Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Galileo auf Schiene, MiJ, 26.4.2008

In der Nacht zum Sonntag wird vom russischen Raumfahrtzentrum Baikonur in Kasachstan aus europäische Weltraumgeschichte gemacht werden: der zweite Testsatellit für das lange Zeit umkämpfte europäische Satellitennavigationssystem Galileo hebt ab ins All. Die Europäische Union hofft, dass durch einen glatten Start die vorangegangenen Querelen um Auftragsvergabe und Finanzierung von Galileo in den Hintergrund gedrängt werden.
Der neue Testsatellit ist noch nicht Teil der geplanten Armada von 30 europäischen Satelliten, die ab 2013 um die Erde kreisen werden, um dem amerikanischen GPS-System Konkurrenz zu machen. Es geht um Experimente in der Vorbereitungsphase. Man will die Elektronik testen und Übertragungsfrequenzen belegen. Mit an Bord: eine Atomuhr, die genauer als alle bisher vergleichbaren Geräte im Weltraum laufen soll.
Für die Betreiber ist es ein großer Sprung, denn nach langen Monaten des Tauziehens um Finanzierung und Auftragvergabe bestehen jetzt kaum mehr Zweifel, dass das größte gemeinsame Industrieprojekt der Europäischen Union tatsächlich Wirklichkeit werden kann. Erst vergangene Woche hat das Europäische Parlament mit der überwältigen Mehrheit von 607 gegen 36 Stimmen das letzte grüne Licht gegeben. Finanziert wird Galileo aus europäischen Steuergeldern. Die veranschlagten 3,4 Milliarden Euro kommen aus Einsparungen im Agrarbudget und aus den Forschungsprogrammen der EU. Der ursprüngliche Plan einer Partnerschaft mit privaten Geldgebern hatte sich als unrealistisch erwiesen.. Infrastrukturausgaben in Milliardenhöhe kann auch in Europa ganz offensichtlich nur die öffentliche Hand übernehmen. Erst wenn das System einmal läuft wird man Privatfirmen einladen die Anwendungen zu betreiben, durch die Dienste von Galileo den Konsumenten angeboten werden sollen.
Galileo soll viel genauer werden, als das heutige amerikanische GPS-System, das für viele private Autofahrer, aber auch für die Rettungsdienste in großen Städten oder im Flugverkehr unersetzlich geworden ist. Aber der größte Vorteil, der letztlich dazu geführt hat, dass sich innerhalb der Europäischen Union die Befürworter durchgesetzt haben: Europa wird dadurch unabhängiger. Sowohl beim amerikanischen GPS-System als auch beim russischen GLONASS-System haben Militärs die allerletzte Kontrolle. Im Extremfall könnte das Pentagon der halben Welt die inzwischen unersetzlich gewordenen Navigationssysteme abdrehen und Flugzeuge, Schiffe, aber natürlich auch militärische Geräte quasi blind machen. Daher arbeitet auch China an einem eigenen vergleichbaren System. Galileo ist als zivile Einrichtung geplant, könnte aber später durchaus einmal auch militärische Funktionen übernehmen.
Technisch wird Galileo von der Europäischen Raumfahrtagentur ESA gebaut, die Europäische Kommission übernimmt das Projektmanagement. Die Kontrolle obliegt den Mitgliedstaaten und dem Europäischen Parlament. Eine so großes Projekt, direkt unterstellt den Organen der EU, das hat es bisher überhaupt noch nie gegeben.
Bis die ersten auf Galileo basierenden Navigationssysteme nach Orientierung suchende Touristen durch die Großstädte Europas leiten, wird es mit Sicherheit noch so manche Unwegsamkeit zu überwinden geben. 2013 gilt als der denkbar früheste Termin. Bodenstationen in Deutschland, Italien und Spanien müssen gebaut werden. Ein kompliziertes Ausschreibungsverfahren soll sicher stellen, dass High Techfirmen aus allen Mitgliedsländern zum Zug kommen. Es fehlt auch noch an Trägerraketen, um in kürzester Zeit die 30 Satelliten ins All zu befördern. Dass es bei den geplanten Kosten von 3,4 Milliarden Euro bleiben wird, bezweifeln Viele. Und auch die Privatfirmen, die die richtigen Anwendungen für das System entwickeln werden, müssen sich noch melden.
Aber ein Zurück ist jetzt nicht mehr wahrscheinlich.

 

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