Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Ausländerpolitik Belgien, MoJ, 21.7.2009

Auf etwa acht Millionen Menschen wird die Zahl der illegalen Einwanderer in der Europäischen Union geschätzt. Es sind Migranten, die unter Lebensgefahr aus Afrika über das Mittelmeer nach Europa kommen oder Flüchtlinge aus Afghanistan, Tschetschenien und anderen Kriegsgebieten Zentralasiens. Trotz der Bemühungen um eine gemeinsame Einwanderungspolitik, gehen die EU-Mitgliedsstaaten meist eigene Wege. In Belgien hat sich die Regierung jetzt auf Kriterien zur Legalisierung eines Großteils der illegalen Ausländer geeinigt, berichtet Raimund Löw.
Mit wochenlangen Hungerstreiks, Besetzungsaktionen und Demonstrationen machen in Belgien seit Jahren sogenannte Sans Papiers, Ausländer ohne Papiere, auf ihre verzweifelte Lage aufmerksam. Tagelang waren im Europaviertel sogar riesige Baukräne von todesmutigen Aktivisten okkupiert.
Auf bis zu 80 000 wird die Zahl jener Menschen geschätzt, die in Belgien im halblegalen Untergrund leben. Die meisten sind schwarz über die Grenze gekommen, viele haben längst Fuss gefasst, mit Kindern in der Schule und einem inoffiziellen Job. Asylanträge wurden entweder nie gestellt oder längst abgelehnt.
Aber eine zwangsweise Abschiebung von zehntausenden im ganzen Land verstreut lebenden Familien, das wäre wahrscheinlich auch in einem Polizeistaat kaum möglich, geschweige denn im großzügigen Belgien.
Die Regierung will daher jetzt nach eineinhalb Jahren mühsamer Verhandlungen einen Schlusstrich ziehen und die Legalisierung eines Großteils dieser Menschen ohne Aufenthaltspapiere einleiten. Sowohl die in der Ausländerpolitik restriktiven Parteien aus dem flämischen Landesteil, als auch die großzügigeren französischsprechenden Wallonen stehen hinter dem Kompromiss.
Man hat sich auf mehrere Kriterien geeinigt, die für eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitsgenehmigung entscheidend sein werden. Menschen, die beweisen können, dass sie sozial verankert sind, indem sie eine der Landessprachen sprechen oder weil die Kinder hier in die Schule gehen, können mit einem positiven Bescheid rechnen. Auch wer auf ein Jobangebot verfügt, hat gute Chancen. Überlange Asylverfahren von über 4 Jahren werden in Zukunft ebenfalls zu einer Legalisierung führen können.
Ab 15.September könnten Anträge gestellt, drei Monate gilt die Aktion. Wobei die Ausländerbehörden der Regionen beträchtlichen Spielraum haben, die neuen Regeln in ihrem Sinn zu interpretieren. Der für Asyl und Einwanderungsfragen zuständige Staatssekretär erhält gleichzeitig das Recht humanitäre Einzelentscheidungen zu treffen, wenn es um besonders schutzwürdige Personen geht.
Schon 2001 sind bei einem ähnlichen Verfahren in Belgien zehntausende Familien legalisiert worden. Kritiker weisen darauf hin, dass die neue Initiative wiederum nur ein in den vergangenen Jahren aufgestautes Problem löst und keine zukunftsweisende Perspektive enthält.
Für die Menschen, die mit der Hoffnung auf ein besseres Leben nach Belgien gekommen sind, könnte jetzt jedoch eine bittere Wartezeit zu Ende gehen.

 

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