Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Axel Corti Preis 2009, 26.6.2009, Dankesworte im Wiener Rqathaus


Meine sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freunde! Es ist eine große Ehre für mich den Axel Cortipreis heute entgegennehmen zu dürfen. Und es ist auch eine riesige Überraschung. Axel Corti, das war der Meister der Nachdenklichkeit, des Hintergründigen, des nicht an den Schlagzeilen klebens. Ich arbeite seit mehr als 20 Jahren vor allem im News Business. Da sind die Schlagzeilen König. Die Verkürzung ist die Voraussetzung, dass man überhaupt auf Sendung geht. Bei unseren Beiträgen heutzutage geht es um Längen von 45 Sekunden, 1 Minute 10 oder, wenn der Chefredakteur ganz besonders großzügig ist 1,40. Dieser Preis, der den Namen Axel Cortis trägt, ist ein Ansporn auch in diesem journalistischen Tagesgeschäft immer wieder zu versuchen so zu arbeiten, dass man zum Nachdenken anregt. Dafür ein Dankeschön an die Jury. Ich bin vor bald 2 Jahren von Washington nach Brüssel übersiedelt, aus der Hauptstadt der imperialen Weltmacht dieser Erde in die Hauptstadt der EU. Ein kleiner Kulturschock, denn bei allen Selbstzweifeln sind sich die USA immer ihrer führenden Rolle bewusst. Die EU dagegen weiß nicht so wirklich, ob sie eine Weltmacht ist oder ob sie überhaupt gerne eine wäre. Aber es gibt doch auch mehr Ähnlichkeiten zwischen Washington DC und Brüssel, als man denkt. Auf Brüssel schimpfen die Europäer bekanntlich mit großer Inbrunst. Wir erleben das gerade in diesen Tagen besonders intensiv. Aber Besonderheit ist das keine. In den USA beginnt das beliebte Washington Bashing keine 100 Meter nach der Stadtgrenze. Vielen bereitet die niedrige Wahlbeteiligung bei Europawahlen Sorgen. Mit vollem Recht. In den USA war die Wahlbeteiligung bei den vorletzten Kongresswahlen, als kein Präsident zu wählen war, noch um 10 Prozentpunkte schlechter als bei den letzten EU-Wahlen. Das Ende der amerikanischen Demokratie sah deshalb allerdings niemand gekommen. Vor dem Weißen Haus kann man fast täglich Protestdemonstrationen von Aktivisten mit den unterschiedlichsten Anliegen und aus allen Teilen der Welt sehen. Am Rond Point Schuman in Brüssel, zwischen den riesigen Gebäuden des Rates und der EU-Kommission, haben allein in den letzten Wochen demonstriert: tamilische Separatisten, iranische Oppositionelle, polnische Werftarbeiter, französische Fischer, Menschenrechtsaktivisten aus dem Kongo und aus Sri Lanka, britische Umweltschützer. Gestern standen Bauern mit hunderten Milchkühen vor dem Ratsgebäude im Zentrum der Stadt. Diese Aktivisten haben offensichtlich das Gefühl, dass in Brüssel ähnlich wie in Washington globale Entscheidungen getroffen werden. Anders als in Berlin, Rom, Wien oder auch solchen Weltmetropolen wie Klagenfurt oder St.Pölten. Durchaus möglich, dass sie recht haben. Sogar Touristen kommen in wachsender Zahl EU-Schauen nach Brüssel, die Touristenbusse halten für ein Foto vor dem Kommissionsgebäude. So viele Besucher wie vor dem Weißen Haus sind es noch nicht. Aber das ist auch nicht wirklich verwunderlich, wenn man weiß wie groß die Symbolkraft des Weißen Hauses ist. Die Europäer wollen zwar zählen in der Welt. Sie wachen aber eifrig darüber, dass das niemand merkt, vor allem die eigenen Bürger nicht. Symbole sind da nicht beliebt. Noch etwas haben die Amerikaner den Europäern voraus: sie haben einen politischen Meinungsbildungsprozess, der Selbstkorrekturen sogar bei den schlimmsten Fehlentwicklungen ermöglicht. In spektakulärer Weise haben wir das beim Wechsel von den rechten Republikanern unter George W.Bush zu Barack Obama.
Vergleichbare europaweite Pendelbewegungen gibt es nicht, Entscheidungsprozesse und Richtungsänderungen sind in Europa langwieriger. Aber wir dürfen ja auch kein Superstaat sein. Was die amerikanischen Mechanismen der Selbstkorrektur funktionieren lässt, das ist die Rolle der großen, unabhängigen Medien. Die hatten zuvor vor dem Irakkrieg versagt. Ihre Funktion als Kontrollinstanzen der Mächtigen, als demokratisches Gegengewicht zur Regierung haben die amerikanischen Medien danach aber viel rascher wieder zurück gewonnen, als man das in Europa realisiert hat. Das Problem der Europäer ist: es gibt keine gemeinsame europäische Öffentlichkeit. Nicht eine wirklich europäische Zeitung. Nicht einen wirklich europäischen Fernsehsender. Man hat es mit 27 Öffentlichkeiten zu tun in der EU. Oft wirkt in Europa die autoritäre Tradition nach, wonach Medien Transmissionsriemen der Staatsmacht sein sollen und nicht kritisches Gegengewicht zu den Mächtigen. In manchen europäischen Ländern erleben wir ein Rollback der kritischen Öffentlichkeit. Silvio Berlusconis Italien mit Privatfernsehen und staatlicher RAI gemeinsam in der Hand des Regierungschefs steht nicht allein. Nicolas Sarkozy in Frankreich zählt die mächtigsten Herausgeber zu seinen politischen Förderern. Er kann jetzt sehr direkt auch die obersten Chefs des Öffentlichen Rundfunks besetzen. Nach einer Gesetzesänderung. Berlusconisierung ohne Berlusconi ist eine gefährliche Versuchung in Europa. Antonio Gramsci, der marxistische italienischen Philosoph, hat gemeint, im Westen gibt es eine starke zivile Gesellschaft und einen eher schwachen Staat. Im Osten einen starken Staat und eine relativ schwache Zivilgesellschaft. Österreich ist da immer in der Mitte, zwischen Ost und West, gelegen. Aber wenn wir uns die Debatten der letzten Zeit um den ORF als öffentlich-rechtliches Medium ansehen, dann haben wir vielleicht einen kleinen Sprung in Richtung Westen gemacht. Denn schon lange nicht ist es so klar geworden, wie wichtig der Öffentlichkeit ein freier ORF ist, der unabhängig von den Interessen der Regierung und der Regierungsparteien berichtet. Ausgangspunkt der Diskussion war die mit der Krise besonders triste Finanzlage des ORF und die Ankündigung, dass die gesetzliche Grundlage geändert werden soll. Herausgekommen ist ein erfreulicher Konsens: dass ein öffentlich-rechtlicher Sender, der den Ruf hätte Regierungsfunk zu sein, seine Funktion nicht erfüllen könnte. Ich habe als Korrespondent natürlich keine Ahnung, wie es weitergehen wird mit dem ORF. Aber dieser Druck in der Öffentlichkeit, der in den diversen Aufrufen, Unterschriftenlisten und Appellen zum Ausdruck gekommen ist, geht in die richtige Richtung: mehr Spielraum in der Berichterstattung, weniger Möglichkeiten zur politischem Beeinflussung. Wenn dann auch noch die Regierungsparteien den Mut hätten, die Unabhängigkeit des ORF gesetzlich zu stärken und nicht zu schwächen, dann hätte diese Debatte zu einem Erfolg für Alle geführt. Wie eine Demokratie in Krisenzeiten besteht, das hängt wesentlich von Verfasstheit der Medien ab. Das gilt in Österreich genauso wie in ganz Europa, in Europa genauso wie in Amerika. Für Europa ist die Diagnose ganz klar: eine Schwächung unabhängiger öffentlich-rechtlicher Radio oder Fernsehsender unterminiert die die Widerstandskraft der Demokratie. Das kann wohl niemand wünschen, in Zeiten, in denen extremistische Parteien wieder einmal zum Halali blasen gegen Toleranz, kulturelle Vielfalt und das gemeinsame Europa.

 

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