Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Griechenlanddebatte, ZiB 2, 27.4.2010

Thurnher Ingrid (ORF)
Und wir gehen gleich zu unseren Korrespondenten in Brüssel und in
Berlin. Peter Fritz zunächst, guten Abend. Deutschland hat also
gut verdient an den Exporten nach Griechenland. Warum zögert jetzt
gerade Deutschland, den Startschuss für die Finanzhilfe zu geben?
Fritz Peter (ORF)
Naja, eine Antwort, die man hier in Deutschland öfter hört, ist,
dass Deutschland viele dieser schmerzhaften Sanierungsschnitte,
die Griechenland noch bevorstehen, schon gemacht hat. Also, da
erinnere ich zum Beispiel nur an die Rente mit 67 und deshalb will
Deutschland jetzt möglichst viel internationale Aufsicht, möchte,
dass der Internationale Währungsfonds kräftig mitredet.
Allerdings, der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble hat es
heute Abend gesagt, Deutschland wird Griechenland nicht hängen
lassen, zappeln lassen vielleicht, hängen lassen nicht.
Thurnher Ingrid (ORF)
Raimund Löw in Brüssel, jetzt reden alle in Europa seit Wochen
von Solidarität mit Griechenland, gleichzeitig hören wir heute,
griechische Staatsanleihen sind de facto kaum mehr etwas wert,
sind Ramschpapiere geworden. Was ist denn da schief gelaufen?
Löw Raimund (ORF)
Die Europäer haben sich einfach zu lange Zeit gelassen. Da ist
viel zu viel herum diskutiert worden und bis heute ist ja kein
einziger Cent, kein einziger Euro nach Athen geflossen. Am Anfang
hat man sogar geglaubt, dass es ausreicht, wenn die Staats- und
Regierungschefs sich politisch solidarisieren und sagen, wir
lassen Griechenland nicht hängen, damit die Spekulation zurück
geht. Das alles ist nicht passiert. Griechenland braucht
tatsächlich diese Milliarden aus Europa, um sich zu stabilisieren
und der Euro braucht eine Stabilisierung Griechenlands, um sich
wieder zu erfangen. Jetzt gibt etwas Gas. Am zehnten Mai soll es,
wenn alles gut geht, einen Sondergipfel der EU geben, an dem die
EU-Staaten einstimmig beschließen wollen, diesen großen,
historischen Notkredit an Griechenland auch tatsächlich in Gang zu
setzen.
Thurnher Ingrid (ORF)
Manche Experten befürchten ja, Raimund Löw, dass Griechenland nur
der Anfang sein könnte und einen Dominoeffekt in der EU
beziehungsweise in der Eurozone auslösen könnte. Ist an dieser
Befürchtung etwas dran?
Löw Raimund (ORF)
Die Gefahr ist gegeben, dass diese Schuldenkrise sich ausweitet
und das wäre natürlich eine unglaublich größere Herausforderung
für die EU als im Fall des kleinen Griechenlands. Der Druck auf
den Euro ist ja auch deshalb gegeben, weil das Gefühl da ist,
dieser griechische Bazillus könnte überspringen auf andere
EU-Länder. Davor warnt in dramatischen Worten der angesehene
Brüsseler Ökonom Daniel Gros in einem Gespräch heute mit meiner
Kollegin Barbara Herbst.
Gros Daniel (CEPS)
Es sieht wohl nicht danach aus, als würde der gesamten Eurozone
das Vertrauen entzogen, aber doch einigen Ländern, wie zum
Beispiel Spanien, eventuell auch Italien, und das wäre natürlich
der Gau, denn Italien ist einfach zu groß. Man könnte es nicht
mehr retten. Spanien ist vielleicht noch das typische "to big to
fail". Man kann es nicht erlauben, dass es den Bach untergeht,
aber man kann Spanien noch retten. Nur muss man halt, wenn es dazu
kommt, sehr schnell und sehr massiv eingreifen.
Herbst Barbara (ORF)
Was heißt das konkret?
Gros Daniel (CEPS)
Wenn also die Finanzmärkte wirklich auch anfangen, Spanien wie
einen Fall Griechenland zu behandeln, dann könnten die spanischen
Banken innerhalb von Tagen zahlungsunfähig werden und dann müsste
Europa wohl mehrere hundert Milliarden sofort bereit stellen.
Herbst Barbara (ORF)
Gibt es schon Anzeichen dafür?
Gros Daniel (CEPS)
Es gibt allererste Anzeichen, dass es in den Finanzmärkten schon
etwas knirscht. Die Auktionen der Staatspapiere in Spanien und
Italien verlaufen dieser Tage nicht mehr so ganz wie gewohnt und
das könnte ein erstes Anzeichen sein, dass sich da unten ein
Erdbeben aufbaut.
Löw Raimund (ORF)
Daniel Gros ist Experte, was er sagt ist natürlich keine
offizielle Meinung, aber er spricht oft aus, was hinter den
Kulissen diskutiert wird. Klar ist, Griechenland ist nicht ein
völliger Einzelfall. Die Europäische Union muss ihre gesamte
Architektur der Währungspolitik, der Wirtschaftspolitik
überdenken.
Thurnher Ingrid (ORF)
Danke, Raimund Löw. Noch einmal zurück zu Peter Fritz in Berlin.
Jetzt haben wir gehört, es wird diesen Sondergipfel geben am Tag
nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen. Und es heißt ja
immer wieder, Kanzlerin Angela Merkel will, dass die ganze Sache
auf den Tag nach diesen Landtagswahlen verschieben, um sich da
keine Niederlage einzufangen. Ist das angesichts der Dramatik der
Situation wirklich der richtige Weg?
Fritz Peter (ORF)
Ja, das mit dem Abwarten, das mit dem Verschieben, klappt ohnehin
nicht mehr. Das war vielleicht ursprünglich das Kalkül von Angela
Merkel, dass sie mit unverbindlichen Garantieerklärungen das ganze
Thema noch hinausschieben kann über diesen sehr wichtigen
Wahltermin. Aber: Seit dem letzten Freitag, seit dieser offizielle
Notruf aus Griechenland gekommen ist, ist die Katze aus dem Sack,
und ob die Hilfe jetzt in Deutschland früher flüssig gemacht wird,
vor diesem Wahltermin oder danach, ist eigentlich schon egal. Der
Wähler ist so oder so verärgert, würde ich sagen.



 

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