Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Irak-Geheimdienstdebakel, Weltjournal, 4.2.2004

Der Bruch zwischen Schein und Wirklichkeit der irakischen Bedrohung ist jetzt, bald ein Jahr nach dem Krieg, auch fuer die grossen amerikanschen Medien zu einem Thema geworden.
Die Regierung war sich ihrer Sache so voellig sicher, heisst es beim Fernsehsender CBS
COLLIN POWELL, US-AUSSENMINISTER:
"Kein Zweifel Saddam Hussein hat biologische Waffen und er kann rasch mehr, viel mehr herstellen"
TEXT RL:
Der Praesident sprach von ueberzeugenden Beweisen:
GEORGE BUSH, PRAESIDENT DER USA:
Die Informationen, die uns vorliegen, lassen keine Zweifel zu: die irakische Regierung besitzt und entwickelt einige der toedlichesten Waffen, die je hergestellt wurden.
TEXT RL:
Der Zeitdruck war extrem.
DONALD RUMSFELD, US-VERTEIDIGUNGSMINISTER
Vor wenigen Augenblick hat der Luftkrieg gegen den Irak begonnen.
TEXT RL
Die akute Bedrohung durch irakische Massenvernichtungswaffen war die wichtigste Begruendung fuer den Krieg.
DONALD RUMSFELD, US-VERTEIDIGUNGSMINISTER
Unser Ziel ist es, das amerikanische Volk zu verteidigen und die irakischen Massenvernichtungswaffen auszuschalten.
TEXT RL
Aber diese Argumente haben sich ein Jahr spaeter in Luft aufgeloest und die Sieger kaempfen mit den Folgen einer peinlichen Erkenntnis.

DAVID KAY, US-WAFFENINSPEKTOR
Wir haben meiner Meinung nach alle unrecht gehabt, und das ist sehr beunruhigend.
TEXT RL:
Selten hat sich so rasch nach einem Krieg herausgestellt, wie wenig die Realitaet mit den urspruenglichen Annahmen uebereinstimmt..
Das Weisse Haus wollte eine Untersuchung urspruenglich vermeiden. Aber jetzt ist der Druck so stark, dass der Praesident zu einer Kertwende gezwungen ist.
GEORGE BUSH, PRAESIDENT DER USA
Wir wussten, dass Saddam Hussein eine Gefahr war, nicht nur fuer die freie Welt, auch fuer seine eigenen Leute. Er hat tausende Menschen massakriert und eingesperrt. Was wir noch nicht wissen, ist wie es zu diesen Diskrepanzen zwischen den Erkenntnissen vor und nach dem Krieg gekommen ist, und das wollen wir uns ansehen.
TEXT RL:
Ausgeloest wurde dieses politische Erdbeben ausgerechnet durch den Chef jener Inspektoren, die von der Regierung mit der Waffensuche beauftragt wurden.
Dass ein bekannter Hardliner wie David Kay eine solche politischen Bombe zuendet, gibt vielen heute noch Raetsel auf.
DAVID KAY
Die Zeit ist gekommen zu analysieren, wie wir in diese Situation gelangt sind und was wir tun muessen, um unsere Nachrichtendienste den Erfordernissen der Zeit entsprechend umzubauen. Alle haben wir unrecht gehabt, und da nehme ich mich nicht aus. Das gilt auch fuer die Staaten, die gegen ein militaerisches Eingreifen waren. Auch auch der deutsche Geheimdienst oder die Franzosen waeren ueberzeugt, dass es Massenvernichtungswaffen gibt. Wir haben uns eben alle geirrt und das ist hoechst beunruhigend.
TEXT RL.
Aber gab es nicht weniger ein Versagen der Geheimdienste als politischer Manipulation, fragt der Senator aus Massachussetts?
Der Waffeninspektor bestreitet entschieden jeden Druck von oben.
DAVID KAY:
Es erscheint widersinnig, aber ich wuerde mir fast wuenschen, dass es ungerechtfertigten Druck gegeben hat. Denn dann wuessten wir, wo der Schwachpunkt liegt.
Dass es nicht politischer Druck war, das bestaetigt nur, dass wir es mit einem viel grundlegenderen Problem der Nachrichtenermittlung zu tun haben.
HILLARY CLINTON; SENATORIN VON NEW YORK
Heisst das nicht, dass die Sanktionen und Inspektionen der Vereinten Nationen in den Neunzigerjahren sehr erfolgreich waren und Saddams Waffenarsenal zerstoert haben?
UEBERSETZUNG DAVID KAY
Ja, das ist auch meine Schlussfolgerung. Ich bin oft mit frueheren UNO-Inspektoren zusammengesessen und wir sind gemeinsam zum Schluss gekommen, dass wir besser waren als wir selbst geglaubt haben. Die Iraker haben alles getan um uns zu hintergehen und zu luegen, aber die UNO-Inspektionen haben ziemlich viel erreicht.
UEBERSETZUNG HILLARY CLINTON
Das wirft doch die Frage auf, ob nicht auch die letzten UNO-Inspektionen im vergangenen Jahr haetten erfolgreich sein koennen, und zwar ohne die vielen Opfer an Menschenleben.
TEXT RL:
Spionageflugzeuge und Satellitten, Abhoeranlagen und Geheimagenten. Augen und Ohren der Supermacht Amerika. Kein Land war so im Visier der amerikanischen Geheimdienste wie der Irak Saddam Husseins. Und ausgerechnet der Irak wird jetzt zum zweiten grossen Geheimdienstdebakel seit dem 11.September.

JOSEPH CIRINCIONE, CARNEGIE INSTITUT FUER DEN FRIEDEN
Die Regierung ist jetzt im freien Fall mit ihrer Position. Ihre gesamte Argumentation bricht zusammen. Und sie muss irgendeine Verteidigungslinie finden um glaubwuerdig zu bleiben.
TEXT RL:
Es geht um sehr viel, denn der Irakkrieg koennte die Praesidentschaftswahlen entscheiden.
Der CIA - Chef sitzt jetzt auf einem Schleudersitz. Und die Demokraten fragen, wieso Hardliner Dick Cheney vor dem Krieg so oft auf Besuch kam in die Geheimdienstzentrale?
Die demokratischen Herausforderer des Praesidenten geben sich auf jeden Fall mit der Erklaerung, die Geheimdienste seien schuld, nicht zufrieden.
Fuer den Glaubwuerdigkeitsverlust Amerikas traegt der Praesident die Verantwortung hoert man auf den Wahlveranstaltungen aller Kandidaten.
Sie machen den republikanischen Praesidenten fuer den Glaubwuerdigkeitsverlust der Vereinigten Staaten von Amerika verantwortlich..
Im Kongress in Washington klagt niemand die Aussenpolitik der Regierung haerter an, als Edward Kennedy, der liberalste unter den demokratischen Senatoren.
EDWARD KENNEDY, DEMOKRATISCHER SENATOR
Die arrogante Missachtung der Vereinten Nationen und anderer Voelker und Laender hat diese Regierung die riesige Zuneigung verspielt, die es nach den Terrorangriffen 11.September fuer unser Land gegeben hat. Sie haben das moralische Gewicht Amerikas reduziert und Amerika zu einem weniger respektierten Land gemacht.
Die Regierung hat die Terrorangst nach dem 11. September ausgenuetzt, die Erkenntnisse der Nachrichtendienste manipuliert und die Wahrheit entstellt um einen Krieg zu rechtfertigen, der leicht zu einem der schlimmsten Fehlern in zweihundert Jahren amerikanischer Aussenpolitik werden koennte.
TEXT RL:
Die Regierung Bush hat den Feldzug gegen Saddam Hussein als Praeventivkrieg gefuehrt, um von den USA eine gefaehrliche Bedrohung abzuwenden. Aber haben rueckblickend nicht Jacques Chirac und Gerhard Schroeder recht gehabt, dass diese Bedrohung gar nicht so gross war, fragen wir einen der Architekten der Bushdoktrin.
RICHARD PERLE, PENTAGON-BERATER
Ich bin ganz und gar nicht der Meinung, dass Chirac und Schroeder recht gehabt haben. Und ich glaube auch nicht, dass das der Grund ihres Handelns war. Schroeder wollte einfach mit Hilfe der pazistischen Stimmung in Deutschland Wahlen gewinnen. Oesterreich ist naeher dran als wir, aber das war doch so. Letztlich geht es um die Frage der Risikoabwaegung. Das Risiko, dass es versteckte Waffen im Irak gab war zu gross. Nichts zu tun, das war angesichts dieses Risikos undenkbar. Wenn andere Staaten jetzt deshalb, weil diese Waffen nicht gefunden wurden, den Vereinigten Staaten nicht mehr Glauben schenken wollen, dann koennen wir nicht viel tun. Aber es waere eine verrueckte Schlussfolgerung.
TEXT RL:
Die Regierung Bush ist jetzt wieder bemueht die Vereinten Nationen einzubinden. Aber Macht und Verantwortung mit den Widersachern aus der Zeit vor dem Krieg zu teilen, dazu hat man sich in Washington noch nicht durchgerungen..
Noch immer gilt im Weissen Haus das Prinzip gilt, Amerika werde niemanden um Erlaubnis fragen, wenn es bedroht ist. Das hat dem Praesidenten die Feindschaft des reichsten Philantropen des Landes eingebracht.
GEORGE SOROS, FONDSVERWALTER UND PHILANTROP

George Bush missbraucht den Krieg gegen den Terrorismus als Vorwand um einen Traum amerikanischer Vorherrschaft zu verfolgen, der weder erreichbar noch wuenschenswert ist. Er gefaehrdet die Buergerrechte zu Hause und verwickelt uns in militaerische Abenteuer im Ausland
TEXT RL:
Soros will seine betraechtlichen Mittel fuer die Abwahl des Praesidenten einsetzen, kann das nicht zu einer Gegenreaktion in der amerikanischen Oeffentlichkeit fuehren?
GEORGE SOROS, FONDSVERWALTER UND PHILANTROP:
Es gibt schon eine Gegenreaktion, die wird von George Bushs Propagandamaschine hochgepeitscht. Aber ich muss einfach sagen, was meine Ueberzeugung ist.
TEXT RL:
Kann es im Irak nicht doch einen Erfolg geben, wie in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg?
GEORGE SOROS:
Ich kann nur hoffen, dass sich die Lage im Irak beruhigt. Das aendert nichts an der Tatsache, dass wir falsch vorgegangen sind. Und das macht es in Zukunft schwerer mit aehnlichen Diktatoren wie Saddam umzugehen. Was wir brauchen, das ist internationale Zusammenarbeit, wie man mit Tyrannen umgeht.
TEXT RL:
Von einer Ueberwindung der im Irakkrieg gewachsenen weltweiten Gegensaetze ist man noch weit entfernt.
Aber militaerische Alleingaenge werden durch das Debakel rund um die irakischen Massenvernichtungswaffen zumindest nicht leichter gemacht.


 

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