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Clintons
Amerika, 11.10.1998, ,in: Jagd auf Clinton, Wien 1998
Wenn jemand dieser Tage Grund zum Feiern hat, dann ist es der Multimilliardär
Richard Mellon Scaife: mit der Einleitung des Impeachment Verfahrens gegen
Bill Clinton ist der geheimnisumwitterte Erbe aus dem Clan einer prominenten
Bankerfamilie in Pittsburgh fast am Ziel. Seit jenem schrecklichen Novembertag
des Jahres 1992, an dem das Unterschichtkind Bill Clinton dem Patrizier
George Bush die Präsidentschaft entrissen hatte, war all sein Bemühen
darauf ausgerichtet eines zu erreichen: den Usurpator auf dem Thron der
amerikanischen Demokratie, der 1968 unter den langhaarigen Demonstranten
gewesen war, anstatt seine patriotische Pflicht in Vietnam zu erfüllen,
wieder aus dem Amt zu jagen.
Millionen flossen zu diesem Zweck in ein obskures konservatives Magazin
namens "American Spectator", das bislang kaum jemand kannte: innerhalb
kürzester Zeit wurde das Blatt zum wichtigsten Instrument der Jagd
auf Bill Clinton. Der "American Spectator" überraschte die
amerikanischen Medien mit sensationellen Enthüllungen über einen
angeblichen Strom von Prostituierten, die die State Trooper von Arkansas
laut Angaben des rechten Kampfblattes ihrem Gouverneur Clinton jahraus,
jahrein zuführen mußten. David Brock , der Autor dieser Artikel,
hat sich inzwischen höchstpersönlich bei Clinton entschuldigt:
er wußte nicht, daß seine Zeugen mit hohen Beträgen von
Richard Scaife bezahlt worden waren.
Vidoes mit den wildesten Vorwürfen rund um die gescheiterte "Whitewater"-Grundstückspekulation
der Clintons in den frühen Achtzigerjahren wurden durch das Land geschickt:
von Kontakten zur Unterwelt bis zum Auftragsmord hat man dem verhaßten
Präsidentenehepaar alles unterschoben.
Als Schaltstelle der Clinton-Jäger wurde das "Rutherford Institute"
mit Sitz in der Stadt Charlottesville im US-Bundesstaat Virginia aufgebaut:
Chef des Instituts ist der ultrakonservative Anwalt John W.Whitehead, der
sich bundesweit einen Namen mit seinem Kampf gegen die Abschaffung der archaischen
Anti-Sodomiegesetze in zahlreichen amerikanischen Bundesstaaten gemacht
hat. Über dieses Institut laufen die Fäden zur christlichen Rechten
um die Fernsehprediger Pat Robertson und Jerry Fallwell, die ihrerseits
über großen Einfluß am rechten Flügel der Republikanischen
Partei verfügen.
Scaife ist überzeugt, daß Clinton nicht nur ein gefährlicher
Vertreter der haltlosen 68er-Generation ist: er hält ihn auch für
einen Mörder. Sowohl Vincent Foster, der einstige Chefjurist des Weißen
Hauses, der Selbstmord begangen hat, als auch Handelsminister Ron Brown,
der bei einem Flugzeugabsturz vor Sarajewo umkam, sind nach Saife's Überzeugung
in Wirklichkeit im Auftrag Bill Clintons umgebracht worden. Weil diese Theorien
selbst für Sonderstaatsanwalt Kenneth W.Starr zu viel sind, finanziert
Richard Mellon Scaife die vom umstrittenen Washingtoner Anwalt Larry Klayman
geführte Juristenvereinigung "Judicial Watch": von der Öffentlichkeit
weitgehend unbemerkt, hat diese Gruppe inzwischen mehr als zwei Dutzend
Prozesse gegen Mitarbeiter des Weissen Hauses geführt. Alle Clinton-Berater
der ersten Stunde von George Stepanopoulos über James Carville und
Paul Begala mußten bereits vor Larry Klayman vor Gericht auftreten.
Ob Richard Mellon Scaife einen der Hauptzeugen des Sonderermittlers Starr
in Sachen Whitewater, den aus Arkansas stammenden Geschäftsmann David
Hale, bestochen hat, untersucht zur Zeit eine Grand Jury in der Stadt Fort
Smith im US-Bundesstaat Arkansas.
Nicht ohne Grund spricht Hillary Rodham Clinton, die leidgeprüfte First
Lady, von einer "weitverzweigten rechten Verschwörung" gegen
ihren Mann, deren Ziel es war Bill Clinton nach dem Rechtsruck bei den Kongreßwahlen
1994 eine zweite Amtszeit zu verunmöglichen.
Doch es kam anders: bei den Präsidentenwahlen 1996 blieb nicht Bill
Clinton sondern der Republikaner Bob Dole auf der Strecke.
2.
Dem schwer enttäuschten Richard Scaife blieb nur mehr Paula Jones:
die ehemalige Staatsangestellte aus Arkansas hatte ihre Klage gegen Clinton
wegen angeblicher sexueller Belästigung laufen. Als Gouverneur von
Arkansas soll er sie zu sich ins Hotelzimmer geladen haben, um oralen
Sex zu verlangen. Weil die Anwälte Paula Jones mangels Hard Facts
zu einem lukrativen Vergleich rieten, sprang das "Rutherford Institut"
ein. Es organisierte ein neues Juristenteam aus der Anwaltskanzlei Rader,
Campbell, Fisher and Pyke im texanischen Dallas und übernahm voll
die beträchtlichen Prozeßkosten. Das Verfahren sollte, koste
es was es wolle, fortgeführt werden: mehr als 30 konservative Anwälte
waren zuletzt als Berater von Paula Jones im Einsatz... Bis der Prozeß
mangels an Beweisen im Sommer 1998 von der zuständigen Richterin
eingestellt wurde.
Da hatte die Fackel in der Anti-Clinton-Schlacht allerdings schon ein
anderer übernommen: Kenneth W. Starr, Sohn eines konservativen Pastors
und Sonderstaatsanwalt, der eigentlich eingesetzt worden war um die Whitewater-Affaire
zu untersuchen. Die offenen Formulierungen des Gesetzes und der politische
Druck der Republikaner hatten es Starr jedoch ermöglicht, seine Untersuchung
auf so gut wie alle Lebensbereiche des Präsidenten auszudehnen. Und
weil die neuen Anwälte der Paula Jones den Fall Monica Lewinsky im
direkten Verhör mit Clinton aufbrachten, konnte Starr jenen Mechanismus
in Gang setzen, der schließlich zur Einleitung des Impeachment-Verfahrens
im Oktober 1998 führte: Millionen Dollar, hunderte Ermittler und
der Polizeiapparat der Supermacht Amerika wurde auf das Geheiß Kenneth
Starr's eingesetzt, um die Zahl der Ejakulationen des Präsidenten
und die Orgasmen seiner Gespielin zu protokollieren und Bill Clinton schließlich
- Triumph, Triumph - der Lüge zu überführen.
Politisch handelt es sich dabei um nicht weniger als den Putschversuch
einer religiös-fundamentalitischen Minderheit gegen einen zweimal
mit klarer Mehrheit demokratisch gewählten Präsidenten, von
dessen ungezügeltem Sexualleben die Bevölkerung spätestens
seit der Affaire um die blonde Nachtklubsängerin Jennifer Flowers
Anfang 1992 bestens Bescheid wußte. Von den Gründungsvätern
der Vereinigten Staaten war dem Kongreß einst die Möglichkeit
zur Amtsenthebung eines Präsidenten gegeben worden, weil man in den
Jahren nach der Unabhängigkeit von der Angst besessen war , ein Präsident
könnte Hochverrat begehen und die jungen Vereinigten Staaten wieder
der britischen Krone unterstellen. In den Händen von Kenneth Starr,
Newt Gingrich und Richard M.Scaife wurde daraus eine fundamentalistische
Hexenjagd: ein Tiefpunkt der amerikanischen Demokratie, mit weitreichenden
Folgen für die Verfassung der amerikanischen Gesellschaft ebenso
wie für die Stellung der USA in der Welt, der am Ende turbulenter
politischer Jahre steht.
Hat sich doch das amerikanische Selbstverständnis seit dem Ende des
Kalten Krieges in merkwürdiger und höchst widersprüchlicher
Weise verändert. Amerikas Vorherrschaft im Machtblock des Westens
schien während des Kalten Krieges so gut wie unantastbar: hunderte
Milliarden Dollar wurden Jahr für Jahr ungefragt in den gigantischen
Militärkomplex der Vereinigten Staaten investiert. Die Präsenz
amerikanischer Boys (und in zunehmendem Ausmaß auch Girls) auf so
gut wie allen Meeren der Erde, vom fernen Korea bis nach Deutschland,
galt als selbstverständlich. Amerika verstand sich selbst als Schutzschild
der freien Welt. Die amerikanische Identität war klar: die Vormachtstellung
der USA in der Welt ergab sich aus ihrer Rolle als Verteidiger der allgemeingültigen,
globalen Werte der Freiheit.
Diese identitätsstiftende Triebkraft des Kampfes gegen das "Evil
Empire", das sowjetische "Reich des Bösen", ist 1989
mit einem Schlag verschwunden. Die USA sind zwar als Sieger aus den Kalten
Krieg hervorgegangen, aber sie sind gleichzeitig psychologisch in ein
großes schwarzes Loch gefallen. Wie stark die amerikanische Gesellschaft
durch den Verlust des vertrauten Außenfeindes Sowjetunion verunsichert
ist, wurde vorerst durch den Golfkrieg noch verschleiert: in Wirklichkeit
hält diese Verunsicherung auch heute noch an, wie man an den extremen
Schwankungen der amerikanischen Außenpolitik zwischen isolationistischer
Nabelschau und offensivem Unilateralismus ablesen kann.
3.
Das erste große politische Opfer der neuen Situation wurde George
Bush (George Bush senior müßte man inzwischen wohl dazusagen,
nachdem George Bush Jr., der Sohn, gute Chancen hat im Jahr 2000 als republikanischer
Präsidentschaftskandidat anzutreten). Sein fehlender Instinkt für
die innenpolitischen Gestaltungsmöglichkeiten in den Monaten nach
dem Golfkrieg kosteten ihm die Präsidentschaft und beendeten die
12 konservativen Jahre, die mit Ronald Reagan begonnen hatten.
Nach den vielen Enttäuschungen der Clinton-Jahre wollen sich heute
Viele nicht mehr an die Atmosphäre in jener Nacht des 4.November
1992 in Washington erinnern: es war ein Klima eines echten Macht- und
Generationswechsels. Vieles schien damals möglich, was eineinhalb
Jahrzehnte undenkbar war: eine Verbesserung der Arbeitsschutzgesetze und
ein Comeback der Gewerkschaften; ein neuer Anlauf im Umweltschutz und
eine Gesundheitsreform; die längst überfällige Widerspiegelung
der amerikanischen Vielfalt an Hautfarben, Nationalitäten und des
beruflichen Aufstiegs der Frauen auch auf höherer Regierungsebene.
Bill Clinton und Al Gore sind zwar dem Zug der Zeit entsprechend als gemäßigte
"New Democrats", als "Neue Demokraten" angetreten,
die sich von der traditionellen linken Basis der Demokratischen Partei
emanzipiert hatten, aber die Erwartungshaltung an sie war trotzdem riesig.
Daß diese Erwartungen zumindest nicht ganz enttäuscht wurden,
ermöglicht Bill Clinton bis heute das politische Überleben:
"It's the economy, stupid" lautete der von Wahlmanager James
Carville geprägte vielzitierte Slogan der ersten Clinton-Campaign.
Ein Präsident kann sich nach einer derartigen Schwerpunktsetzung
wohl kaum bessere Rahmenbedingungen für seine Amtszeit wünschen,
als den längsten Konjunkturaufschwung der jüngeren Geschichte.
Clinton mag daran nur zum Teil beteiligt gewesen sein, aber schon dieser
Teil allein verschafft ihm bis heute jene sensationell hohen Popularitätswerte,
die auch das Monica Lewinsky-Trommelfeuer überstanden haben.
Was oft vergessen ist, das sind die Akzente seiner ersten Steuerreform
ganz zu Beginn der ersten Amtzeit: sie hat vor allem Besserverdiener belastet
und klassisch keynesianisch dem Staat zum Beginn des Wirtschaftszyklus
jene Finanzen zugeführt, die schließlich 1998 erstmals zu einem
ausgeglichenen Staatshaushalt geführt haben.
Trotzdem war die Aufbruchstimmung der ersten Clinton-Jahre rasch verspielt:
die politische Enttäuschung führte schließlich zum republikanischen
Triumph bei den Kongreßwahlen 1994. Entscheidend dafür war
die Unfähigkeit der Demokraten, einen der zentralsten Punkte ihres
Wahlprogrammes zu verwirklichen: eine Gesundheitsreform, die endlich auch
den Millionen unversicherten Amerikanern einen minimalen Schutz gewährt
hätte .
Das unter großer Geheimhaltung und unter Anleitung durch die Präsidentengattin
Hillary Clinton erarbeitete Reformprojekt scheiterte am Widerspruch des
damals noch mehrheitlich demokratischen Kongresses. Es war ein politisches
Desaster sondergleichen, das die Handlungsunfähigkeit der Demokraten
demonstrierte, selbst dann, wenn sie Weißes Haus und Kapitol gleichzeitig
in der Hand halten. Die Granden der Demokratischen Partei, die den Kongreß
jahrzehntelang so geführt hatten, als hätten sie ein Erbrecht
darauf, erwiesen sich als Blockierer selbst gegen den eigenen reformfreudigen
Präsidenten. Dieser wiederum mußte sich sagen lassen, daß
er sich in eine Schlacht gegen die vereinigten Lobbies von Ärzten,
Versicherungen und Pharmaindustrie geworfen hatte, für die er nicht
vorbereitet war.
4.
Das Resultat dieses Debakels war der Triumph Newt Gingrichs und seines
ultrakonservativen "Contract for America" in den Kongreßwahlen
1994: den Reformverheißungen der "New Democrats" Clinton
und Gore war nur zwei Jahre später die "konservative Revolution"
der einstigen republikanischen Hinterbänkler gefolgt. Das Ausmaß
des Pendelschwungs nach rechts war erstaunlich: nicht nur der bedächtigere
und traditionell konservativere Senat wechselte die Farbe, auch im Repräsentantenhaus
hatten von nun an die Republikaner die Mehrheit. Speaker Newt Gingrich,
der neue Messias der Rechten, wurde nicht müde wieder und wieder
zu betonen, daß nun mit der Abschaffung - wohlgemerkt: der Abschaffung
und nicht der Reform - des Wohlfahrtstaates begonnen werden könne.
Damit hatten sie die Republikaner zweifelsohne übernommen, wie der
Wahlsieg Clintons zwei Jahre später zeigen sollte. In größerem
Ausmaß als dies Newt Gingrich wahrhaben wollte, waren die Stimmen
für seine Kandidaten, auch Proteststimmen gewesen..
Trotzdem hat 1994 ein Rechtsruck in der amerikanischen Politik stattgefunden,
der auch noch vier Jahre später spürbar ist: in immer mehr Bereichen
wird die bislang praktizierte Politik der sogenannten "affermative
action", die bei gleicher Qualifikation bei Jobs und Ausbildungsplätzen
Angehörigen von Minderheiten und Frauen bevorzugt, zurückgedrängt.
Die Einwanderungspolitik ist restriktiver, die Kontrollen an den Grenzen
sind strenger geworden. Die Forderung nach mehr Polizei und härteren
Strafen, mit der sich schon Bill Clinton 1992 als "New Democrat"
positioniert hatte (inklusive dem aktiven Bekenntnis zur Todesstrafe,
die Clinton als Gouverneur noch im Wahlkampfjahr auch tatsächlich
vollstrecken ließ), ist noch lauter geworden. Vorsichtige Diskussionen
der ersten Clinton-Jahre über die Sinnhaftigkeit extremer Haftstrafen
für kleine Drogendealer oder gar eine teilweise Entkriminalisierung
leichter Drogen sind auf Bundesebene versiegt (Kalifornien hat dagegen
den medizinische begründeten Konsum von Marihuana trotz des wütenden
Widerstand des Drogenpapstes im Weißen Haus gestattet.)
Nach einer mehrmonatigen Schrecksekunde hat sich schließlich auch
Bill Clinton auf das neue Kräfteverhältnis eingestellt: mit
Hilfe seines Freundes Dick Morris begann sich der Präsident politisch
neu zu positionieren, indem er jene Punkte des "Contracts for America"
einfach übernahm, die unter den Durchschnittsverdienern der "middle
class" populär waren. "Triangulation" nannte Dick
Morris diese Operation. Hatte er noch zu Beginn seiner Amtszeit von stärkerem
Engagement des Staates für die sozial Schwachen gesprochen, so wurde
er nun selbst zum Advokaten einer - sozial abgefederten - Reduktion des
staatlichen Einflußes. Robert Reich, der brilliante ehemalige linksliberale
Arbeitsminister, hat in seinem tagebuchartigen Bericht "Locked inside
the Cabinet" spannend beschrieben, wie schwierig es war, diesen neuen
Kurs selbst im innersten Kreis um Clinton durchzubringen.
5.
Herzstück des neu positonierten Bill Clinton war das "Ja"
des Präsidenten zu der von den Republikanern ausgearbeiteten sogenannten
"Welfare"-Reform - der de facto Abschaffung des bundesstaatlichen
System der Sozialfürsorge.
Millionen bedürftige Amerikaner erhalten seit Lyndon B.Johnsons "Krieg
gegen die Armut" und zum Teil sogar schon seit dem New Deal Franklin
D. Roosevelts unter den verschiedensten Titeln Monat für Monat ein
paar hundert Dollar zum Überleben. Auch die berühmten "Food
Stamps", die Lebensmittelmarken, mit denen man in den Supermärkten
der Armenviertel bezahlen kann, gehören zu diesem System. In der
Öffentlichkeit hatte die "Welfare"-Diskussion seit jeher
einen rassistischen Unterton: obwohl statistisch gesehen die Mehrheit
der "Welfare"-Bezieher Weiße sind, geht es in der Öffentlichkeit
bei den sogenannten "Welfare-Queens", die als Sozialschmarotzer
von den öffentlichen Geldern angeblich in Saus und Braus leben, stets
um Schwarze. Besonders Newt Gingrich hatte die Forderung nach totalem
Abschaffen des bestehenden angeblich verschwenderischen Fürsorgesystems
zu einem zentralen Punkt seines Wahlkampfes gemacht, und in der "middle
class", den zumeist in den Vorstädten lebenden Durchschnittsverdienern,
ist er damit gut angekommen. Dazu kam, daß selbst Anhänger
des "Welfare"-Systems zugeben mußten, daß das System
teuer und inneffektiv ist und den Wiedereintritt in die Arbeitswelt nicht
gerade fördert.
Die vom republikanischen Kongreß verabschiedete sogenannte Reform
überantwortet die bisher vom Bund garantierte Fürsorgeleistung
den einzelnen Bundesstaaten. Innerhalb bestimmter Richtlinien sind die
Bundesstaaten frei, ihre eigenen Fürsorgegesetze zu erlassen - das
Geld bekommen sie dafür aus Washington. Zeitlich wird die Sozialfürsorge
jetzt nicht mehr unbeschränkt geleistet: spätestens nach zweiJahren,
in Sonderfällen nach fünf Jahren fällt jeder Bezieher aus
dem System heraus.
Vor allem diese Bestimmung hat sowohl bei den Betroffenen als auch unter
Sozialarbeitern große Besorgnis hervorgerufen: wie soll eine alleinstehende
Mutter mit fünf oder mehr Kindern im Washingtoner Armenghetto Anacostia
je die Qualifikation für eine ordentliche Beschäftigung bekommen?
Das Reformpaket der Republikaner sah keinerlei bundesstaatlich geförderte
Berufsausbildung oder Jobförderung vor, derartige Vorkehrungen bleiben
den traditionell knausrigen Bundesstaaten vorbehalten. Wird ein plötzlicher
mörderischer Druck auf alleinstehende Mütter, unter allen Umständen
einen Job anzunehmen, nicht zu weiterer Verwahrlosung der Jugend und damit
langfristig zu einem neuerlichen Anstieg der Kriminalität führen?,
lauteten eine der Fragen. Was passiert mit den Hunderttausenden Behinderten
oder den Alten und Kranken ohne amerikanische Staatsbürgerschaft,
die bisher mehr schlecht als recht dank der Fürsorge überlebt
haben?
In der Philosophie Newt Gingrichs ist nicht der Staat, sondern die private
Wohlfahrt für solche Fälle zuständig. Bei "Martha's
Table", der angesehensten privaten Hilfsorganisation in Washington,
beobachtet man seither tatsächlich einen stetigen Anstieg jener,
die sich um gebrauchte Kleider, Nahrungsmittel oder medizinische Versorgung
anstellen. Bisher ist es trotzdem dank der guten Konjunktur nicht zu der
befürchteten Explosion von Obdachlosigkeit und Massenelend unter
den Ärmsten Amerikas gekommen: das Weiße Haus behauptet sogar,
daß nicht nur die Zahl der Sozialhilfebezieher, sondern auch jene
der unter der Armutsgrenze Lebenden auf Grund der sinkenden Arbeitslosigkeit
zurückgeht.
Bill Clinton hat die Welfare Bill auf jeden Fall trotz der Bedenken vieler
seiner engsten Mitarbeiter auf Rat seines damaligen Chefberaters Dick
Morris unterschrieben, um sich von den Republikanern nicht als Beschützer
eines teuren und in der weißen "middle class" unpopulären
Sozialprogramms darstellen zu lassen. Die schlimmsten sozialen Härten,
etwa gegen Behinderte und Alte, wollte er nach einer gewonnenen Präsidentenwahl
wieder ausgleichen - dies ist allerdings bisher nur zum Teil gelungen.
Dick Morris mußte bald darauf wegen einer skurrilen Beziehung zu
einer Prostituierten gehen: von den stressigen Sitzungen im Weißen
Haus erholte sich der Lebemann beim Zehenlutschen immer dergleichen käuflichen
Dame in einer Hotelsuite wenige Schritte vom Amtssitz des Präsidenten
entfernt.
6.
Den Kurs des Dick Morris hielt Clinton auch ohne seinen Erfinder im Wahlkampf
1995/6 bei: ausgestattet mit den Credentials des harten sozialen Sparers
gegenüber den Welfare-Beziehern stürzte er sich aber gleichzeitig
politisch höchst geschickt in einen spektakulären Konflikt mit
dem republikanischen Kongreß um zusätzliche soziale Einsparungen
im Budget 1996. Tagelang blieben die Staatsbediensteten ohne Lohn.Vom
Park Service im Nationalwahrzeichen Yellowstone Park bis zur Pensionsauszahlungsstelle
für Kriegsveteranen waren die Bundesbehörden geschlossen. Diesmal
fühlten sich auch die Durchschnittsverdiener der "middle class"
von der Sparwut der Republikaner bedroht und Bill Clinton ging als großer
politischer Sieger aus dem Konflikt hervor.
Damit war die Grundkonstellation für das Wahljahr 1996 vorgegeben:
Bill Clinton erschien als der Garant dafür, daß der republikanische
Kürzungswahn nicht überhand nimmt. Die Amerikaner hatten zwei
Jahre zuvor zwar gegen die unbeweglichen demokratischen Dinosaurier im
Kongreß gestimmt, waren aber deshalb noch langen nicht für
die von Gingrich gepredigte konservative Revolution zu begeistern. Im
Gegenteil: der Radikalismus des neuen, republikanischen Kongresses hat
viele derart verschreckt, daß ein Präsident aus den Reihen
der Demokraten immer wichtiger wurde. Wenn schon Globalisierung und Modernisierung
unumgänglich waren, wie Politiker jeder Couleur ununterbrochen predigten,
dann wollte man zumindest die etwas gemäßigtere und vorsichtigere
Variante, für die Bill Clinton stand. Zwar versuchten sich die Republikaner
auf ihrem Wahlparteitag in San Diego im Sommer 1996 von den radikalen
Parolen des rechten Flügels zu distanzieren, aber der Versuch mißlang:
Bill Clinton schaffte 1996 als erster Demokrat seit Harry Truman eine
zweite Amtszeit.
7.
Aus der Bahn geworfen wurde durch diese neuerliche politische Pendelbewegung
der Vordenker der Republikaner und Führer der nun gescheiterten konservativen
Revolution Newt Gingrich: er gehört seither zu den unpopulärsten
Politikern Amerikas. Dabei hat Gingrich unzweifelhaft das Verdienst, die
große konservative Partei Amerikas zu einer zukunftsorientierten
Bewegung zu machen, offen für die Chancen der Informationsgesellschaft
und immer bereit auch unkonventionelle, neue Ideen zu diskutieren. Der
Internet-Freak Gingrich wollte einmal sogar jedem amerikanischen Kind
einen Laptop schenken, damit Amerika im globalen Konkurrenzkampf der globalisierten
Welt auch weiter vorne bleibt. Seinen verduzten republikanischen Kollegen
verpaßte er jede Woche eine neue Bücherliste zur Lektüre
für das Wochenende, auf der keineswegs nur parteitreue Autoren standen.
Die Zukunftsforscher Heidi und Alvin Toffler waren mit ihren Thesen von
der bevorstehenden "Dritten Welle der Zivilisation" lange Zeit
seine wichtigsten Autoren. Nach einer seiner Vorlesungen über Amerikanische
Geschichte im Reinhard College bei Atlanta in seinem Heimat-Bundesstaat
Georgia habe ich ihn einmal gefragt, was der konservative Revolutionär
Newt Gingrich denn eigentlich von einem anderen großen Revolutionär
hält, nämlich von Karl Marx. Immerhin hielt der republikanische
Speaker den Autor des "Kommunistischen Manifests" weder für
einen sowjetischen Regierungssprecher, wie die meisten seiner Kongreß-Kollegen,
noch verwechselte er ihn mit Hollywoods "Groucho" Marx: "Karl
Marx bleibt eine intellektuelle Herausforderung", meinte Gingrich.
Der Begründer des Sozialismus habe "eine falsche aber spannende
Analyse de europäischen Industriekapitalismus in der zweiten Hälfte
des 19.Jahrhunderts," geliefert, so der Führer der amerikanischen
Konservativen.
Böse Zungen in Washington behaupten inzwischen, daß Newt Gingrich
nach wie vor davon träumt, einmal Präsident werden zu können,
obwohl er sehr wohl weiß, daß dies auf normalem Weg nur schwer
möglich sein wird. Seine einzige Chance sehe er daher in einem doppelten
Kollaps der gegenwärtigen Administration: wenn Clinton via Impeachment
seines Amts enthoben würde und Al Gore wegen seiner Spendenaffaire
zurücktreten müßte, bevor er einen Vizepräsidenten
nominiert hat, ist laut Verfassung der "Speaker" der nächste
Präsident. Dies erscheint allerdings eher als eine Variante für
Washingtoner Salongespräche als eine realistische politische Perspektive,
ist doch zur Zeit selbst für eine Amtsenthebung Bill Clintons keine
Mehrheit in Sicht.
Pikant ist allemal, daß Gingrich als Speaker über die Anklageerhebung
gegen Bill Clinton ganz wesentlich mitentscheiden wird: ist er doch selbst
erst vor Kurzem wegen ethischer Verfehlungen vom Repräsentantenhaus
zu einer hohen Geldstrafe verurteilt worden. Dabei war es aber nicht um
Sex, ob oral oder nicht, gegangen, sondern um den Verdacht der Bestechung:
Gingrich hatte sich vom australischen Medientycoon Rupert Murdoch einen
millionenschweren Vorschuß auf seine Memoiren zahlen lassen, was
umso anstößiger wirkte, als Murdoch vom Kongreß zur gleichen
Zeit eine ihm günstige neue Mediengesetzgebung haben wollte.
8.
Politisch ist das Resultat dieses doppelten Scheiterns, sowohl des Clintonschen
Reformaufbruchs von 1992 als auch der konservativen Revolution von 1994,
eine total blockierte politische Situation. Das demokratische Weiße
Haus und der republikanische Kongreß behindern einander wechselseitig,
wobei weder die eine noch die andere Seite über ein über das
Tagesgeschäft hinausgehendes Projekt verfügt. Dank der guten
Konjunktur der vergangenen Jahre sind die Staatskassen voll: die USA haben
das Kunststück fertig gebracht, ihr Budgetdefizit auf null zu reduzieren
und einen Überschuß zu erwirtschaften. Aber das politische
System steckt in einer derartigen Sackgasse, daß keines der großen
anstehenden Probleme, sei es die schreienden Defizite des amerikanischen
Bildungswesens oder die großen sozialen Widersprüche auch nur
angegangen werden.
Auch in der Außenpolitik steht der Isolationismus eines großen
Teils der Abgeordneten und Senatoren zum Tatendrang einer grundsätzlich
aktivistisch eingestellten Außenministerin Madeleine Albright quer:
Jesse Helms, der aus South Carolina stammende Vorsitzende des Außenpolitischen
Ausschußes im Senat, haßt alles, was nach internationaler
Organisation klingt. Seit Jahren blockiert er mit seinen Freunden die
Begleichung der amerikanischen Schulden an die Vereinten Nationen. Selbst
die drohende internationale Finanzkrise konnte die Republikaner wochenlang
nicht dazu bewegen, eine dringend
nötige Finanzaufstockung für den internationalen Währungsfonds
zu bewilligen.
Von einem großen Wurf - sei es dem globalen Führungsanspruch
während des Kalten Krieges oder der kurzlebigen Idee einer "Neuen
Weltordnung" - ist die amerikanische Außenpolitik dementsprechend
weit entfernt. Der internationale Kurs der USA erscheint dagegen immer
mehr als das Resultat eines widersprüchlichen Mixes zweier einander
entgegengesetzter Tendenzen: einerseits der weitgehenden Ignoranz gegenüber
dem Rest der Welt, der im Kongreß herrscht, andererseits der Realität
der weltumspannenden Interessen und der globalen Präsenz der USA
als einziger verbleibender Weltmacht. Was herauskommt ist eine Supermacht,
die zögert, bevor sie zuschlägt. Die amerikanischen Streitkräfte
verfügen zwar über fast so viele Waffen, wie alle anderen Armeen
der Welt zusammen, sie wollen aber nur intervenieren, wenn auch nicht
einem einzigen Soldaten ein Haar gekrümmt wird. So sind auch Cruise
Missiles das bevorzugte Instrument der jüngsten amerikanischen Militärpolitik:
sie demonstrieren die technologische Überlegenheit der Führungsmacht
USA, gefährden aber weder Piloten noch Flugzeuge. Typisch der sogenannte
Vergeltungsschlag gegen den Sudan nach den mörderischen Anschlägen
auf die amerikanischen Botschaften in Nairobi und Dar el Salam im vergangenen
Sommer: die USA wollten damit zeigen, daß sie in der Lage sind,
jederzeit und überall zuzuschlagen, wenn sie es wollen. Gleichzeitig
hat sich Präsident Clinton aber persönlich darum gekümmert,
daß es in der Pharmafabrik in Khartum auch ganz sicher keine Nachtschicht
gibt, weil man Todesopfer vermeiden wollte (die es auch tatsächlich
nicht gegeben hat.).
9.
Daß diese Luftschläge gegen den Sudan und Afghanistan in weiten
Teilen der Welt als Ablenkungsmanöver eines durch die Sexaffaire
um Monica Lewinsky in Bedrängnis geratenen Präsidenten interpretiert
wurden, zeigt wie sehr sich die verfahrene innenpolitische Situation in
Washington bereits auf die Stellung der USA in der Welt auswirkt. Denn
immer mehr ist der Anti-Clinton-Kreuzzug in Sachen Lewinsky für die
Republikaner zum Ersatz für die fehlende politische Strategie geworden.
Der wie ein Großinquisitor agierende Sonderstaatsanwalt Kenneth
W.Starr mit der ganzen Riege der Anti-Clinton-Kämpfer um Richard
Mellon Scaife und den "American Spectator" im Rücken hat
den futuristisch-konservativen Strategen Newt Gingrich als Oppositionsführer
de facto längst abgelöst. Die die Amtsenthebung, laut dem New
Yorker Staranwalt Alan Dershowitz eine Art "unblutige Revolution",
ist das einzige erkennbare große Ziel der republikanischen Politik.
Die Erklärung, wie es zu einer derartigen Polarisierung des amerikanischen
politischen Lebens kommen konnte, ist nicht ganz einfach: Norman Birnbaum,
Professor an der angesehenen Georgetown University in Washington, spricht
von einem Kulturkrieg und der Revanche religiöser Fundamentalisten
aus den Südstaaten für die langjährige Vorherrschaft der
liberalen und weltoffenen Tradition von West- und Ostküste. "Nicht
die Wall Street und die Wirtschaft sind die treibende Kraft," argumentiert
Birnbaum, "Die ökonomischen Eliten wissen den wirtschaftfreundlichen
Kurs Clintons zu schätzen. Die Impulse kommen aus der konservativen,
tiefreligiösen Provinz."
In der Pariser Tageszeitung "Le Monde" versuchte der politische
Essayist Alexander Adler eine zusätzliche Interpretation: es gehe
in Wirklichkeit nicht so sehr um die Person Clintons, dessen unappetitliches
Sexualleben sich nicht entscheidend von dem mancher seiner Vorgänger
unterscheidet, sondern um eine Fortsetzung der gescheiterten "konservativen
Revolution" mit anderen Mitteln.
Hinter dem Kreuzzug Kenneth W.Starrs steckt laut Adler das Bemühen
der Rechten, das Amt des Präsidenten selbst zu beschädigen.
Denn seit Franklin D. Roosevelt waren Präsidentschaft und Bundesbürokratie
letztlich Faktoren, die den sozial Schwachen geholfen haben. (Höchstens
die Jahre Ronald Reagans bilden hier eine Ausnahme.) Mit seinem Veto gegen
die radikalen Sozialabbaupläne der Republikaner, seinem Engagement
gegen Rassismus und siner Vision einer "Globalisierung mit menschlichem
Antlitz" paßt Clinton genau in das von Roosevelt und Johnson
geprägte Bild. Die konservative Rechte dagegen träumt von einer
Rückkehr zu Vor-New-Deal-Zeiten der "Big Business-Präsidenten"
Herbert C.Hoover oder Calvin Coolidge, warnt "Le Monde".
Wenn das stimmt, dann wäre ein möglicher Rücktritt Clintons
unter dem Druck einer nicht enden wollenden Untersuchung im Kongreß
und möglicherweise irgendwann einmal fallender Popularitätswerte
ein gefährliches politisches Signal: es wäre der Triumph der
Methode der persönlichen Vernichtung und ein demokratiepolitisches
Desaster.
Gute Optionen gibt es für die amerikanische Politik in der unmittelbaren
Zukunft wohl keine. Auch ein Präsident, der sich hält und vielleicht
mit einem Tadel oder einer Geldstrafe davonkommt, ist kaum mehr politisch
handlungsfähig. Aber zumindest wäre klargestellt, daß
feuchte Knutscherein im Seitengang des Oval Office nicht ausreichen, ein
zweimaliges eindeutiges Votum des Volkes zu revidieren.
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