Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Belgien Regierungskrise, MiJ, 19.12.2008

Die ganze Nacht haben Journalisten in Brüssel vor dem Sitz des Regierungschefs ausgeharrt. Der Sturz der erst seit einem Jahr amtierenden Regierung schien unmittelbar bevor zu stehen. Ministerpräsident Leterme wurde politischer Druck auf die unabhängige Justiz im Zusammenhang mit den finanziellen Turbulenzen einer belgischen Großbank vorgeworfen. Doch schließlich stellten sich die Parteiführer der aus Christdemokraten, Sozialdemokraten und Liberalen bestehenden Koalition hinter den Regierungschef.
BEITTRAG
Der christdemokratische Ministerpräsident Yves Leterme bleibt im Amt. Zumindest vorläufig. Das ergab eine nächtliche Krisensitzung der belgischen Fünfparteienkoalition in Brüssel. Noch gestern Abend hatte es so ausgesehen, als ob Leterme der erste westliche Regierungschef werden könnte, der über die Finanzkrise seinen Job verliert. Niemand geringer als der Vorsitzende des Obersten Gerichts warf der Regierung politischen Druck auf die Justiz im Zusammenhang mit dem Verkauf des Finanzriesen Fortis vom vergangenen Herbst vor. Die Opposition sprach von einem Bruch der für den Rechtsstaat so wichtigen Gewaltenteilung und verlangte den Kopf des Premiers.
Der Christdemokrat Leterme kommt aus dem niederländischen Landesteil Flandern. Sein größtes Problem war bisher das Misstrauen der französischsprechenden Wallonen. Insgesamt drei Mal war er in den letzten eineinhalb Jahren zurückgetreten, um doch immer wieder zurückzukommen. Als Fortis, einer der größten Bankenkonzerne des Landes, im vergangenen Herbst vor dem Zusammenbruch stand, da erwies sich der Ministerpräsident jedoch als souveräner Krisenmanager. Innerhalb kürzester Zeit wurde der belgische Teil von Fortis an den französischen Bankenriesen BNP Paribas verkauft. Der Staat schoss Milliarden zu. Doch die gestrenge belgische Justiz fand den Deal nicht in Ordnung, weil die französischen Käufer für Fortis möglicherweise viel zu wenig gezahlt haben. Eine Gruppe von Kleinaktionären setzte beim Brüsseler Berufungsgericht vergangene Woche durch, dass der Verkauf von Fortis an Paribas für zwei Monate blockiert ist, bis alle Ansprüche der Kleinaktionäre geklärt sind.
Gegen diesen Aufschub des Fortis-Verkaufs versuchte das Kabinett des Regierungschefs ganz offensichtlich zu intervenieren. In einem Brief an seinen eigenen Justizminister, der an alle Abgeordneten verteilt wurde, listete Leterme penibel alle Telefongespräche und SMS-Nachrichten auf, die seine Mitarbeiter mit Richtern und Justizbeamten führten. Auch der belgische Finanzminister wurde aktiv, um einen Aufschub des Fortis-Verkaufs nach Frankreich zu verhindern. Dem Vorsitzende des Obersten Gerichts in Brüssel wurde es schließlich zu bunt: in einem Brief an den Parlamentspräsidenten beschwerte sich der Oberste Richter Belgiens über die Einflussnahme der Politik, ohne allerdings Namen zu nennen.
Der Entlastungsangriff, der Leterme vergangene Nacht das vorläufige politische Überleben sicherte, kam von einer anderen Seite der Justiz. Der zuständige Generalstaatsanwalt sieht das Problem nicht bei Interventionsversuchen der Regierung, sondern in groben Verfahrensfehlern des Berufungsgerichts, das den Fortis-Verkauf hinauszögert. Die Koalitionspartner Letermes werten den internen Streit in der belgischen Justiz als Beweis, dass die Regierung sich nichts zu Schulden kommen ließ. Eine Atempause für den Regierungschef in einem Polit-und JustizKrimi, der aber noch lange nicht zu Ende ist.

 

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