Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Belgische Regierungskrise, MiJ, 24.8.2007

MODERATION:
Regierungsbildung in Belgien in der Krise. Christdemokrat Yves Leterme hat gestern Nacht sein Mandat zurückgelegt. Grund sind die wachsenden Spannungen zwischen den holländisch sprechenden Flamen und den französischsprechenden Wallonen.
BEITRAG
Er war der klare Sieger der Parlamentswahlen von Anfang Juni: Yves Leterme, der Chef der Christdemokraten im niederländisch sprechenden Landesteil Flandern, hatte seinen Wählern einen tiefgreifenden Umbau des belgischen Staates mit größerer Autonomie für Flandern versprochen. Doch im zerklüfteten belgischen Parteiensystem ist eine Regierungsbildung nur durch eine Koalitionsbildung quer über die Grenzen der Volksgruppen möglich. Und gescheitert ist der designierte Ministerpräsident ausgerechnet am Widerstand seiner christdemokratischen Schwesternpartei im französischsprechenden Wallonien.
Jetzt liegt der Ball bei Belgiens König Albert II einen neuen Politiker mit der Regierungsbildung zu beauftragen.
So stark haben sich Wallonen und Flamen auseinanderentwickelt in den vergangenen Jahrzehnten, dass auch die Parteienlandschaft strikt nach Volksgruppen getrennt ist. Ob Christdemokraten, Sozialdemokraten, Liberale oder Grüne, sie alle haben eigene Organisationen im Norden und im Süden des Landes. Zusammengehalten wird der Staat vom König, der zweisprachigen Hauptstadt Brüssel und der Mitgliedschaft Belgiens in der Europäischen Union.
Aber in den letzten Jahren wurden die Selbständigkeitsbestrebungen im wirtschaftlich erfolgreichen Flandern immer stärker. Mehr Kompetenzen für die Regionen und vor allem eine Regionalisierung des belgischen Sozialsystems war der große Wunsch der flämischen Konservativen. Arbeitslosenbeiträge, Familienbeihilfe und andere Sozialleistungen sollten nach ihrer Vorstellung nicht mehr für alle gleich aus der belgischen Bundeskasse kommen, sondern von den Regionen in Eigenregie verwaltet werden. Das wäre das Ende der milliardenschweren Transferszahlungen ins ärmere Südbelgien. Von der Klammer der Solidarität zwischen reichen und armen Landesteilen, die Staat und Gesellschaft bisher verbunden hat, wäre nur mehr wenig übrig.
Im wallonischen Südbelgien hat einst die Kohle und Stahlindustrie halb Europa beliefert. Starke Gewerkschaften setzten hohe soziale Standards durch. Aber viele dieser Regionen gleichen heute Industriefriedhöfen. Die Umstrukturierung ist nicht gelungen, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Mit dem wachsenden Ansprüchen der wirtschaftlich erfolgreicheren flämischen Mitbürger können die wallonischen Politiker schwer umgehen. 60 Prozent der belgischen Bevölkerung leben heute in Flandern.
Der Streit um die Reformpläne rund um die Koalitionsverhandlungen erhitzt auf beiden Seiten die Gemüter. Flamischen Separatisten, die den Belgischen Staat am liebsten heute statt morgen zu Grabe tragen würden, sehen im Nein der Wallonen zu einer umfassenden Föderalismusreform einen Beweis dafür, dass Kompromiss über die Grenzen der Volksgruppen hinaus nicht mehr möglich sind. Die wallonischen Parteien wiederum befürchten, die Idee einer endgültigen Scheidung zwischen Flamen und Wallonen, die bisher nur vom rechtsextremen Vlaams Belang und anderen radikalen Gruppen vertreten wurde, könnte jetzt auch in den großen wallonischen Parteien Fuss fassen.
Keine leichte Aufgabe für König Albert II, der versuchen muss durch einen neuen Parteienmix bei den Regierungsverhandlungen, vielleicht unter Einbeziehung der oppositionellen Sozialdemokraten und Grünen, die Dynamik der Konfrontation zwischen den Volksgruppen zu stoppen.

 

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