Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Belgienkrise als Rekord, MiJ, 17.2.2011

An den Wahltag können sich die Bürger in Belgien nur mehr dunkel erinnern, so lange ist es her. Doch alle Regierungsverhandlungen seit jenem 10.Juni 2010 sind bisher ergebnislos verlaufen. Die Parteien der niederländisch sprechenden Mehrheit und der französischsprechenden Minderheiten können sich nicht einigen. Mit dem heutigen Tag stellt Belgien einen neuen Rekord für die längste Regierungsbildung der Welt auf, und dieser Tag wird durchaus begangen.
Im flämischen Löwen werden gratis Pommes frites verteilt, die beliebte Nationalspeise aller Volksgruppen.. In Antwerpen spielen DJs auf und Studenten im zweisprachigen Brüssel agitieren für einen gesamtbelgischen zweisprachigen Wahlkreis.
Den Rekord für die längste Regierungsbildung der Welt hat bis heute der Irak gehalten, mit seinem komplizierten Beziehungsgeflecht zwischen Schiiten, Sunniten und Kurden. Doch schlägt Belgien nach 249 Tagen ergebnisloser Anläufe und Verhandlungen das Land an Euphrat und Tigris.
Albert II, der König der Belgier, hat erst gestern den Chef der französischsprachigen Liberalen, Finanzminister Reynders beauftragt die Marathonsondierungen fortzusetzen. Bei seiner Thronbesteigung vor bald 20 Jahren sprach Albert II glücklicherweise französisch, niederländisch und deutsch, mehr schlecht als recht wird er in allen Landesteilen akzeptiert.
Unzählige Papiere, Vorschläge und Konzepte sind seit 8 Monaten zwischen den sieben potentiellen Regierungsparteien ausgetauscht worden. Das große Ziel: die Regionen sollen mehr Macht bekommen in Belgien. Aber Flandern im Norden ist wohlhabend und viele Flamen träumen von einem eigenen, unabhängigen Staat. Der rechtskonservative Separatistenführer Bart de Wever ist der starke Mann. In der wirtschaftlich schwächeren französischsprachigen Wallonie im Süden dominieren die Sozialisten, die den belgischen Sozialstaat nicht aufspalten wollen. Und rund um das übrigens strikt zweisprachige Brüssel streiten die Politiker, ob französisch gesprochen werden darf in Rathäusern, die zur Region Flandern gehören.
Während sonst in der Welt Jugendliche auf die Straße gehen, um gegen ihre Regierung zu protestieren, ist es bei uns umgekehrt, mockieren sich die Zeitungen. Die Bürger revoltieren … für eine Regierung. Allerdings vergeblich. Selbst die eigenwilligsten Initiativen verpuffen. Eine Künstlergruppe ruft die männlichen Bürger dazu auf, sich nicht mehr zu rasieren, bis eine Regierung steht. Eine sozialistische Abgeordnete, die in die Zeitung kommen wollte, plädierte für einen Sexstreik. Den heutigen Tag des neuen Rekords für die längste Regierungsbildung in der Welt sollte als Tag der Pommes Frites Revolution in die Geschichte eingehen, verlangen Aktivisten der Freien Universität Brüssel, sind die Pommes Frites doch bei Flamen und Wallonen in gleicher Weise beliebt.
Das größte politische Problem ist der wachsende flämische Nationalismus, mit all seinen surrealen Seiten. Wenn Nationen streiten will sich normalerweise eine Minderheit vom Mehrheitsvolk lossagen. In Belgien ist es umgekehrt, die niederländisch sprechenden Flamen sind die Mehrheit, sie stellen seit Jahrzehnten die Premierminister Belgiens, die Trennung haben sie bisher trotzdem nicht geschafft.
Immerhin: der normale Staatsbetrieb ist nicht betroffen zu sein, denn die abgewählte Regierung des flämischen Christdemokraten Letereme führt in Brüssel ihre Amtsgeschäfte ungerührt weiter.
Im heutigen Europa wird die Währung von der Europäischen Zentralbank geschützt, die EU-Kommission sorgt für Klimaschutz und die EU-Außenpolitikchefin bereist die turbulente arabische Welt. Da können sich die Mitgliedsstaaten den Luxus endloser Verhandlungen über immer weniger bedeutende nationale Regierungen offensichtlich durchaus leisten.



 

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