Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Kreisky -Buchpreis, Dankesrede, 22.1.2007

Für diese Entscheidung der Jury, die für uns so ehrend ist, möchte ich mich sehr herzlich bedanken. Nicht nur in meinem Namen, sondern auch im Namen aller 16 Autorinnen und Autoren, die mitgemacht haben bei diesem Buchprojekt "Die Fantasie und die Macht". Preise sind immer etwas Schönes. Wenn dazu ein derartiger Überraschungseffekt kommt, wie in unserem Fall, dann ist die Freude ganz besonders groß.
Wir werden noch dazu von einer Institution wie der Kreisky-Stiftung gelobt, die immer wieder Widerspenstige auszeichnet, Personen, die sich nicht nur im Mainstream bewegen.
Das zeigt uns, dass auch wir vielleicht doch nicht so ganz angepasst sind, wie es angesichts der etablierten Berufe, die manche von uns haben oder hatten, den Anschein haben mag.
Auch das hört man glaube ich ganz gerne.
Das Feed back, das wir von Lesern und Leserinnen auf unser Buch bisher bekommen haben, war durchwegs positiv. Der Verlag hat sogar schon eine zweite Auflage gedruckt.
Was man da zu spüren bekommt, bei diesem Feed back, das ist einerseites lebendiges Interesse wie denn das damals wirklich war mit dem Glauben an Mao, Trotzki und Che Guevara oder dem Prinzip vom Privaten, das plötzlich politisch werden sollte.
Man spürt ein bisschen Nostalgie und:
immer wieder kommt die Frage, was ist denn von den Ideen der damaligen linken Stundenbewegung eigentlich heute überhaupt noch aktuell?
Was ist noch aktuell in einer Zeit, in der im einstigen Reiche Mao Tsetungs, der Kapitalismus blüht. In einer Zeit, in der der Sowjetunion, über die wir so heftig gestritten haben, Gegenstand historischer Forschungen ist.
In den Beiträgen unseres Bandes gibt es je nach dem Lebensweg der Autorinnen und Autoren die unterschiedlichsten Antworten.
Für mich ist die Bilanz widersprüchlich.
Die politische Scheinwelt, in die die Studentenbewegung vor allem in den Siebzigerjahren eingetaucht ist, hat
zwar zu spannenden und oft auch lehrreichen Diskussionen geführt hat.
Andererseits war auch viel Unsinn dabei.
Und eine Generation politisch Interessierter ist relativ lang davon abgehalten worden, sich der Wirklichkeit zu stellen.
Das haben andere Strömungen unserer Generation besser geschafft. Den Freunden des SJ oder des VSStÖ in den Siebzigerjahren haben wir immer ein gewisses Mitgefühl entgegen gebracht, wie sie sich da mit ihrem Parteiapparat herumschlagen mussten, während wir über die Weltrevolution diskutiert haben. Mit zeitlichem Abstand ist auch wachsender Respekt gegenüber all jenen dazugekommen, die sich von den Mühen der Ebenen, egal in welcher Partei oder Organisation, nicht abschrecken ließen.
Aber es gibt aber auch eine ganze Reihe von Reflexen der bewegten Jahre rund um 1968, die für eine demokratische Gesellschaft auch Jahrzehnte später noch recht gesund sind.
Zum Beispiel die Bereitschaft Autoritaeten in Frage zu stellen. Besonders dann, wenn Macht vor allem auf Traditionen und Konventionen beruht.
Je weniger autoritätsgläubig eine Gesellschaft oder eine Institution ist, je skeptischer sie Obrigkeiten gegenüber ist:
desto besser für die Demokratie, desto leichter ist es Fehlentwicklungen zu korrigieren.
Eine aufmüpfige Jugend macht das Regieren natürlich nie leichter, das gilt für Parteivorsitzende und Bundeskanzler aller Generationen.
Aber offene und kontroversielle Diskussionen sind immer auch ein Zeichen, dass eine Bewegung lebendig ist.
Die jungen Leute die heute demonstrieren,
* die uebertreiben natürlich ganz furchtbar,
* sie sind provokant,
* sie glauben, dass sie Weisheit mit Löffeln gegessen haben.
Kommt mir alles sehr bekannt vor.
Aber vielleicht sollte es in einem gewissen Alter ein Recht geben zu übertreiben.
Ein solches Recht werden viele der Aufgewecktesten ihrer Generation in Anspruch nehmen, die Talente von Morgen.
Wer es vermag eine solche Jugend einzubinden, der gewinnt die Zukunft.

Ich sage das nicht nur aber natuerlich auch als Vater von zwei Töchtern, die jedes Mal, wenn ich nach Wien komme, irgendwo demonstrieren sind. Entweder die eine gegen Pelze vor einem Kaufhaus oder die andere unter SJ Fahnen vor der Löwelstrasse.
Egal, was es für besänftigende Emails aus Washington vorher gegeben hat.
Keine Ahnung, wo die Mädchen das her haben.
Noch einen anderen Punkt würde ich gerne ansprechen: im Mai 68 gab es eine etwas idealistische, internationalistische Losung, die mir wahnsinnig sympathisch war. Sie lautete:
Les frontieres on s'en fout, also etwa wir pfeifen auf die Grenzen. Die liess sich im Chor ganz gut skandieren!
"Les frontiere on s'en fout,"
Die Staatsgrenzen sind in Europa seither geschrumpft oder ganz verschwunden.
Mehr als wir uns je hätten träumen lassen.
Dank der EU, mit der ja die Linke bis heute merkwürdigerweise ihre Schwierigkeiten hat.
Aber die kulturelle Grenzen in den Köpfen, die scheinen in Österreich manchmal eher zu wachsen, wenn die realen Grenzen endlich fallen und die Realität dadurch vielfältiger und bunter wird.
Ich habe in den letzten Jahren einen großen Teil der Zeit in den USA gelebt.
Wenn man immer wieder zurückkommt, dann spürt man diese Veränderungen besonders deutlich.
Wien ist lebendiger und multikultureller denn je.
Wenn ich durch den 9.Bezirk gehe, wo ich viele Jahre gelebt habe, dann ist der Chef in der Pizzeria im Nebenhaus ein Palästinenser, der Schuster um die Ecke kommt aus Samarkand und ist ein Anhänger des Rabbi Schneerson und in so gut wie in allen Geschäften wird man von Verkäuferinnen aus dem ehemaligen Jugaslawien, Ungarn oder Tschechien bedient.
Die Lower East Side in New York hat vor ein paar Jahrzehnten nicht wahnsinnig anders ausgesehen.
Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: in Wien Alsergrund sitzen die die eingesessenen österreichischen Chefs hinter der Budel, lesen die Kronenzeitung und klagen, wir sind doch kein Einwanderungsland.
Waehrend die Einwanderer oder Einwandererkinder die Arbeit tun.
Das Bewusstsein ist meilenweit von der multikulturellen Wirklichkeit des Landes entfernt.
Das sticht total ins Auge, wenn man von aussen kommt.
Ich glaube jeder vierte Buerger ist ein Neooesterreicher in Wien.
Aber kein einziger Minister kommt aus einer Einwandererfamilie, kein einziger Stadtrat, kein einziger Abgeordneter.
Wenn ich das amerikanischen Freunden erzaehle, die ihre Hoffnungen gerade in dieser Zeit gerne in das liberale und soziale Europa setzen, dann sind die fassungslos.
Denn sogar im ganz und gar konservativen Kabinett in Washington gibt es ganz selbstverstaendlich
einen Latino als Justizminister,
eine chinesische Amerikanerin als Arbeitsministerin,
bekanntlich: eine Afroamerikanerin im State Department.
Vom Austroamerikaner an der Spitze des bevölkerungsreichsten Bundesstaates ganz zu schweigen.
Da muss sich doch bitte auch in Österreich endlich etwas bewegen.
Es muesst ja nicht gleich ein türkischstämmiger Landeshauptmann in Niederösterreich werden, was etwa mit der Position Schwarzeneggers als Governor in Kalifornien vergleichbar wäre.
Gut und erfolgreich zu verwalten, das ist nicht einfach, keine Frage, das war nie große Stärke der Tradition, ueber die wir in unserem Buch schreiben. Aber genauso wichtig, vielleicht wichtiger ist es fuer eine Gesellschaft in ein, zwei symbolischen Schritten Weichenstellungen zu treffen, die ueber die Routine hinausgehen.
Etwa im Umgang mit Dissenz oder mit den Grenzen in den Köpfen.
Das ist ein bisschen meine Schlussfolgerung.
In diesem Sinn darf ich mir und uns heute wieder wünschen: L'Imagination au pouvoir, Die Fantasie an die Macht.
Und nochmals: vielen Dank fuer die Auszeichnung.

 

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