Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Blix-Bericht an die UNO, ORF On, 27.1.2003


Nachdem die politische Spannung in Hinblick auf den Bericht der
UNO-Inspektoren wochenlang aufgebaut worden war, ist der heutige Tag in New
York für die Regierung Bush enttäuschend verlaufen. Zwar hat
Chef-Waffeninspektor Hans Blix dem Irak eine lange Mängelliste vorgehalten,
die in der Feststellung kulminiert, die Regierung in Bagdad habe die
Verpflichtung zur Entwaffnung nicht völlig akzeptiert. Es sind aber vor
allem Lücken und Unterlassungen in der irakischen Darstellung, die er
präsentierte. Keine Spur von der in Washington so ersehnten rauchenden
Pistole. El Baradei, der Chef der in Wien ansässigen Atomenergiebehörde,
musste sogar explizit eingestehen, Hinweise auf die Wiederaufnahme eines
irakischen Atomprogramms seien nicht gefunden worden.
Der amerikanische UNO-Botschafter John Negroponte konnte da noch so
entschieden auf das Fehlen einer aktiven Zusammenarbeit des irakischen
Regimes hinweisen: solange die Inspektoren keine handfesten Beweise für
Massenvernichtungsmittel vorlegen, überwiegt international das Misstrauen
gegenüber den amerikanischen Beteuerungen von der Existenz derselben.
Ausgerechnet in dem Augenblick, in dem der militärische Aufmarsch der
USA mit der Einberufung von Reservisten und dem Aufbau einer Streitmacht für
den Bodenkrieg in eine neue Phase eintritt, zeigt sich in der UNO die
politische Schwäche der Irak-Politik der Regierung Bush: von der
Einstimmigkeit des vergangenen Herbstes im UNO-Sicherheitsrat ist man weit
entfernt. Statt einer Sammlung der Verbündeten unter amerikanischer Führung
gegen Saddam Hussein musste Washington in den letzten Tagen eine Rebellion
der Mittelmächte Frankreich und Deutschland, Russland und China erleben, die
nun alle eine Verlängerung des Mandats der UNO-Inspektoren verlangen. Auf
britischen Druck scheinen die USA nun in dieser Frage zum Nachgeben bereit:
ob sich die widerspenstigen Verbündeten im Gegenzug jedoch bereit erklären
werden, nach einer Nachdenkphase dem Militärschlag doch zuzustimmen, ist
fraglich.
Die amerikanische Supermacht wird beginnend mit der Rede des Präsidenten
zur Lage der Nation in der Nacht zum Mittwoch in die propagandistische
Gegenoffensive gehen. Das ist auch innenpolitisch gefragt. Denn während sich
die Regierungen diesseits und jenseits des Atlantiks auseinanderentwickeln,
lässt sich ein Teil der amerikanischen Öffentlichkeit von der Skepsis der
Europäer anstecken. Bush's Popularitätsrate ist nicht mehr ganz so hoch wie
früher und eine Mehrheit der Amerikaner will nur gemeinsam mit den
Verbündeten gegen Saddam Hussein ins Feld ziehen.
Dass die Weltmacht Amerika selbst unter massivem internationalen Druck auf
die Beseitigung Saddam Husseins verzichtet ist nicht vorstellbar. Dazu hat
sich der Präsident zu weit vorgewagt und dazu ist auch der militärische
Aufmarsch zu weit fortgeschritten. In den nächsten Tagen wird daher der
Aufbau der bisher vernachlässigten politischen Allianz stehen: wenn die
US-Streitmacht am Golf Ende Februar dann einsatzbereit ist, soll ein
möglicher Einsatz politisch abgesichert sein. Wie wenig man in Washington
einen möglichen Zeitgewinn für die Inspektoren als Zeichen der Entspannung
verstanden wissen will, demonstrierte am Wochenende der Stabschef des Weißen
Hauses Andrew Card in der populären Fernsehsendung "Meet the Press" mit dem
Hinweis, man schließe keine Art von Waffen, also auch auch den Einsatz von
Atomwaffen nicht aus, um amerikanische Truppen und die Welt vor einem
"Holocaust" durch irakische Massenvernichtungsmittel zu bewahren.


 

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