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Brüssel Distrikt Europas?,
Europajournal, 21.9.2007
MODERATIONSVORSCHLAG:
Seit mehr als 100 Tagen hat Belgien keine Regierung. Nach der Niederlage
der linksliberalen Regierungskoalition unter Ministerpräsident Guy
Verhofstadt vor dem Sommer sind alle Versuche zur Bildung eines neuen
Kabinetts gescheitert. Der entscheidende Grund: die Forderung der an den
Urnen erfolgreichen bürgerlichen Parteien im niederländisch
sprechenden flämischen Landesteil nach einer Verfassungsreform und
mehr Rechten für die Regionen wird von den wallonischen Parteien
abgelehnt. Wieder einmal steht das Gespenst des Zerfalls Belgiens im Raum.
Die einzige Region, in der Flamen und französisch sprechende Wallonen
zusammen leben ist die Hauptstadt Brüssel. Für den Fall einer
endgültigen Spaltung zwischen Wallonen und Flamen wird in der Öffentlichkeit
jetzt eine völlig neue Idee für den Status der belgischen Stadt
diskutiert. Brüssel könnte zur Hauptstadt der EU werden, sozusagen
Brüssel DE, als Distrikt Europas, nach dem Vorbild der amerikanischen
Hauptstadt Washington DC. Eine Reportage von Raimund Löw
Atmo Markt
Am Place Chatelain in der Brüsseler Innenstadt drängen sich
jeden Donnerstag die Besucher beim Markt.
Es sind Bauern und Händler aus der Umgebung, die ihre Produkte anbieten.
Und die Umgebung Brüssels ist flämisch. In der Stadt selbst
gehören jedoch keine 10 Prozent der flämischen Volksgruppe an.
Offizielle Aufschriften und Verkehrszeichen sind zweisprachig, die überwiegende
Mehrheit der Bewohner spricht jedoch französisch. Dazu kommt die
große Zahl der in Brüssel ansässigen Mitarbeiter europäischer
und internationaler Organisationen.
Eine Vielfalt, die Brüssel zum wichtigsten Verbindungsglied zwischen
Flamen und Wallonen macht, den beiden Volksgruppen, die sonst immer weniger
miteinander zu tun haben.
Beim Gläschen Rotwein am Place du Chatelain, da ist von der in Medien
so heftig diskutierten Gefahr der Spaltung Belgiens nichts zu merken
1) OTs Markt
Sie haben Glück, an diesem Tisch finden Sie Flamen, Wallonen und
Brüsseler. Wir sind Glasfabrikanten, und wir haben überhaupt
keine Probleme miteinander.
ÜBERSETZUNG
Alle reden von den großen kulturellen Unterschiede zwischen Flamen
und Wallonen. Das Problem ist, man kennt sich meist gar nicht gegenseitig.
Aber der Streit um Belgien droht auch Brüssel zu zerreissen. Längst
fordert nicht mehr nur der rechtsextreme Vlaams Belang ein Selbständiges
Flandern. Auch in den großen flämischen Parteien wächst
die Zahl der Befürworter einer Trennung. Die Meinungsumfragen der
letzten Wochen haben die Öffentlichkeit schockiert: jeder zweite
Flame befürwortet einen eigenen flämischen Staat. Dem Christdemokrat
Yves Leterme, der Wahlsieger des Sommers, wäre ein lockerer Staatenbund
am liebsten. Aber seine Partei ist mit einer neuen Rechtspartei verbunden,
der Neuen Flämischen Allianz, die für die Zukunft ganz offen
die Auflösung Belgiens wünscht.
Die unmittelbaren Forderungen der flämischen Parteien lauten: Regionalisierung
des Sozialversicherungssystems, getrennte Steuersysteme und eine getrennte
Einwanderungspolitik. Diese Vorschläge werden in der Wallonie brüsk
zurückgewiesen, die Regierungsverhandlungen kommen nicht vom Fleck.
Und mit der Frustration über die blockierte Lage werden die zentrifugalen
Kräfte immer größer.
Was im Fall der tatsächlichen Auflösung Belgiens mit der gemischtsprachen
Stadt Brüssel passieren soll, das bewegt auch die Runde am Markt
von Chatelain.
2) OT Markt
ÜBERSETZUNG 2
Sowohl die Flamen als auch die Wallonen wollen Brüssel für sich
haben
.Ja, aber dann bleibt nur die Variante von DC. Aber DC, Brüssel
als europäische Hauptstadt, das wird wohl kaum zu realisieren sein.
TEXT RL 4
Die große französischsprachige Tageszeitung Le Soir hat die
Idee vergangene Woche zur Diskussion gestellt: sollte Belgien sterben,
dann könnte Brüssel als District Europeen, als Europäischer
Distrikt ein neues Leben beginnen. Als eine Art multikultureller Stadtstaat,
der mit seinen zahlreichen europäischen Institutionen auch in aller
Form Hauptstadt Europas wäre.
William Bouton ist verantwortlicher innenpolitischer Redakteur in der
Tageszeitung "Le Soir". Er glaubt, dass die politische Krise
Belgiens noch nie so tief war, wie jetzt.
9) OT Bouton
ÜBERSETZUNG 3
Man muss unvermeidlich zu dem Schluss kommen, dass das Katastrophenszenario
nämlich Spaltung Landes, nicht mehr unmöglich ist. Auch wenn
die meisten Belgier das nicht wollen. Die grosse Frage ist, was passiert
dann mit Brüssel. Viele Leute sagen, wenn es Belgien noch gibt, dann
wegen Brüssel, Brüssel ist die gemeinsame Klammer. Brüssel
DC, nach dem Beispiel von Washington DC das wäre eine der Möglichkeiten,
wenn sich Belgien spaltet. Es könnte eine Art europäische Exterritorialität
bekommen. Das Problem dabei ist, dass die EU bisher nicht über das
juridische Instrumentarium zur Verwaltung von Territorien verfügt.
TEXT RL 5+6
Der Innenpolitikspezialist der Tageszeitung "Le Soir" hält
eine weitere Auseinanderentwicklung zwischen dem wohlhabenden flämischen
Landesteil im Norden, der keine Transfersleistungen in den ärmeren
wallonischen Süden mehr zahlen will, für wahrscheinlich. Wenn
es zur Scheidung kommt, sich Wallonen und Flamen aber nicht über
das Schicksal Brüssels verständigen können, dann konnte
die Europäische Lösung für Brüssel der letzte Ausweg
sein, meint William Bouton
Es gibt längst keine überregionalen belgischen Parteien, keine
belgischen Politiker, keine belgischen Medien mehr. Die gesamte Öffentlichkeit
des Landes ist nach Volksgruppen geteilt. Der König ist die einzige
über die Sprachgrenzen hinaus anerkannte Persönlichkeit, aber
sein Gewicht ist beschränkt.
12) Belgische Hymne
HYMNE
TEXT RL 7
Die belgische Nationalhymne ist selbst führenden Politikern nicht
bekannt.
Oft und gerne wird in Brüssel dagegen die Europahymne gespielt.
15) Europahymne und Klatschen
TEXT RL 8
Ein Symbol dafür, wie stark sich die Hauptstadt mit den Europäischen
Institutionen identifiziert. Während sich die Landesteile Flandern
und die Wallonie immer stärker voneinander abschotten, macht Brüssel
die genau entgegengesetzte Entwicklung durch. Die Stadt wird immer internationaler
und ethnisch immer gemischter, durch Einwanderung aus Europa, aus Afrika,
aus Asien.
Frans Crols, leitender Redakteur der angesehenen flämischen Wirtschaftszeitung
Trends und der Befürworter einer Trennung, plädiert daher schon
seit langem für eine europäische Perspektive für Brüssel.
16) OT Crols
ÜBERSETZUNG 5
Brüssel könnte im Fall der Trennung eigene Wege gehen, Brüssel
könnten Flandern beitreten oder der Wallonie. Aber die beste Lösung
für die Bevölkerung in Brüssel, das wäre wenn die
Stadt wirklich versuchen würde ein Distrikt Europas zu werden. So
wie Washington DC in den USA. Ich kann mir nicht morgen oder übermorgen,
aber doch in ein paar Jahren vorstellen, dass es eine konstituierende
Versammlung in Brüssel gibt, die gemeinsam mit den Europäischen
Institutionen nach einer solchen Lösung sucht.
TEXT RL 9
Gemeinsam mit Wirtschaftstreibenden und Intellektuellen hat Frans Crols
die Idee von Brüssel als Distrikt Europa schon vor Jahren propagiert.
Er hält sie für aktueller denn je.
17) OT Frans Crols
ÜBERSETZUNG 6
In ihrer jetzigen Entwicklungsphase könnte es auch für die Europäische
Union sinnvoll sein ein politisches Zentrum zu haben, das so neutral wie
möglich gegenüber den einzelnen Mitgliedsstaaten erscheint.
Brüssel ist nicht so groß, dass es anderen Angst einjagen würde.
Es ist kein London oder Paris, keine Megastadt. Es hat alle Vorteile die
auch Bonn als deutsche Hauptstadt hatte, ein europäisches Bundesdorf.
Brüssel bedroht niemand, ist einfach dort und wäre eine politische
Plattform für ganz Europa.
TEXT RL 10
Was für eine Staatsbürgerschaft Bürger von Brüssel
DC oder besser Brüssel DE, Distrikt Europas hätten? Franz Crols
hat auch auf diese Frage eine Antwort.
18) OT Crols
ÜBERSETZUNG 7
Die Bürger des Brüssel von morgen könnten die ersten Europäer
sein. Sie könnten als Pioniere für das neue Konzept einer europäischen
Staatsbürgerschaft wirken. Die Einwohner von Brüssel hätten
die Wahl, sie könnten Bürger ihres Stadtstaates sein. Das Konzept
der Stadtstaaten könnten wiederbelebt werden. Oder eben reine europäische
Staatsbürgerschaft, warum nicht?
1) Atmo
TEXT RL 11
Vor dem Brüsseler Rathaus auf der legendären Grande Place treffen
wir den Sprecher des populären Bürgermeisters.
Nicolas Dassonville kann einer Spaltung Belgiens erwartungsgemäß
nichts abgewinnen.
21) OT DASSONVILLE
ÜBERSETZUNG 9
Wissen Sie, wir leben in einem Land mit sehr großen Möglichkeiten.
Ein ganz kleines Land mit großen Möglichkeiten, das sich trennen
will, das spaltet auch sein Potential. Das ist sehr problematisch. Brüssel
ist eine flämische, eine wallonische und eine europäische Hauptstadt.
Wir sind auf flämischem Boden, aber gleichzeitig auch ökonomischer
Motor der Wallonie. Weder Brüssel noch Belgien würde eine Trennung
etwas bringen.
TEXT RL 12
Hauptstadt der EU sei Brüssel de facto jetzt schon, sagt man im Rathaus.
Aber ganz ausschliessen will man auch im Büro des Bürgermeisters
nicht, dass Brüssel im Krisenfall gezwungen sein könnte, die
EU um Hilfe zu bitten.
Eine der Schluesselfiguren der der gegenwärtigen politischen Situation
in Belgien ist Bart de Wever. Seine Neue Flämische Allianz will die
Unabhängigkeit Flanderns, aber gleichzeitig befürwortet er den
Verhandlungsweg mit den Wallonen. Das unterscheidet ihn vom rechtsradikalen
Vlaams Belang, mit dem er nichts zu tun haben will. Der junge Rechtspolitiker
spricht Deutsch, in Bayern und Österreich macht er oft Urlaub.
23) Bart De Wever 3,00
TEXT RL 13
Eine Wunderlösung für die Probleme Belgiens?
Auf dem vielsprachigen Markt des Place du Chatelain in Brüssel zählt
das Geschäft mehr als die Nationalität.
Der Parfumhändler kommt aus Flandern, er verkauft in allen Sprachen.
Ob es beim Parfum Unterschiede zwischen Flamen und Wallonen gibt?
Nein, nein, das ist ein gemischtes Parfum beteuert er, sehen sie her,
da steht es.
24) Atmo und OTs
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