Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Kräftemessen im Sicherheitsrat, ORF-On, 25.2.2003

Mit dem offenen Aufeinanderprallen der amerikanisch-britischen und französisch-deutschen Vorschlägen im UNO-Sicherheitsrat geht die diplomatische Schlacht um die Irakkrise in die Schlußrunde. Wie diese Auseinandersetzung ausgeht, wird nicht nur für die Frage von Krieg und Frieden am Golf allein entscheidend sein, sondern auch grundsätzlich für die Konturen der Weltpolitik des 21.Jahrhunderts. Denn das Gewicht der Vereinten Nationen selbst steht nun auf dem Spiel: sollten Amerikaner und Briten für ihre Resolution keine Mehrheit finden, Mitte März aber trotzdem den Irak angreifen, wie das amerikanische Hardliner befürworten, dann wäre das ein Schlag von dem sich die Weltorganisation nur schwer erholen würde.
Den amerikanischen und britischen UNO-Diplomaten ist es bisher auf jeden Fall nicht gelungen, die Mehrheitsverhältnisse im Sicherheitsrat in ihrem Sinn zu verändern. Nur Spanien und Bulgarien unterstützen den neuen Resolutionsentwurf. Frankreich, Deutschland und Rußland wissen mit ihrer Antikriegshaltung nicht nur China und die islamischen Staaten Syrien und Pakistan auf ihrer Seite, sondern auch die frankophonen afrikanischen Vertreter Kamerun und Guinea. Bleiben Angola, Chile, Mexiko und Pakistan als bisher skeptische Staatengruppe in der Mitte. Aber nach den Regeln des Sicherheitsrates sind zur Annahme einer Resolution neun Pro-Stimmen und kein Veto erforderlich, ein Ziel, das innerhalb der vorgesehenen zwei bis drei Wochen für Amerikaner und Briten extrem schwer zu erreichen sein wird.
Diese ungünstige Ausgangsposition spiegelt sich auch Text des amerikanisch-britischen Resolutionsentwurfes selbst wieder: ist doch nirgends von einer ausdrücklichen Zustimmung zum Einsatz "aller verfügbaren Mittel" die Rede, um den Irak zu entwaffnen, wie das noch vor dem Golfkrieg 1991 der Fall war.
Man beschränkt sich darauf festzustellen, dass der Irak die Chance zu einer friedlichen Entwaffnung verspielt habe und nun die schon im vergangenen Herbst angedrohten schwerwiegenden Folgen schlagend würden.
Ganz offensichtlich wollen die amerikanisch-britischen Autoren die Türe zu einem Kompromiß vor allem mit Frankreich nicht völlig schließen: denn Jacques Chirac erweist ist in diesen Wochen als der große Gegenspieler für George W. Bush. Wenn es nach dem nächsten Bericht des Chefs der UNO-Waffeninspektoren Hans Blix am 7.März zur Abstimmung kommt, dann wird Frankreichs Haltung entscheidend sein. Fällt der Bericht gegenüber dem Irak sehr kritisch aus, etwa weil sich der Bagdad weigert die inkriminierten Al-Samoud II Raketen zu zerstören, dann hoffen die USA zumindest auf eine Enthaltung der Franzosen, denen sich Deutschland, Rußland und China anschließen könnte. Das würde es leichter machen die Stimmen der umworbenen afrikanischen und lateinamerikanischen Vertreter zu gewinnen.
Bleiben Washington und Paris aber weiter auf Kollisionskurs und droht ein französisches Veto, dann könnten die USA auf eine formale Abstimmung verzichten und den Krieg unter Berufung auf frühere UNO-Resolutionen beginnen. Es wäre ein diplomatischer GAU ganz besonderer Art, der besonders für Verbündete der USA von Großbritannien bis zu den Nachbarstaaten Türkei oder Jordanien eine extrem schwierige Situation schaffen würde. Die Vereinten Nationen wäre für lange Zeit beschädigt.
Weil eine funktionierende UNO langfristig aber auch im amerikanischen Interesse ist, setzen Optimisten im französischen Außenministerium in seiner solchen Extremsituation auf eine Überraschung. Sie schließen nicht aus, dass in Washington dann die Falken nachgeben würden und es zu einer Vertagung des Krieges bis in den Herbst kommen könnte: erst in einem solchen Fall, wenn die Inspektoren mehrere Monate vergeblich gearbeitet hätten, könnte auch Paris von der Notwendigkeit von Waffengewalt überzeugt werden.
Angesichts des unmittelbar vor dem Abschluss stehenden militärischen Aufmarsches der USA gegen den Irak erscheint das im Augenblick allerdings als die Variante mit der geringsten Wahrscheinlichkeit.

 

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