Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Europa und Amerika, Europajournal, 27.11.2000


Präsidentschaftswahlen in den USA sind stets nicht nur rein amerikanische Ereignisse. Denn die USA waren immer wieder politische Trendsetter: Europas Sozialdemokraten haben in den vergangenen Jahren ebensogerne Anleihen beim erfolgreichen Bill Clinton genommen wie konservative Politiker in den Achtzigerjahren bei Ronald Reagan. Gleichzeitig kann es niemandem wirklich egal sein, wer die Geschicke der wichtigsten Supermacht der Erde leitet. So blickt auch Europa dieser Tage gespannt auf den Ausgang des großen Rennens jenseits des Atlantiks, auch wenn Außenpolitik im US-Wahlkampf selbst nur eine untergeordnete Rolle einnimmt.
Raimund Löw hat mit zwei Außenpolitikexperten über die möglichen Folgen des Wahlganges für die europäisch-amerikanischen Beziehungen gesprochen.
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BEITRAG:

TEXT RL:
Amerika durchlebt Jahre des Friedens, es gibt so gut wie keine Außenfeinde und die Wirtschaft blüht: das sind Bedingungen, die den Präsidentschaftswahlkampf der Supermacht Amerika fast völlig unter innenpolitische Vorzeichen gestellt hat. Aber die nach dem Ende des Kalten Krieges eingeleitete Suche Amerikas nach einem neuen Platz in der Weltpolitik ist noch lange nicht zu Ende. Die internationale Politik der einzigen verbleibenden Supermacht bewegt sich seit Jahren in einer unsicheren Pendelbewegung zwischen starkem internationalem Engagement, einem allein die Interessen Amerikas berücksichtigenden Unilateralismus und Isolationalismus, dem Rückzug der USA auf die inneramerikanischen Angelegenheiten allein.
Gegensätze, die in den unterschiedlichen außenpolitischen Ansätzen der Kandidaten George Bush und Al Gore nur sehr vermittelt ihren Ausdruck finden.
DAALDER
There are differences of degree...Europe.

Ivo Daalder ist Europaexperte der angesehenen Brooking Institution in Washington. Er glaubt, daß keiner der beiden Kandidaten einen außenpolitischen Kurswechsel Amerikas gegenüber Europa veranlassen würde.

1. OT-ÜBERSETZUNG:

Grundsätzlich treten sowohl Republikaner als auch Demokraten, sowohl Gouverneur Bush als auch Vizepräsident Gore für ein fortgesetztes internationales Engagement Amerikas ein. Europa wird von beiden als Partner angesehen. Aber graduelle Unterschiede gibt es, etwa was das Balkanengagement betrifft. Unter Al Gore als Präsident wird es wohl für längere Zeit bei der amerikanischen Militärpräsenz auf dem Balkan bleiben. Eine Regierung Bush würde dagegen wahrscheinlich sich eher rasch zurückzuziehen.
Auch allgemein könnte man von einer Gore-Administration stärkere Unterstützung für die neuen Demokratien des ehemaligen Osteuropas erwarten als im Fall eines Bush-Sieges.
Eine republikanische Regierung wird wahrscheinlich weniger fragen, was wir Amerikaner für Europa tun können, als was Europa für die Vereinigten Staaten tun kann. Und zwar ganz besonders im Bereich der Nuklearrüstung im Zusammenhang mit einer möglichen neuen russischen Bedrohung. Das wäre in einer Bush-Regierung wahrscheinlich wichtiger als in einer Regierung Gore.

In Europa ist in den vergangenen Jahren vor allem die wachsende Tendenz zum Isolationismus in der amerikanischen Politik registriert worden. Ivo Daalder, Europaexperte der als linksliberal geltenden Brookings Institution in Washington, sieht solche Trends in beiden Parteien.
Diese von Senator Jesse Helms und vielen republikanischen Kongreßabgeordneten vertretene Strömung ist nicht so sehr isolationistisch als unilateralistisch. Sie sind überzeugt, daß was gut für Amerika ist automatisch auch gut für den Rest der Welt ist. Man geht davon aus, daß die USA als einzig verbliebene Supermacht Verpflichtungen hat, die es unmöglich machen daß man sich an die gleichen Regeln hält wie andere Staaten.
Während die Regierung Clinton in der Vergangenheit immer wieder bereit schien, auch europäische Interessen zu berücksichtigen, ist der Amerika-zuerst gedanke bei den Republikanern stark verankert, analysiert Ivo Daalder, Außenpolitikexperte des liberalen Washingtoner Think Tanks Brookings Institution.
Jeffrey Gedmin vom konservativen Enterprise Institute in Washington sieht zwar im republikanischen Präsidentschaftskandidat George Bush einen überzeugten Internationalist , aber auch er weiß um den starken Einfluß der
Europaskeptischen Kräfte im konservativen Lager.
Gedmin OT
Es ist erst das Fehlen des einst einigenden Außenfeinds, so der Experte des Enterprise Institutes in Washington, das die Widersprüche zwischen Europa und Amerika stärker in den Vordergrund gerückt hat.
Der wichtigste Streitpunkt quer über den Atlantik war in diesem Jahr das von den USA geplante Raktenabwehrsystem. Gescheiterte Raketentests im Frühsommer haben den Konflikt vorläufig entschärft, aber langfristig liegt hier das größte Konfliktpotential.
Die amerikanischen Befürworter sprechen von einer Schutzmaßnahme gegen mögliche Überraschungsschläge aus sogenannten Schurkenstaaten wie dem Irak oder Nordkorea. Kritiker vor allem in Europa und Rußland sehen einen Bruch vergangener Abrüstungsvereinbarungen, der das gesamte Gefüge der internationalen Politik gefährden könnte Im Wahlkampf haben sich vor allem die Republikaner für ein solches Programm ausgesprochen.
Ivo Daalder, der Washingtoner Experte der Brookings Institutionen befürchtet eine dauerhafte Krise in den europäisch-amerikanischen Beziehungen, sollten diese Pläne Wirklichkeit werden.
3. OT-ÜBERSETZUNG
Keine Frage: sollten die USA ein Raketenabwehrsystem aufbauen ohne Rücksicht auf den ABM-Abrüstungsvertrag, der das untersagt, und ohne Rücksicht auf die europäischen Einwände, dann könnte das zu ernsthaften Konfrontationen zwischen Europa und den Vereinigten Staaten führen. Die Europäer machen sich dabei weniger über die militärische Tatsache des Raketenabwehrsystems selbst Sorgen, als darüber, daß sich die amerikanische Politik dadurch noch mehr von den Partnern abkoppeln könnte und noch unilateralistischer würde. Ein solches Raketenabwehrsystem wäre ein deutliches Zeichen dafür, wie unterschiedlich man die Welt in Europa und Amerika sieht.
Dabei setzt sich interessanterweise gleichzeitig unter den Außenpolitikexperten beider Parteien immer mehr der Gedanke durch, daß ein starkes Europa viel eher im amerikanischen Interesse ist als ein schwaches Europa. Auch wenn man dadurch Meinungsverschiedenheiten riskiert. Denn zu fürchten hat Amerika vor allen ein Europa, das militärisch und politisch zu schwach ist, um als echter Partner zu wirken.
TEXT RL:
Der von Ivo Daalder, dem Außenpolitikexperten der Washingtoner Brookings Institution, angesprochene Wunsch Amerikas nach einem starken Europa hat offensichtlich seine Grenzen. Denn als sich Frankreich und Großbritannien im vergangenen Jahr für eine gemeinsame europäische Militärstrategie stark machten, da war man in Washington verschnupft.
Gedmin OT
TEXT RL:
Aber steckt hinter der amerikanischen Skepsis zur europäischen Militärpolitik nicht auch der einfache Konkurrenzgedanke der amerikanischen Rüstungsindustrie, die um ihre Marktanteile in Europa fürchtet? Außenpolitikexperte Jeffrey Gedmin:
GEDMIN OT
TEXT RL:
Soweit der Außenpolitikexperte des Enterprise Institutes in Washington Jeffrey Gedmin. Sein Kollege Ivo Daalder von der liberalen Brookings Institution sieht die Situation weniger gefährlich und er glaubt, daß Amerika es in der Hand hat eine dauerhafte partnerschaftliche Beziehung zu Europa zu bauen und daß Rivalität zwischen den beiden langjährigen Partnern keineswegs unvermeidlich ist.
4. OT-ÜBERSETZUNG
Möglich ist es natürlich, daß Europa sich zu einem Rivalen der Vereinigten Staaten entwickelt, mit dem Hauptziel zu einem Gegengewicht der USA zu werden. Aber die USA haben es in der Hand diesen Prozeß zu kanalisieren: es hängt davon ab, wie die USA ihre Macht einsetzen. Wenn die amerikanische Außenpolitik andere immer wieder brüskiert und der Einsatz amerikanischer Macht willkürlich erscheint, dann werden andere schwächere Mächte versuchen ein Gegengewicht zu bilden. Wenn die USA andererseits weise agieren und ihren Einfluß zur Entwicklung anderer Machtzentren einsetzen, wie etwa ein starkes Europa, dann kann das verhindert werden und die amerikanische Vorherrschaft könnte als stabilisierender Fakter, an dem globales Interesse besteht, erhalten bleiben.
TEXT RL:
Und in welche Richtung sich dieses vom Washingtoner Außenpolitikexperten Ivo Daalder angesprochene Machtmanagement entwickelt, das wird wesentlich
Von der Richtungsentscheidung am 7.November in den USA abhängen.

 

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