Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Irak-Waffenbericht vor der UNO, ORF-On, 19.12.2002

Die kritische Beurteilung des irakischen Waffenberichts durch Hans Blix ermöglicht es den USA ihre harte Haltung gegenüber dem Irak kompromisslos weiterzuführen. Gleichzeitig bestätigt sie in der inneramerikanischen Diskussion den multilateralen Kurs des Außenministers Colin Powell. Powell kann jetzt von den Waffeninspektoren fordern, dass sie die nächste Eskalationsstufe gegenüber Bagdad einleiten und damit beginnen, die Befragung von irakischen Rüstungsexperten außer Landes durchführen. Für den nötigen Druck dazu sorgt der fortschreitende amerikanische Militäraufmarsch. Den Hardlinern um Verteidigungsminister Rumsfeld und Vizepräsident Cheney, die am liebsten im Alleingang gegen das Regime in Bagdad ins Feld ziehen würden, kann Powell entgegenhalten, dass sich dank des Drucks auf die UNO die Schlinge immer enger um Saddam Hussein zieht.
Die Entscheidung für einen Krieg, die ist heute auf jeden Fall noch nicht gefallen. Aber mittelfristig steigt die Wahrscheinlichkeit für eine kriegerische Auseinandersetzung: eine neue Eskalationsstufe ist eingeleitet. Denn wenn nicht nur die geschworenen Saddam-Hussein-Feinde USA und Großbritannien, sondern auch der Chef der UNO-Waffeninspektoren bestätigt, dass es beunruhigende Lücken im Waffenbericht des Iraks gibt, dann bedeutet das: es gilt diese Lücken möglich rasch zu schließen. Durch aggressivere Inspektionen und strenge Verhöre irakischer Rüstungsexperten im Ausland. Für die irakische Regierung wird das der Knackpunkt sein: Eine Weigerung Saddam Husseins seine Waffenkonstrukteure freizugeben wäre der Kriegsgrund für die USA. Gleichzeitig aber kann kein Regime überleben, das seine hochrangigsten Rüstungsexperten dem Feind ausliefert. Inzwischen fließen amerikanische Waffen in die Kurdengebiete im Norden und amerikanische Militärberater beziehen Stellung. Erstmals ist die bislang zerstrittene irakische Opposition dabei, sich in einer gemeinsamen Dachorganisation zusammenzufinden. Dreitausend irakische Aktivisten aus dem Exil werden ab Jänner auf einer Militärbasis in Ungarn, 200km südlich von Budapest, ihr Training beginnen. In London meldet das Verteidigungsministerium, man sei dabei Transportschiffe anzumieten, um schweres Kriegsgerät und Mannschaft in den Golf transportieren zu können. Aber nach einem Alleingang von Briten und Amerikaner sieht es zur Zeit trotzdem nicht aus: im Gegenteil, auch Großbritannien wünscht sich jetzt vor einem Militäreinsatz eine neuerliche UNO-Resolution, ganz so wie die amerikakritischen Franzosen. Die wiederum sind über die Lücken im irakischen Waffenbericht so entsetzt, dass man in Paris erstmals an eine französische Beteiligung an einer Militäraktion gegen den Irak denkt. Der nächste Stichtag wird der 27.Jänner 2003: an diesem Tag wird Hans Blix dem Sicherheitsrat die ersten Schlussfolgerungen aus den bisherigen Inspektionen darlegen. Kommen die USA und ihre Verbündeten danach zum Schluß, es läge die ominöse "schwerwiegende Verletzung" der bestehenden UNO-Resolutionen vor, dann setzt unwiderruflich das Countdown zum nächsten Waffengang am Golf ein. Der Druck auf den Irak wächst, aber er folgt dem Fahrplan der Vereinten Nationen, und dort braucht alles Zeit.

 

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