Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

Fenster schließen
 
  Aktuelle Analysen
   

Liechtenstein im Visier der EU, MoJ, 21.2.2008


Die Liechtensteiner Steuerhinterziehungsffaire hat jetzt auch auf EU-Ebene eine Diskussion um Steueroasen und Schlupflöcher für Steuersünder ausgelöst. Aber in der EU sind die Möglichkeiten beschränkt. Unter anderem deshalb, weil die Union selbst uneins ist. Österreich konnte zum Beispiel sein strenges Bankgeheimnis verteidigen und auch Steuer schonende Stiftungen sind in der EU nicht unbekannt.
Bei ihrer nächsten Sitzung Anfang März wollen sich die europäischen Finanzminister das erste Mal mit dem Steuerstreit zwischen Deutschland und Liechtenstein beschäftigen. Vor allem in Deutschland wächst der Druck, die EU sollte schärfer gegen Steueroasen in und um Europa vorgehen.
Möglichkeiten dazu gäbe es.
Liechtenstein ist zwar nicht Mitglied der Europäischen Union, über zahlreiche Fäden aber trotzdem in das europäische Regelwerk eingebunden. Bei Schengen, dem Abkommen über das grenzfreie Reisen, will das Fürstentum schon dieses Jahr mit dabei sein, ebenso wie die Schweiz. Einen entsprechenden Vertrag wollen die Innenminister der EU nächste Woche unterzeichnen. Aber EU-Verträge müssen von allen Mitgliedsstaaten ratifiziert werden. Und in Deutschland ist die Stimmung so aufgeheizt, dass Berlin den Schengenbeitritt Liechtensteins verzögern könnte.
Sollte Vaduz nicht vorher einem eigenen Betrugsbekämpfungsabkommen mit der EU zustimmen. Das hat Bundeskanzlerin Merkel gestern angedeutet.
Ein Problem der Europäischen Union mit Steueroasen außerhalb der Union besteht darin, dass es auch im Inneren weitreichende Sonderregelungen gibt. Als 2003 nach langwierigen Verhandlungen eine Zinsrichtlinie verabschiedet wurde, die Steuerflucht erschweren soll, legten sich drei Kleinstaaten quer: Belgien, Österreich und Luxemburg lehnten die sogenannte Informationspflicht ab, die Banken zu verpflichtet, Daten über ausländische Kunden an die Finanzämter der Heimatstaaten weiterzuleiten. Statt wird eine schrittweise wachsende anonyme Quellensteuer auf Zinserträge eingehoben. Für Steuerflüchtlinge seien das sowieso unattraktive Bedingungen, argumentieren Belgier, Österreicher und Luxemburger. Auch die Schweiz verteidigt mit Händen und Klauen ihr Bankgeheimnis, das von den meisten westlichen Industriestaaten als nicht mehr zeitgemäß angesehen wird.
Liechtenstein hat im Rahmen der Zinsrichtlinie der EU die gleiche Sonderregelung wie Österreich akzeptiert und hebt ebenfalls eine anonyme Quellensteuer ein.
Die Regel gilt allerdings nur für Privatpersonen. Fonds, Finanzunternehmen und vor allem Stiftungen sind ausgenommen, sie stellen das allergrößte Schlupfloch für Steuerhinterzieher dar. Über einen Anwalt kann in Liechtenstein ein deutscher Anleger ohne viel Aufwand mit Familienmitgliedern oder Freunden diese einträgliche Rechtsform wählen, die Millionen Euro dem Zugriff des Fiskus entzieht. Auch in Österreich und anderen EU-Staaten sind Stiftungen bei den Reichen und Superreichen beliebt.
In einem Bericht der Organisation für Entwicklung und Zusammenarbeit der westlichen Industriestaaten OECD wird Österreich wegen des schwierigen Zugangs zu steuerrelevanten Informationen der Banken in einem Mund mit Liechtenstein, der Schweiz, Panama und Singapur genannt. Die Globalisierungskritiker der Organisation Attac, finden, dass auch das heimische Bankgeheimnis primär Steuerhinterziehern und Kriminellen nützt. Die EU kann erst glaubwürdig gegen Liechtenstein vorgehen, wenn auch die Schlupflöcher im Inneren gestopft sind, argumentiert Attac. Die Regierung in Wien sieht im Bankgeheimnis und den Steuerprivilegien von Stiftungen dagegen einen Weg möglichst viel Kapital im Land zu halten oder ins Land zu bekommen.

 

nach oben, Fenster schließen

 
  site by Adrian Rossmann