Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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EU zu Gül-Präsidentschaft in der Türkei, MoJ, 29.8.2007

MODERATION
Die Beitrittsverhandlungen EU-Türkei, die vor 3 Jahren beschlossen wurden, seit her nur schleppend vorangenkommen. Entscheidend dafür waren sowohl die Skepsis in Europa also auch der langsame Fortschritt der Reformen in Türkei. Die gestrige Entscheidung über Abdullah Gül als neuenj Staatspräsidenten hat auch für Brüssel eine neue Situation geschaffen.
BEITRAG
Mit der Wahl Abdullah Güls sind die Ämter des Präsidenten und des Regierungschefs, die beiden wichtigsten politischen Positionen der Türkei, mit Politikern besetzt, die beides sind: sowohl ausgesprochene EU-Befürworter und als auch islamische Konservative.
Für die Europäische Union eine ungewöhnliche Situation.
Die Krise, die vor dem Sommer noch zu einer Putschdrohung des Militärs und emotionalen Massendemonstrationen geführt hat, ist ohne Gewalt, auf verfassungsmäßigem Weg gelöst worden. In Brüssel sieht man das als Erfolg der Demokratisierung, die mit den Beitrittsverhandlungen Hand in Hand gegangen ist.
Daher auch die von Kommmissionspräsident Barroso ausgedrückte Hoffnung, dass es sehr rasch positive Auswirkungen auf die stockenden Beitrittsverhandlungen geben wird.
Erste Zeichen der Flexibilität hat Anfang der Woche bereits Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy gezeigt, der einen EU-Beitritt der Türkei ablehnt. Wenn die EU einen neuen Waisenrat zur Diskussion der zukünftigen Grenzen der Union einsetzt, dann will Frankreich dem Verhandlungsprozess keine Hindernisse mehr in den Weg stellen.
Die Beitrittsverhandlungen sind in 35 Themenbereiche, sogenannte Kapitel unterteilt. Ein einziges Kapitel über Wissenschaft und Forschung ist bisher abgeschlossen. Nur zu vier Kapiteln haben die Verhandlungen begonnen, ein französisches Veto und der Streit über Zypern haben die anderen Bereiche bisher blockiert.
Im kommenden November wird die EU-Kommmission einen Zwischenbericht über den Verhandlungsprozess liefern. Wenn alles gut geht, so hofft man in Brüssel, könnten zumindest bei zwei, drei neuen Themen die Verhandlungen bald beginnen. Das wäre schon ein Zeichen der Entkrampung im türkisch-europäischen Verhältnis.
Wie weit diese Entkrampfung gehen kann, hängt aus Sicht der Kommission davon ab, ob das Duo Gül und Erdogan, Präsident und Ministerpräsident den politischen Reformprozess in der Türkei weiter vorantreibt. Regierungschef Erdogan will eine neue Verfassung. Das wäre eine Chance die von der EU geforderten Garantien für Meinungsfreiheit und Organisationsfreiheit zu verankern. Paragrafen gegen die Herabwürdigung des Türkentums und die Verunglimpfung des Staates, mit denen sich kritische Intellektuelle oder kurdische Aktivisten herumschlagen müssen, könnten beseitigt werden. Aber M inisterpräsident Erdogan ist vor allem auch ein konservativ-islamischer Politiker. Forderungen aus seiner Partei, etwa Ehebruch unter Strafe zu stellen, gehen in eine ganz andere Richtung.
Die türkisch-europäischen Beziehungen werden schwierig bleiben. Die Weigerung Ankaras Schiffe aus der geteilten Insel Zypern an Land zu lassen, bleibt sowieso ein ungelöstes Problem. Immerhin scheint den europäischen Befürwortern und Gegnern eines EU-Beitritts der Türkei klar zu werden, dass sie gemeinsam ein Interesse am Fortgang des Demokratisierungsprozesses am Bosporus haben, selbst dann oder vielleicht besonders, wenn die Demokratisierung unter islamischen Vorzeichen abläuft.

 

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