Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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EU-Frühjahrsgipfel, Bilanz, Europajournal, 20.3.2009


Helmut Opletal: Raimund Löw, der Gipfel ist zu Ende, Krise stand wieder im Mittelpunkt. Wie ist denn die Stimmung in Brüssel bezüglich der Ergebnisse: Hat man das Gefühl, dass die Staats- und Regierungsschefs substantiell etwas auf den Weg gebracht haben?
Raimund Löw: Es ist wie so oft bei EU-Gipfeln: im Vorfeld hat man Botschafter und Minister zum Teil recht heftig streiten lassen um alle möglichen Detailfragen. Da sieht die Europäische Union dann ein paar Tage gar nicht gut aus. Den Chefs, den Staats und Regierungschefs gelingt es dann aber relativ rasch zu Kompromissen zu kommen und eine gemeinsame Marschroute einzuschlagen.
Das war auch diesmal der Fall, in Wirklichkeit schon gestern nach Abendessen gesehen, wird keinen großen Krach geben.
Um Fragen, wie das sowieso bescheidene 5 Milliarden Konjunkturpaket der Union.
Darüber wird ja schon seit Monaten so gestritten, dass es schon ein bisschen peinlich war. Während Nationalstaaten hunderte Milliarden in Banken und Konjunktur stecken, können sie sich nicht durchringen 5 Milliarden gemeinsam auszugeben.
Ein solches symbolisches Debakel wurde vermieden, die Liste ist durch, auch wenn natürlich alle wissen, dass das nur ein minimaler Beitrag gegen dei Krise sein kann. Weil die EU als Union einfach zu wenig finannzielle Mittel hat.
Aber die Nationalstaaten werden weiter koordiniert vorgehen, das wirkliche Botschaft dieses Gipfels, sowohl in der Konjunkturpolitik. Da vorsichtig und konservativ, im Gegensatz zu USA. Also bei den Vorschlägen für strengere Regulierung Weltfinanzen.
Offen bleibt natürlich: ist das genug gegen die Krise und, ist die EU auf Dauer gerüstet, vor allem ohne Reformvertrag.
Aber rein pragmatisch war das ein Gipfel, der viele Probleme aus dem Weg geräumt hat.
Helmut Opletal: Ein Kernpunkt ist ja die Verdoppelung des so genannten Notfall-Fonds für in Schwierigkeiten geratene Mitglieds-Länder im Osten - von Rumänien, Bulgarien bis Ungarn und Lettland. Da gab es ja im Vorfeld beträchtlichen Widerstand, u.a von Deutschland , diesen Kreditrahmen auszuweiten?
Raimund Löw: Ja, das ist durchgegangen und es ist aus meiner Sicht ein historischer Schritt, den man nicht zu unterschätzen darf. Bis jetzt war es immer so, dass Ländern, die vom finanziellen Kollaps bedroht waren, zum Internationalen Währeungsfonds nach Washington gegangen sind.
Der IWF hat Kredite gegeben, hat den Staatsbankrott vermieden, und hat meist strenge Auflagen erteilt den jeweiligen Regierungen. Regierungen, die zum IWF gegnagen sind, haben ihre finanzielle Selbständigkeit de facto aufgegeben an den IWF.
In Zukunft werden solche Staaten in finanziellen Schwierigkeiten auch nach Brüssel und Frankfurt kommen, zu den Instituteionen der EU. Die EU ist die zweite große Krisenfeuerwehr für Europa. Das war schon bisher mit Hilfe zuletzt für Rumänien, ist aber mit Ausweitung auf 50 Milliarden bestätigt und erweitert.
Ehrlich sagen: das war ein wichtiger Punkt für Österreich, und bei österreichischen Delegation auch fast hörbar das Aufatmen heute. Damit Stabilisierung Osteuropas ein größer Schritt weiter, das für österreichische Banken sehr wichtig.
Bedeutet aber auch beträchtliche Erhöhung des Gewichts der EU, die jetzt Teilverantwortung für finanzielle Wohlergehen Osteuropas übermnimmt.
D längere Zeit gezögert, aber schließlich dafür, weil man gesehen hat, je glaubwürdiger die finanzpolitischen Instrumente der EU, desto besser für alle.
Helmut Opletal: Man hatte bei den Debatten im Vorfeld manchmal den Eindruck, dass die Debatte über das Krisenmanagement auch einen ideologisch gefärbten Unterton bekommt, etwa bei der Frage, soll man mehr Geld ausgeben und damit u.U auch Inflation riskieren, oder doch wieder stärker auf die Währungsstabilität achten, wieweit sollen die Regierungen Krisenfeuerwehr spielen, oder auch in den Debatten über die staatliche Kontrolle von Finanzmärkten, Banken, Managereinkommen usw. Gibt es hier Gegensätze auch zwischen den politischen Lagern quer durch die EU? Spielen da auch die bevorstehenden Europawahlen eine Rolle?
Raimund Löw: Es ist interessant: ideologische Differenzen spielen bei EU-.Gipfen so gut wie keine Rolle. Der sozialdemokratzische deutsche Finanzminister ist auf sparen genauso wild, um leger zu formulieren, wie konservative tschechische Ministerpräsident.
Sind eher objektive Interessenslagen der Mitgliedsstaaten und ihrer Volkswirtschaften, ob Nettozahler oder Nettoempfänger, ob expoortwirtschaftlich orientiert oder nicht, mit starkem oder schwachem Finanzssektor.
Ideologie nur im Hintergrund oder bei den Nichtregierungeorganisationen. Kritik, dass zu wenig getan wird gegen die Krise, von den Europäischen Gewerkschaften. Die wollen im Mai demonstrieren in Brüssel. Auch von manchen sozialdemokratischen Abgeordneten im EP, aber auf Gipfel selbst höchstens im Hintergrund.
Da sagt man dann, warten wir einmal den Sommer ab, wenn im Herbst Wirtschaft nicht erholt, dann zu diesem Zeitpunkt Debatte um neues Konjunkturpaket, jetzt zu früh.
Dass soziale Krise wächst, das wissen alle - Bilder französischen Demonstrationen und Streiks gestern auch Staats und Regierugnschefs gesehen.
Unmittelbare Antwort: Jobgipfel der EU im Mai in Prag, da wird man versuchen auf diese Sorgen einzugehen.
Helmut Opletal: Hat es in puncto "neues Finanzsystem" konkrete Entscheidungen gegeben , also über Bankenaufsicht, stärkere Kontrolle von Finanzmärkten, Regeln für Rating-Agenturen, Manager-Gehälter, usw...
Raimund Löw: Konkret entscheiden kann ja die EU auf einem solche Gipfel nur für sich selbst, bei einem neuen Finanzsystem müssen ja anderen großen Player der Weltwirtschaft mitmachen.
Ja, in all diesen Fragen gibt es jetzt gemeinsame EU-Positionen, die von den Europäern gegenüber den USA, China, Indien und den anderen Teilnehmern des G 20 Gipfels verteidigt werden.
Am konkretesten sind die Ergebnisse in einem Bereich, der Österreich sehr direkt berührt, beim Bankgeheimnis.
Da kann Deutschland einen großen Erfolg feiern, nicht nur unmittelbar am heutigen Gipfel sondern durch den ganzen Prozess der letzten Wochen. Denn erstmals Länder Luxemburg, Österreich und die Schweiz bereit ihr Bankgeheimnis für Ausländer zu lockern und die internationalen Standards der OECD zu aktzeptieren.
Schweizer, Österreicher, Luxemburger haben das in allen vorangegangenen Jahrzehnten immer abgelehnt, jetzt in der Krise haben sie nachgegeben. In Deutschland und Frankreich rechnet man damit, dass viele Milliarden Euro, die bis jetzt steuerschonend in diesen Ländern geparkt waren, jetzt zurückkehren werden.
Das heisst: Milliarden zusätzliche Steuereinnahmen in F und D, sowie: die Geschäftsgrundlage der Banken in CH, Lux, Ö wird sich verändern müssen.
Helmut Opletal: Wie geeint wird den EU beim G-20 Gipfel übernächste Woche auftreten können? Auch da wird es ja, zusammen mit Ländern wie den USA, Japan, China oder Russland, um solcher globalen Strategien gegen die Krise gehen.
Raimund Löw: Ziemliche Einigkeit in großen Fragen, Nein zu neuem Konjunkturpaket, Warnung vor Inflation. Also gemeinsames bremsen, mit leichten Nuancen, Briten da etwas näher bei USA, aber im Rahmen gemeinsamen Linie.
Ebenfalls bei Regeln, ja Prinzip kein Finanzinstrument und kein Finanzplatz ohne Regeln. Das für London schmerzlicher Prozess, denn dass dort ganz wenig Regeln, war eines der Geheimnisse des riesigen Finanzsektors in GB.
Helmut Opletal: Aus österreichischer Sicht wird der Gipfel als Erfolg gewertet: Ist das eine berichtigte Sichtweise?
Ja, die österreichische Regierung hat ihre Ziele erreicht, aber das haben andere EU-Staaten auch.
Österreich freut sich über 50 Milliarden Rettungsfonds, Nabucco im 5 Milliarden konjunkturpaket und dass nicht auf die Schwarze Liste kommt.
D freut sich, dass Druck gewirkt hat und jetzt vielleicht einige Milliarden mehr Steuereinnahmen bekommen, von Geldern, die bisher auch in Ö.
GB als Gastgeber G 20 Gipfels zufrieden über gemeinsame EU-Position zu G 20.
Aber stimmt, österreich wochenlang sehr deutlich für Solidarität geworben. Das ungewöhnlich für Nettozahlerland. Regierung kritisiert dafür, wie Osteuropainitiative vorgetragen, aber unzweifelhaft: von allen akzeptiert als strategisch wichtiges Ziel in Europa.
Österreich mit Recht sagen, dass Beitrag geleistet hat.

 

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