis
von unkritischer Bewunderung und irrationalen Angstprojektionen bewegen
muss.
Die Vereinigten Staaten sind ein Land der krassen Gegensaetze und von
miteinander oft im Widerstreit stehenden Tendenzen. Aber wenig andere
Gesellschaften sind derart zukunftsorientiert und dynamisch wie die amerikanische.
Und in keinem anderen Land werden die Neuentdeckungen von heute so leicht
zu globalen Trends von morgen. Je schneller sich ein kleines Land wie
Oesterreich diesen Trends stellt, desto bessesr wird es fuer die Zukunft
geruestet sein.
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