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Geiselnahme
Moskau, ORF-On, 26.10.2002, 10 Uhr
Der Sturm der russischen Streitkräfte auf das besetzte Theater in
Moskau
mag von den Spezialeinheiten der russischen Streitkräfte als Erfolg
ausgegeben werden. Immerhin ist es gelungen das befürchtete Blutbad
zu vermeiden, auch
wenn es viele Tote und Verwundete gegeben hat. Wenn es tatsächlich
stimmt,
dass die Rebellen in den heutigen Morgenstunden begonnen haben,Geiseln
zu
ermorden, dann hatte das Einsatzkommando in der russischen Hauptstadt
wohl
wenig andere Alternativen als den gewaltsamen Befreiungsversuch für
die 700
Geiseln zu wagen.
Aber politisch hat sich gezeigt, wie akut die Tschetschenienkrise trotz
aller gegenteiligen Behauptungen des russischen Präsidenten Vladimir
Putin
nach wie vor ist.
Zwar sind die tschetschenischen Untergrundkämpfer aus der zerstörten
Hauptstadt Grozny vertrieben und Rebellenpräsident Aslan Maskhadow
ist auf
der Flucht. Die russischen Soldaten können jedoch nicht einmal ausreichend
für ihre eigene Sicherheit sorgen, wie der verlustreiche Abschuss
eines
Helikopters vor wenigen Wochen gezeigt hat. Von Wiederaufbau des zerstörten
Landes und einer Rückkehr der Flüchtlinge, die zwei Drittel
der Bevölkerung
ausmachen, kann nicht die Rede sein.
Der Kreml hat in den vergangenen Monaten immer wieder die Vorschläge
für
einen Dialog mit den Rebellen abgewiesen, für die sich liberale russische
Politiker stark gemacht haben. Erst im Sommer streckte auch
Untergrund-Präsident Aslan Maschadow, der einzige demokratisch gewählte
Vertreter des tschetschenischen Volkes, wieder politische Fühler
in Richtung
Moskau aus. Die russische Führung will jedoch nur eine bedingungslose
Kapitulation akzeptieren und macht Aslan Maskhadow für die Gewalttaten
aller
untereinander tödlich verfeindeten tschetschenischen Gruppen verantwortlich,
darunter auch die heute zu Ende gegangene Geiselnahme. Man setzt unverändert
auf einen militärischen Sieg. Der ist jedoch bisher trotz furchtbarer
Opfer
und schrecklicher Verwüstungen ausgeblieben. Jetzt hat sich herausgestellt,
dass auf diesem Weg nicht einmal die Sicherheit Russlands garantiert werden
kann.
Trotzdem ist gerade unter dem Druck einer solchen Gewalttat ein
Kurskorrektur nicht wahrscheinlich, auch wenn der Tschetschenienkrieg
lange
nicht mehr so populär ist wie bei Beginn des gegenwärtigen Feldzuges
vor
drei Jahren. Vladimir Putin stellt einen direkten Zusammenhang mit dem
Krieg
gegen den Terrorismus seit dem 11.September her und das erhöht international
die Akzeptanz seines Vorgehens. Tatsächlich soll der im vergangenen
Jahr von
russischen Truppen in Tschetschenien getötete arabische Rebellenführer
Chattab mit Osama bin Laden telefoniert haben. Auch Geld soll aus Al
Kaida-Quellen in den tschetschenischen Untergrund geflossen sein. Die
Tschetschenienkrise reicht jedoch um vieles weiter zurück. Schon
im
19.Jahrhundert ist es den Truppen des Zaren nie gelungen, das kriegerische
Kaukasusvolk völlig zu unterwerfen. Josef Stalin ließ das während
des
Zweiten Weltkrieges das gesamte tschetschenische Volk nach Sibirien
deportieren, erst unter Chruschtschow konnten die Menschen wieder in ihre
Heimat zurückkehren. Dass die kurzlebige Unabhängigkeit während
der
Neunzigerjahre unter Boris Jelzin in Chaos, Bürgerkrieg und neuerlicher
russischer Besetzung endete erwies sich sowohl für Russen als auch
Tschetschenen als folgenschwere Tragödie. Die immer wieder angesprochene
kriegerische Tradition der Tschetschenien ist eine pervertierte Form des
Freiheitswillens der Kaukasusvölker. Darauf ist auch das demokratische
Russland bis heute die politische Antwort schuldig geblieben.
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