Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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EU-Gipfel Gent, 19.10.2001

Die mit dem Beginn der Bodenoperationen eingetretene neue Phase des Afghanistankrieges beleuchtet in greller Weise auch die Widersprüche der Stellung Europas in der von den USA so konsequent aufgebauten Allianz gegen den Terrorismus. Die schmerzliche Erfahrung mußten heute auch die Staats-und Regierungschefs bei ihrem informellen Gipfel im belgischen Gent machen.
Die EU hat sich zwar in Gent neuerlich in ungewohnt eindeutiger Weise hinter das amerikanische Vorgehen gegen Al Kaida und die Taliban gestellt und den Sturz des Taliban-Regimes als auch für Europa wünschenswerte Entwicklung bezeichnet. Die getrennte Zusammenkunft von Tony Blair, Gerhard Schröder und Jacques Chirac vor dem eigentlichen Gipfel deutete aber das erste Mal die Möglichkeit der Herausbildung einer Gruppe von Großmächten innerhalb der EU an, die zumindest in sensiblen Fragen der Sicherheitspolitik eigene Wege gehen. Dementsprechend offen war auch die Kritik der ausgeschlossenen 13.
In der Vergangenheit sind in der EU zwar immer wieder Vor-und Nachteile einer Avantgarde von zur verstärkten Integration bereiten Mitgliedern diskutiert worden. Daß sich aber drei Große unter Ausschluß des Rests ausgerechnet vor einem Gipfel der 15 untereinander absprechen, das hat es in dieser Form noch nie gegeben. Entsprechend groß hinter vorgehaltener Hand die Empörung der Anderen, der Kommissionspräsident Romano Prodi schon gestern ungeschminkt Ausdruck verliehen hat. Als bittere Brüskierung empfindet vor allem Italien die Herausbildung einer Gruppe der "Big Three" in der EU ohne römische Beteiligung: durchaus möglich, daß die unberechenbare Persönlichkeit Silvio Berlusconis und seine abschätzigen Bemerkunge über den Islam mitausschlaggebend waren, daß Briten, Deutsche und Franzosen lieber unter sich blieben.
Sprecher der drei betroffenen Staats-und Regierungschefs wollten heute in Gent die Welt nicht mehr verstehen. Knappe 35 Minuten habe die ganze Zusammenkunft gedauert, hieß es von deutscher Seite. Eine gesonderte Koordination der militärisch engagierten Europäer sei das natürlichste der Welt. An eine nachträgliche Information der gesamte EU denke man nicht, ergänzte ein französischer Vertreter.
Der kleine diplomatische Skandal enthüllt auf jeden Fall ein tiefergehendes Problem der EU. Zwar hat die Integration nach Inneren unter dem Vorzeichen des Kampfes gegen den Terrorismus seit dem 11.September ungeahnte Fortschritte gemacht, etwa im Bereich von Justiz und Polizei und beim Kampf gegen Geldwäsche, im militärischen Bereich haben jedoch unverändert die Nationalstaaten das Sagen. Dies gilt ganz besonders im Verhältnis zu den Vereinigten Staaten. Nicht die sicherheitspolitisch in den Kinderschuhen steckende EU wird von Washington als Partner angesehen, sondern die einzelnen nationalen Regierungen mit ihren sehr unterschiedlichen militärischen Möglichkeiten.

 

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