Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

Fenster schließen
 
  Aktuelle Analysen
   

EU-Gipfelbilanz, MoJ, 22.6.2009



Die spektakulärste Entscheidung des gestern zu Ende gegangen EU-Gipfels war zweifelsohne die einstimmige Unterstützung für Jose Manuel Barrosos zweite Amtszeit als Chef der Europäischen Kommission. Ist Barroso letztlich erfolgreich, dann wird er einer von nur ganz wenigen Kommissionspräsidenten sein, die mehr als fünf Jahre in Brüssel regiert haben. Der letzte Zehnjahrespräsident war der inzwischen legendäre Jacques Delors bis 1995. Eine überraschende Wendung für einen Politiker, der vor fünf Jahren nur deshalb aus dem Hut gezaubert wurde, weil Tony Blair den belgischen Liberalen Guy Verhostadt blockierte, weil der als Anhänger eines europäischen Bundesstaates galt und noch dazu gegen den Irakkrieg war. Daniel Cohn-Bendit, der schillernde französich-deutsche Grüne, wirft Barroso vor, er sein ein politisches Camäleon, weil er sich vom bekennenden Wirtschaftsliberalem zum Befürworter stärkerer Regulierungen gewandelt hat. Tatsächlich ist das eine Entwicklung, die seit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise alle europäischen Konservativen durchgemacht haben. Der Wahlprozess für den Kommissionspräsidenten, der jetzt einsetzt, ist zwar nicht ganz so langwierig, wie eine amerikanischen Präsidentschaftswahl, aber mit sonstigen Wahlen in Nationalstaaten lässt er sich nicht vergleichen. Man hat es mit einer Mischung aus Diplomatie und Demokratie zu tun. Die Einstimmigkeit der 27 Staats- und Regierungschefs hat vor allem mit Diplomatie zu tun. Nicht nur die Christdemokraten, auch Sozialdemokratische Regierugnschefs und der aus der Kommunistischen Partei kommenden Staatschef Zyperns haben sich für Barroso ausgesprochen. Das bevorstehende öffentliche Hearing im Europaparlament samt Abstimmung ist der eindeutig demokratische Part des Nominierungsvorganges. Die ungewöhnliche Mischung schafft vor allem für die Sozialdemokraten eine vertrackte Lage: weil sie den Europawahlkampf national getrennt geführt haben und kein europaweites Programm und europaweites Personal präsentiert haben, haben die sozialdemokratischen Abgeordneten gegenüber den Regierungschefs das Nachsehen. Und die dachten diplomatisch und unterstützten den Amtsinhaber, der niemandem ernsthaft weh getan hat in den vergangenen Jahren.
Es ist anzunehmen, dass der Druck auf dem Parlament sehr groß sein wird Barroso schon im Juli zu bestätigen und mit der Nominierung nicht erst bis in den Herbst zu warten. Sowohl Schweden, das im Juli die EU-Präsidentschaft übernimmt, als auch der Kandidat selbst drängen massiv auf eine rasche Entscheidung. Weniger weil Sozialdemokraten und Grüne sich bis in den Herbst auf einen glaubwürdigen Alternativkandidaten einigen würden. Dieser Zug scheint ziemlich abgefahren zu sein. Aber wenn die irische Abstimmung über den Reformvertrag positiv ausgeht, dann muss die EU schlagartig ein ganz neues Personalpaket basteln. Nicht nur der Kommissionspräsident, auch der neue Ratspräsident und der Außenbeauftragte müssten neu besetzt werden. Ein Ausgleich zwischen Parteienfamilien und geografische Regionen wird zu suchen sein, dabei könnte Barroso leicht unter die Räder kommen.Ganz abgesehen davon, dass die qualifizierte Mehrheit für den Kommissionpräsidenten im Europaparlament, die laut Reformvertrag erforderlich ist, eine zusätzliche Hürde darstellt. Bereits spekuliert Italiens Silvio Berlusconi laut, er würde sich den Briten Tony Blair als neuen Ratspräsidenten wünschen, wenn der Reformvertrag in Kraft ist. Vorläufig ist aber noch der Kommissionspräsident der wichtigste für alle Mitgliedsstaaten gewählte Politiker der Union. Das chancenreichste Ticket dafür hat Jose Manuel Barroso.

 

nach oben, Fenster schließen

 
  site by Adrian Rossmann