Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Japanische Verhaeltnisse, Profil, April 2001


Vom Einheitslook der japanischen Spitzenpolitiker sticht Junichiro Koizumi schon durch seine sorgfältig gepflegte graue Mähne hervor. Bunte Krawatten, ein feuriger Redestil und seine Vorliebe für die Heavy Metal Rockband X-Japan brachten ihm in der konformistischen Politikkaste Japans den Ruf eines Exzentrikers. Daß er im Fernsehen kenntnisreich über Viagra zu diskutieren weiß, ist inzwischen genauso bekannt wie sein wichtigstes politisches Anliegen: Aufspaltung und Privatisierung der staatlichen japanischen Postsparkassen, deren Vermögen jenes aller anderer Bankgruppen des Landes bei weitem übertrifft.
Daß die liberaldemokratischen Parteigranden sich gegen diesen Außenseiter geschlagen geben mußten, hängt mit einem bahnbrechenden Demokratisierungsschritt zusammen. Nicht mehr die Chefs der mächtigen Fraktionen allein bestimmen den Parteivorsitzenden, sondern ein Wahlkollegium, in dem auch die Parteibasis vertreten ist. Erstmals hat der Druck der öffentlichen Meinung die entscheidende Rolle gespielt. Und Koizumi wurde durch seinen demonstrativen Austritt aus der Fraktion des gescheiterten früheren Parteichefs Mori zu der Symbolfigur für Veränderung: das brachte ihm den Triumph. Es wäre politischer Selbstmord gewesen, wenn die Partei unter diesen Umständen den Aufstieg ihres populärsten Politikers im letzten Augenblick noch verhindert hätte.
Angesicht katastrophaler Umfragewerte in der Bevölkerung scheint die von Koizumi propagierte "friedliche Revolution" auch vielen seiner innerparteilichen Gegner als einzige Chance auf die Wiederbelebung der LDP.
Und die muß im Höllentempo erfolgen: Ende Juli sind in Japan Oberhauswahlen angesetzt, für die der LDP schwere Einbußen vorausgesagt werden. Nun werden diese Wahlen automatisch zu einer Abstimmung über "Koizumi's Revolution", wie der ungewöhnliche Machtwechsel in der japanischen Presse genannt wird: verliert er diese Wahlen, dann könnte das zum blitzartigen Ende seiner Karriere führen. Gelingt ihm eine Trendumkehr zugunsten der Liberaldemokraten, dann hat er die Chance sich auf Dauer von den rivalisierenden Machtgruppen seiner Partei zu emanzipieren.
Schließlich steckt das gesamte im Kalten Krieg gewachsene politische System Japans, verkörpert in der seit 1955 fast ununterbrochen regierenden Liberaldemokratischen Partei LDP, in der Krise. Alle Umfragen zeigen das gleiche Bild: das Mißtrauen der Bürger erstreckt sich auf die gesamte politische Klasse. Eine Untersuchung der Tageszeitung "Asahi Shimbun" von Mitte April ergibt, dass sensationelle 60 Prozent der Befragten zu keiner Partei tendieren. Die LDP kommt auf magere 22 Prozent, die oppositionelle Demokratische Partei gar auf nur 9 Prozent.
Die sozialdemokratische Oppositionsabgeordnete Kiyoko Kusakabe sieht in den sich häufenden Korruptionsskandalen im Umkreis der Regierungsparteien das deutlichste Anzeichen des Niedergangs. Bei den kommenden Oberhauswahlen hofft sie auf eine saftige Niederlage der Regierungsparteien: ""Die LDP muß in die Opposition gedrängt werden, sonst gibt es keinen Ausweg."
Der fallenden Glaubwürdigkeit der traditionellen Parteien steht der spektakuläre Aufstieg parteiunabhängiger Kandidaten bei Lokalwahlen gegenüber. Letztes Beispiel: der Triumph eines ausschließlich von unabhängigen Bürgerkomitees unterstützten unabhängigen Kandidaten Akiko Domoto bei den Gouverneurswahlen in Chiba östlich von Tokio. Akiko Domoto, ein ehemaliger Oberhausabgeordneter und Journalist, hatte die Parteikandidaten sowohl aus der Regierungskoalition als auch der oppositionellen Demokratischen Partei geschlagen. Zuvor waren auch in Nagano und Akita Anti-Establishment- Kandidaten mit harter Kritik an Immobilismus, Protektionswirtschaft und Korruption erfolgreich gewesen.
Ebenfalls als Wild Card der japanischen Politik gilt der von europäischen Beobachtern manchmal als "Japans Haider" titulierte Gouverneur von Tokio, Shintaro Ishihara. Der immer wieder durch nationalistische Ausfälle auffallende Populist war zuletzt 1999 mit großer Mehrheit wiedergewählt worden und könnte ganz nach oben streben, sollte es zu einem Zerfall der LDP kommen. Shintaro Ishihara hat sich auch nie gescheut die von vielen als bedrückend erscheinende Abhängigkeit Japans von den USA und die unpopuläre Präsenz amerikanischer Truppen auf japanischem Boden anzusprechen. Auch das nicht bewältige Thema der japanische Rolle im Zweiten Weltkrieg spielt Ishiara gerne an: ein potentiell mächtiges Instrument um in das Führungsvakuum der Konservativen vorzustoßen .
In den Straßen trifft man immer wieder auf riesige Lautsprecherwägen rechter Propagandagruppen: die Aktivisten chauvinistischer Organisationen, die sich mit lautstarken Parolen gegen die amerikanische Truppenpräsenz und der Glorifizierung des kaiserlichen Streitkräfte im Zweiten Weltkrieg bemerkbar machen.
Wenn die Kirschbäume blühen, dann versammeln sich in Tokio die Kriegsveteranen beim Yasukuni Heldenschrein: das Lied der Luftwaffe über den heldenhaften Kamikaze erklingt, der kaum aufgegangen wie die Blüte am Baum, schon wieder in den Tod fällt, wie sie. Glücklicherweise begnügen sich die alten und weniger alten Herren in ihren zum Teil grotesken Uniformen mit dem Abschießen von Papierfliegern. Großes Thema beim diesjährigen Treffen: die Auseinandersetzung um ein neues Schulbuch für den Geschichtsunterricht. Unter dem massiven Druck einer Gruppe revisionistischer Historiker, die den Zweiten Weltkrieg in neuem Licht sehen wollen, hat das Unterrichtsministerium in Tokio einen Text genehmigt, in dem ganz in der Diktion des kaiserlichen Japans der Vorkriegszeit vom "Großen Ostasiatischen Krieg" die Rede ist, der Japan angeblich durch die Konkurrenzsituation mit den USA aufgezwungen worden sei. Weder die Versklavung zehntausender junger Frauen aus Korea und China als "Comfort women" in japanischen Militärbordellen noch das von den japanischen Besatzern im chinesischen Nanking angerichtete Massaker werden in dem Textbuch als historisch bewiesenes Faktum bezeichnet. "Japan hat nie eine Politik des Völkermordes verfolgt, wie Nazideutschland," weist Mitautor Takamori im schmuddeligen Büro des Historikerteams alle Vergleiche mit Europa zurück.
Koizumi selbst galt stets als Populist unter den Politikern der Regierungspartei, dementsprechend hat auch er - kaum gewählt - den für die Veteranenverbände so wichtigen Antrittsbesuch im Yasukuni Schrein versprochen. Beim Thema Schulbücher will er sich heraushalten und gleich bei seiner Antrittpressekonferenz plädierte er dafür, die längst nicht mehr mit der Realität übereinstimmende Passage über das Verbot bewaffneter Streitkräfte aus der japanischen Verfassung zu streichen. Am Bündnis mit den USA hat er nie gerüttet, ein Pochen auf verstärkte Eigenständigkeit in der internationalen Politik trauen im Kenner jedoch durchaus zu.
Die Zerreißprobe, in der sich die japanische Politik befindet, hängt eng mit der Erfolglosigkeit aller Regierungen seit zehn Jahren zusammen, die wirtschaftliche Stagnation zu überwinden. Von der geplatzten Blase des Immobilien- und Aktienbooms der Achtzigerjahre hat sich die zweitgrößte Wirtschaft des Globus nie wirklich erholt. Angesichts sinkender Preise ist die japanische Zentralbank zuletzt wieder zur Null-Zinspolitik früherer Jahre zurückgekehrt. Wie ein Damoklesschwert liegt die Gefahr eines Zusammenbruchs gleich mehrerer tiefverschuldeter japanischer Banken über der sowieso schon düsteren Konjunktur. Wie sehr die Regierung faule Kredite weiter decken soll, ist Kern aller wirtschaftlichen"Reformpakete". "Restrukturierung" ist das allseits gebrauchte Zauberwort, wie schnell und zu welchem Preis, darüber liegen sich die verschiedenen Interessensgruppen in den Haaren.
Daß die USA gerade dabei sind dem Beispiel Japans beim wirtschaftlichen Niedergang zu folgen, davon ist der prominente eben aus Washington zurückgekehrte Weltwirtschaftsexperte des Nomura-Forschungsinstituts in Tokio, Richard Koo, überzeugt: " Was passiert, geht weit über einen normalen Konjunkturzyklus hinaus. Der Preisverfall von 1990 hat die Vermögenswerte vieler Firmen plötzlich auf bis zu ein Zehntel schrumpfen lassen: daß die Gesamtwirtschaft dabei nicht noch stärker eingebrochen ist, muß eigentlich als Zeichen der strukturellen Stärke Japans gewertet werden. In den USA fehlt der Polster der japanischen Sparreserven, daher wären die Folgen einer solchen Entwicklung dort noch viel dramatischer."
Eisuke Sakakibara, einst als Vizefinanzminister der "Mr.Yen" der japanischen Regierung, und jetzt Professor an der Keio Universität, sieht die Krise als Ausdruck einer tieferliegenden Schwierigkeit des japanischen Modells den neuen Anforderungen der Globalisierung zu entsprechen. "Eine Kapitalismus ohne Risiko gibt es nicht. Die Menschen müssen sich daran gewöhnen, daß es mit der Idee einer lebenslangen Beschäftigung vorbei ist, die hier in den letzten 50 Jahren gegolten hat." Nur eine weitere Öffnung des japanischen Marktes um Weltmarkt und liberale Reformen, zu denen sich die Politik bisher nicht entschließen konnte, weisen seiner Meinung nach einen Ausweg. Die Erwartungshaltung für die neue japanische Führung ist dementsprechend hoch.

 

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