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Irakkrieg im US-Wahlkampf,
Mittagsjournal, 20.9.2004
Am Wochenende nahmen sich
die Kommentatoren vieler grossen Zeitungen des erstaunlichen Phaenomens
an: aus dem Irak kommen jeden Tag neue Hiobsbotschaften, aber die breite
amerikanische Oeffentlichkeit scheint von den schlechten Nachrichten nicht
wirklich beruehrt zu sein. Anders als im Fruehsommer, als die doppelte
Aufstandsbewegung sunnitischer und schiitischer Kaempfer tagelang Schlagzeilen
machte, steht jetzt fuer die Amerikaner der jeweils neueste Hurrikan im
Zentrum des Interesses. Es scheint ganz so, als ob die Oeffentlichkeit
das unangenehme Thema Irak so lange wie moeglich verdraengen moechte,
nachdem offiziell ja sowieso die irakische Uebergangsregierung das Geschehen
bestimmt.
Klar: der demokratische Herausforder John Kerry wirft dem Praesidenten
vor, er lebe in einer Wunderwelt der Phantasie, wenn er bei seinen Wahlveranstaltungen
von den stetigen Fortschritten des Irak in Richtung Demokratie berichtet.
Und aus Senatoren beider Parteien kommen besorgte Stimmen, man habe den
Eindruck die Regierung in Washington sei schlicht am Ende mit ihrem Latein.
Die emotionsgeladenen Stimmung des Wahlkampfes trifft eher Dennis Hastert,
der republikanischen Speaker im Repraesentantenhaus, wenn er meint der
Terror im Irak sei gegen die Wiederwahl George Bushs gerichtet. Und Al
Kaida habe vor, einen Regierungswechsel in Washington aehnlich wie im
Fruehjahr in Madrid durch einen grossen Anschlag herbeizufuehren. Schon
frueher hatte Vizepraesident Dick Cheney mit einer Aussage fuer Aufregung
gesorgt, wenn George Bush abgewaehlt wuerde, muesste Amerika mit neuen
Terroranschlaegen rechnen. Der Schluss, dass eine Stimme fuer George Bush
ein Akt des Widerstands im Kampf gegen den Terrorismus sei, ist da nicht
mehr sehr weit entfernt.
Nur in den Qualitaetszeitungen fand denn auch die Nachricht ihren Niederschlag,
dass jetzt auch der Endbericht des obersten amerikanischen Waffeninspektors
im Irak, Charles Duelfer, den Schluss zieht, es habe keine Massenvernichtungswaffen
gegeben. Genauso wie das Ex-Waffeninspektor David Kay schon im vergangenen
Jahr gesagt hat. Die Leitartikler regierungskritischer Zeitungen fuehlen
sich in ihrer Meinung bestaetigt, die Administration habe das Land unter
falschen Voraussetzungen in den Krieg gefuehrt. Aber in der aktuellen
politischen Diskussion geht es nicht um die Vergangenheit, sondern primaer
um die Gegenwart.
Und auf die Frage, was denn jetzt anders gemacht werden sollte, wissen
auch die Kritiker keine wirklich ueberzeugende Antwort. John Kerry will
als Praesident einen neuen grossen Anlauf gemeinsam mit den Europaern
machen, sagt er. Aber auch die Demokraten wissen, dass das als Loesung
noch lange nicht ausreicht.
Weder Republikaner noch Demokraten denken an einen Rueckzug aus dem Irak,
der ganz nach einer Niederlage aussaehe und das Land dem Chaos preisgaebe,
wie man glaubt. In der Oeffentlichkeit ist immer noch der Eindruck stark,
dass der Irakkrieg eine Reaktion auf die Anschlaege des 11.September ist.
Daher verlangen auch die meisten Bush-Kritiker eine effektivere und wirkungsvollere
Politik im Irak, mehr Soldaten und bessere Waffen, aber nicht den Abzug
der amerikanischen Truppen. Und noch schuetzt der patriotische Reflex
der Solidaritaet mit dem Oberbefehlshaber im Augenblick der Krise den
Praesidenten auch in der Wahlauseinandersetzung.
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