Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Die Belgienkrise, Europäische Rundschau, 2010/3

Belgien wird mit seinen komplizierten Entscheidungsprozessen manchmal als eine Europäische Union im Kleinen bezeichnet. Der belgische Regierungschef kann ohne die selbstbewussten Ministerpräsidenten der Regionen nichts bewegen. Er ist von den Mehrheitsverhältnissen im flämischen oder wallonischen Parlament nahezu ebenso abhängig, wie von der Parteienkonstellation im gemeinsamen belgischen Parlament. Sogar die kleine deutsche Gemeinschaft spielt mit einem eigenen Ministerpräsidenten im Konzert der belgischen Regionen mit. Für die meisten Bürger Flanderns oder der Wallonie ist das belgische Abgeordnetenhaus ähnlich weit entfernt wie das Europäische Parlament. Wallonen und Flamen lesen andere Zeitungen und bewundern andere Fernsehstars. Sie wählen unterschiedliche Parteien und arbeiten in separaten Firmen oder Büros. Nur die Hauptstadt Brüssel, als eigenständige, zweisprachige Region innerhalb der geografischen Grenzen Flanderns gelegen, ist gemeinsamer Lebensraum für beide Völker.
Ein belgischer Regierungschef hat mit dem nur wenige Häuserblocks von sinem Amtssitz in der Rue de la Loi entfernt residierenden EU-Kommissionspräsidenten eines gemeinsam: er ist nicht vom Volk gewählt, sondern das Resultat eines Kompromisses zwischen den eigentlichen Machthabern in den EU-Mitgliedsstaaten oder, im Fall Belgiens, in den Regionen. Der erste Anlauf zu einer Regierungsbildung nach den Parlamentswahlen vom 13. Juni durch den französischsprachigen Sozialisten Elio di Rupo ist trotz des anfänglichen Segens durch den flämisch-nationalistischen Wahlsieger des Nordens, Bart de Wever, wegen des Streits um den Finanzausgleich zwischen dem reicheren Norden und dem ärmeren Süden stecken geblieben.
Die beiden Staatsvölker Belgiens, die niederländisch sprechenden Flamen und die frankophonen Wallonen wählen bei Parlamentswahlen ihre nationalen Vertretern ohne miteinander in Berührung zu kommen. Weil die belgischen Parteien seit langem entlang nationaler Trennlinien gespalten sind, fühlt sich kein Abgeordneter sowohl flämischen als auch wallonischen Wählern verantwortlich. Kein Politiker muss in beiden Landesteilen erfolgreich sein. Nicht einmal zu einer Fernsehdiskussion der Spitzenkandidaten aus allen Landesteilen ist es im letzten Wahlkampf gekommen, so getrennt verlaufen die politischen Meinungsbildungsprozesse.
Auch in Belgien sind es, ebenso wie bei den meisten neuen Nationalitätenkonflikten in Europa, historische Wunden, die den Konflikt verschärfen. Heute ist Flandern der wirtschaftliche erfolgreichere Landesteil. Die einst durch ihre Schwerindustrie dominante Wallonie leidet an den nicht bewältigten Strukturproblemen. Das heute wohlhabende Flandern will Revanche für die nationale Unterdrückung in den Jahrzehnten nach der Gründung des belgischen Königreiches 1830. Als konstitutionelle Monarchie war Belgien im 19.Jahrhundert zwar das freieste Land Europas. Karl Marx entwarf 1847 im Exil in Brüssel das Kommunistische Manifest. Aber an Universitäten, vor Gericht und im Parlament wurde ausschließlich Französisch gesprochen. Flämisch galt als ungehobelten Bauerndialekt und war selbst bei den Eliten Flanderns verpönt. Die Geschichte der flämischen Soldaten, die in den Schützengräben des Ersten Weltkrieg jämmerlich zu Grunde gingen, weil sie die französischen Befehle ihrer Offiziere nicht verstanden, wird in Flandern noch heute gerne erzählt. Im Gegenzug konzentriert sich die wallonische Sicht des flämischen Nationalismus gerne auf die Kollaboration führender flämischer Aktivisten mit den deutschen Besatzern in beiden Weltkriegen des 20.Jahrhunderts.
Die belgischen Verhältnisse so neu zu regeln, dass die nationalistischen Emotionen Flanderns befriedigt werden, der Preis für die Wallonie im Süden aber akzeptabel bleibt, gilt als die große Herausforderung seit dem Wahlsieg der separatistischen Neuen Flämischen Allianz (NVA) Bart De Wevers vom vergangenen Juni. Eine zusätzliche Schwierigkeit ist die zunehmende weltanschauliche Auseinanderentwicklung der beiden Landesteile. Flandern wählte konservativ-nationalistisch. Im Süden waren dagegen die Sozialisten unter ihrem langjährigen Vorsitzenden Elio di Rupo erfolgreich.
Die beiden Politikerpersönlichkeiten, die jetzt in Belgien den Ton angeben, könnten unterschiedlicher nicht sein.
Bart de Wever strebt eine schrittweise Auflösung Belgiens an, man könnte ihn als evolutionären Separatisten bezeichnen. Sein Fernziel ist ein flämischer Nationalstaat. Von einer aus dem konservativen Flügel der nationalistischen Volksunie der Siebzigerjahren hervorgegangenen bedeutungslosen Minipartei machte er die NVA innerhalb von nur sieben Jahren zur ersten Kraft des Landes. Bei den letzten Parlamentswahlen konnte die NVA dem intern zerstrittenen rechtsextremen Vlaams Belang Stimmen abjagen und gleichzeitig auch Protestwähler aus dem Lager der traditionellen bürgerlichen Regierungsparteien gewonnen. Erstmals ist der flämische Separatismus damit von der extremen Rechten in die demokratische Mitte gewandert.
Der Vlaams Belang, Nachfolgeorganisation des wegen Rassismus vom Höchstgericht verurteilten Vlaams Blok, gehört zu den großen Verlieren dieser Entwicklung. Von 930 000 Stimmen bei den Europawahlen 2003 ist die Rechtsaußenpartei im Juni 2010 auf 490 000 gefallen. Die Rechtsextremen wurden halbiert. Die Politik des "Cordon sanitaire", mit der die demokratischen Parteien die Organisation seit Jahren in Gemeinden und Regionen aus Regierungskoalitionen fernhalten, hat trotz mancher Schwankungen gehalten. Anders als Gert Wilders in den Niederlanden oder Heinz-Christian Strache in Österreich haben die Führungsfiguren des Vlaams Belang nur selten Zugang zur großen Öffentlichkeit, weil die belgischen Medien über ihre Aktivitäten kaum berichten.
Die Vorstellung von einem unabhängigen flämischen Staat, die anfangs das prägende Markenzeichen der Rechtsextremisten war, ist dank des Aufstiegs der Mitte-Rechts-Separatisten des NVA-Chefs Bart de Wevers allerdings im politischen Mainstream angekommen.
Demokratische Legitimationsprobleme in der eigenen Volksgruppe hatte Bart De Wever nie. Um sich als ernsthafter Gesprächspartner auch in der Wallonie zu profilieren, stellte er schon im Wahlkampf eine für Flandern fast unvorstellbare Idee in den Raum: ein Politiker aus der französischsprachigen Minderheit, ja vielleicht sogar ein Sozialist, könnte erstmals seit 1974 belgischer Regierungschef werden, wenn die frankophonen Parteien dafür größeren Kompetenzen für die Regionen zustimmen.
Sozialistenchef Elio di Rupo, der in der Wallonie als einer der wenigen Sozialdemokraten Europas bei den Juniwahlen triumphierte, hat diese Herausforderung angenommen und über den Sommer im Auftrag König Albert II. Koalitionsgespräche mit vier flämischen und zwei frankophonen Parteien geführt: den Separatisten der NVA, den flämischen und wallonischen Christdemokraten sowie der sozialistischen Schwesterpartei Flanderns. Die beiden grünen Parteien wurden zu den Verhandlungen über die Staatsreform beigezogen. Ausgeschlossen blieben nur die liberalen Wahlverlierer beider Landesteile. Ende August musste Elio di Rupo dem König allerdings einen Misserfolg melden. Das erhoffte pragmatische Achse zwischen dem flämischen Nationalisten Bert de Wever und dem wallonischen Sozialisten Di Rupo hatte sich nicht als ausreichend stabil erwiesen.
Für breite Teile der flämischen Öffentlichkeit symbolisieren die Sozialisten all das, was man in Flandern gerne an den wallonischen Strukturen kritisiert: überbordende Bürokratie, ein kostspieliges Sozialsystem und hohe Inflexibilität. Noch in der unmittelbaren Nachkriegszeit, als die Blütezeit der belgischen Kohle und Stahlindustrie bereits zur Neige ging, waren die belgischen Sozialdemokraten in den Industriestädten des Südens unangefochten Nummer eins. Korruptionsfälle, die die Partei immer wieder erschüttern, sind eine Folge vergangener Allmacht.
Elio Di Rupo hat es jedoch geschafft die Partei nach Bestechungsskandalen um Rüstungskäufe in den Neunzigerjahren durch eine Annäherung an die erfolgreichen Grünen neu zu positionieren und die Serie sozialistischer Wahlniederlagen zu beenden. Mit seinem äußeren Markenzeichen, der Fliege, gehört der Sohn italienischer Wanderarbeiter inzwischen zum belgischen politischen Establishment. Elio di Rupo ist einer der wenigen europäischen Spitzenpolitiker, die sich offen zu ihrer Homosexualität bekennen. In der belgischen Innenpolitik ist die sexuelle Orientierung des Sozialistenchefs seit langem kein Thema mehr. Mit der flämischen Sprache tut sich das Arbeiterkind aus der italienischen Migrantenfamilie aber schwer. Viele Kommentatoren fragen sich, ob es ein bewusster Schachzug des Nationalisten Bart De Wever war, gerade jemanden als Regierungschef vorzuschlagen, den viele Flamen schon wegen der sprachlichen Distanz ablehnen.
Die grundsätzlichere Frage, ob die flämisch-separatistische NVA überhaupt Interesse an einer erfolgreichen Koalition im Bund haben kann, wenn sie doch von einer Auflösung des belgischen Staates träumt, wird in der belgischen Presse seit den Wahlen heftig diskutiert. Optimisten weisen darauf hin, dass die große Mehrheit der Flamen keine direkte Spaltung Belgiens befürwortet und mit zusätzlichen Kompetenzen für die Regionen zufrieden wäre. Gelingt Bart De Wever eine Staatsreform in Richtung Konföderation, dann könnte das ersehnte unabhängige Flandern vielleicht in eine ferne Zukunft verschoben werden. Die NVA hätte geschafft, woran Liberale und Christdemokraten gescheitert sind: die Überwindung der durch den Sprachenstreit blockierten Situation. Die evolutionäre Variante des Nationalismus könnte ihre Stellung als erste politische Kraft Flanderns auf lange Zeit festigen.
Das emotional beladenste Problem, das Flamen und Wallonen lösen müssen, betrifft die Situation der französischsprachigen Minderheit in den Brüsseler Randgemeinden. In der letzten Staatsreform vor mehr als 20 Jahren wurde die Hauptstadt Brüssel zur eigenen Region gemacht, gleichberechtigt mit Flandern und der Wallonie. Brüssel verfügt über ein eigenes Regionalparlament und einen eigenen Ministerpräsidenten. Die Flamen sind in Brüssel zwar eine schrumpfende Minderheit, aber es herrscht strenger Sprachproporz. Offizielle Aufschriften sind zweisprachig und jede Polizeipatrouille muss sowohl flämisch als auch niederländisch amtshandeln können. Anders als in der Wallonie und in Flandern, wo nur die jeweiligen nationalen Parteien kandidieren, treten in Brüssel bei Wahlen sowohl flämische als auch frankophone Bewerber an.
Dieser zweisprachige Wahlkreis reicht aber über die geografischen Grenzen der Region Brüssel hinaus und umfasst im Wahlkreis Brüssel-Halle -Vilvoorde auch 35 Gemeinden, die zu Flandern gehören. Weil der Wahlkreis Brüssel-Halle Vilvoorde auch Gerichtsbezirk ist, können die im Einzugsgebiet Brüssels lebenden frankophonen Belgier vor Gericht ihre Muttersprache benützen, obwohl in Flandern eigentlich Flämisch die Amtssprache ist. Aus flämischer Sicht eine empörende Bevorzugung der früheren Herrschernation. 2003 hat das belgische Höchstgericht diese Sonderregeln für verfassungswidrig erklärt. Seither tobt der politische Kampf um eine Neuordnung. Die flämischen Parteien von ganz links bis ganz rechts verlangen geschlossen die Spaltung des umstrittenen Wahlbezirks entlang der territorialen Grenzen. Dagegen lehnen die frankophonen Politiker jede Einschränkung der Rechte französischsprachiger Bürger im Umkreis Brüssels ab. Alle Kompromissvorschläge sind bisher an der Verbissenheit gescheitert, mit der in diesem anachronistisch mutenden Disput um jeden Millimeter Sprachenhoheit vor den Toren der EU-Hauptstadt Brüssel gekämpft wird.
Die Forderungen der flämischen Parteien nach einer Staatsreform gehen jedoch weit über die Lösung des Sprachenstreits hinaus. Das Gravitationszentrum der belgischen Politik soll verlegt werden. Der christdemokratische flämische Ministerpräsident Kris Peteers, kein Separatist, fordert eine "kopernikanischen Wende" weg vom Bund in Richtung der Regionen. Von der Sozialversicherung bis zu den Familienbeihilfen, von der Arbeitsmarktpolitik bis zu den Steuern sollen die Regionen das letzte Wort haben. Eine Aufsplitterung des Sozialstaates, die dem wirtschaftlich starken Flandern die teuren Sozialtransfers in den ärmeren Süden ersparen würde. Von 10 Milliarden Euro aus dem arbeitssamen Flandern, die jährlich in die Wallonie und nach Brüssel wandern, ist in den Medien die Rede. Wallonische Ökonomen bestreiten diese Zahl und verweisen auf die Subvention des Nordens durch die damals wirtschaftlich starke Wallonie nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie Belgien mit dem Egoismus seiner wohlhabenden Mehrheit umgeht, wird man auch in anderen Teilen Europas aufmerksam verfolgen.
Eine große Hürde für jede belgische Staatsreform stellt das Schicksal der Region Brüssel dar, der wichtigsten Klammer Belgiens. Das politische Zentrum Europas ist belgischer Regierungssitz und gleichzeitig flämische Hauptstadt, aber mehrheitlich französischsprachig. Hunderttausende Pendler, die jeden Tag in die Stadt strömen, kommen aus dem umliegenden Flandern, wo sie ihre Steuern und Abgaben zahlen. Jeder Schritt zur Dezentralisierung des belgischen Steuer- und Sozialsystems wird mit einem besonderen Ausgleich für Brüssel verbunden sein müssen. Eine bittere Pille für die flämischen Parteien, die Doppelgeleisigkeit und Inneffizienz in der aufgeblähten Verwaltung der Millionenstadt kritisieren, in der außerhalb des Zentrums die Bezirke selbständige Minigemeinden sind.
Noch schwerer vorstellbar ist die Zukunft des zweisprachigen Brüssels, sollte sich Belgien tatsächlich auflösen. Weder Flamen, für die Brüssel historisches Territorium ist, noch Wallonen könnten auf die Hauptstadt verzichten. Eine Bedeutung, die durch die Europäischen Institutionen, regelmäßige EU-Gipfel und das NATO-Hauptquartier in der belgischen Hauptstadt noch verstärkt wird. Tatsächlich macht Brüssel in einer Phase, in der sich die Volksgruppen immer mehr voneinander abschotten, eine völlig entgegengesetzte Entwicklung durch. Die Stadt wird immer internationaler und ethnisch gemischter. Die englischsprachige Gruppe der "Europäer" ist aus den Kinos, Supermärkten und Parks der Stadt nicht mehr wegzudenken.
Die französischsprachige Tageszeitung "Le Soir" hat für den Fall, dass Belgien stirbt, vor einiger Zeit die Umwandlung der Hauptstadt zum "Distrikt Europas" nach dem Vorbild von Washington DC zur Diskussion gestellt. Ein multikultureller Stadtstaat Brüssel DE müsste sich im Fall der Scheidung weder Flandern noch der Wallonie anschließen. Brüssel, Distrikt Europas, das ist zweifelsohne Science Fiction, nicht nur aus der belgischen Perspektive. Schließlich hat die Europäische Union weder den Willen noch das Instrumentarium um ein Territorium zu verwalten. Die Diskussion zeigt, wie ernst die Verankerung Belgiens in der EU in beiden Volksgruppen genommen wird. Die Europahymne wird in allen belgischen Landesteilen gerne gespielt. Im Meer der flämischen Flaggen des Nordens kann man die blaue Europafahne häufiger finden, als die belgische Trikolore. Gleichzeitig erleichtert die Europäische Union jedoch auch das gedankliche Va Banque-Spiel mit der Scheidung. Schließlich hat man die Gewissheit, dass der Euro als Währung bleiben wird, egal wie groß die innenpolitischen Turbulenzen auch sein mögen.
Vielleicht kann die Verbindung mit Europa dazu beitragen, dass die Auseinanderentwicklung der Volksgruppen Belgiens nicht unumkehrbar bleibt. Aber vorläufig sind die zentrifugalen Kräfte die vorherrschende Tendenz. Gut möglich, dass von Belgien am 200sten Jahrestag der Staatsgründung 2030 nur mehr eine lose durch das Königshaus verbundene Konföderation zweier autonomer Regionalstaaten übrig sein wird.
Brüssel, 1.9.2010

 

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