Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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EU nach Topolanek-Rücktritt, MoJ, 2.4.2009

IN Prag haben sich die tschechischen Parteien auf die Bildung einer Übergangsregierung geeinigt, die das Land bis zu den im Herbst bevorstehenden Wahlen führen soll. Mirek Topolanek, der amtierende Regierungschef muss spätestens Anfang Mai seinen Sessel räumen. Auch als EU-Ratsvorsitzender. Eine ungewöhnliche Situation für die Europäische Union, in der es erst einen ständigen Präsidenten geben wird, wenn der Reformvertrag in allen 27 Mitgliedsstaaten ratifiziert ist.
BEITRAG
Schon seit dem Sturz Mirek Topolaneks läuft die EU in Wirklichkeit auf Autopilot. Ein entmachteter Regierungschef hat als EU-Ratspräsident kaum mehr politische Autorität. Das wenig diplomatische Urteil über die amerikanische Konjunkturpolitik als Weg zur Hölle zerstörte den letzten Rest Glaubwürdigkeit des Noch-Regierungschefs aus Tschechien.
Dass es aber ab Mai in Prag nur mehr ein aus Experten bestehendes Übergangskabinett geben soll, verschärft die Situation zusätzlich. Immerhin ist Tschechien noch bis Ende Juni Vorsitzland in der EU. In Dutzenden Arbeitsgruppen, Komitees und Ausschüssen, die das Räderwerk der Europäischen Union ausmachen, haben tschechische Vertreter den Vorsitz. Der tschechische Botschafter leitet den wichtigen Ausschuss der Ständigen Vertreter in Brüssel, das Herzstück des Entscheidungsprozesses der Mitgliedstaaten. Ohne Minister, die den politischen Takt vorgeben, droht die Vorsitzführung zur reinen Verwaltung zu werden.
Bedenklich ist das vor allem in der Außenpolitik und in der Finanzpolitik, wo in den letzten Monaten vor allem Krisenmanagement gefragt war.
Auch in der hohen Politik Europas hängt sehr viel von persönlichen Beziehungen ab. Ein Fachminister, den niemand kennt und den niemand kennt, wird sich als Vorsitzender schwer tun.
In Brüssel weist man daraufhin, dass ein wachsender Teil der Sacharbeit sowieso von den zuständigen Experten in Brüssel geleistet wird. Für dieses Know How der vielgeschmähten EU-Bürokratie werden in den nächsten Monaten wohl alle Mitgliedsstaaten recht dankbar sein.
Regierungswechsel während einer EU-Präsidentschaft hat es in der Vergangenheit immer wieder gegeben. Aber ein unpolitisches Übergangskabinett, das mehrere Monate lang den Vorsitz ausüben wird, wie es jetzt Tschechien plant, das ist neu. Immerhin stehen noch vor dem Sommer wichtige Weichenstellungen für die personelle Zusammensetzung der nächsten Kommission bevor.
Mehr noch als um das tägliche EU-Management, sorgt man sich in Brüssel um die Zukunft des Reformvertrages. Denn mehr denn je zeigen die tschechischen Wirren, wie krisenanfällig die alle sechs Monate rotierende Präsidentschaft ist. Gäbe es jetzt schon den ständigen EU-Präsidenten, wie der Reformvertrag das ja vorsieht, dann wären die tschechischen Turbulenzen um vieles leichter zu meistern. Aber jetzt scheinen nach dem Referendum in Irland die unsicheren Mehrheitsverhältnisse im Senat in Prag, der noch abstimmen muss, zur neuen großen Hürde zu werden.
Eines ist klar: wenn im Juli dann Schweden die nächste Präsidentschaft übernimmt, wird auch den besten Freunden Tschechiens in der EU ein Stein vom Herzen fallen.

 

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