Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Medien und Golfkrieg, Juedisches Echo, Oktober 2003



Der Irakkrieg des Jahres 2003 war nicht nur ein Einschnitt für die Weltpolitik: Während Monaten hat sich auch die mediale Berichterstattung in hohem Ausmaß auf dieses eine Thema konzentriert. Obwohl fast alle internationalen Zeitungen, Fernsehsender oder Radiostationen im Wesentlichen über dasselbe Informationsmaterial in Wort, Bild oder Ton verfügt haben, war das Bild, das von diesem Krieg gezeichnet wurde, von Region zu Region sehr unterschiedlich. Die Berichterstattung zog jene politischen Trends nach, die Amerika in der Irakfrage von Europa, der arabischen Welt und den meisten anderen Staaten der Dritten Welt getrennt hatten. Gleichzeitig hat das Gefühl der permanenten Ausnahmesituation im so genannten "Krieg gegen den Terrorismus" kriegsführende westliche Regierungen zu in Friedenszeiten ungewöhnlich massivem Druck auf die Presse veranlasst. Die medialen Trends rund um den Irakkrieg bestätigen somit, wie gering die Akzeptanz des amerikanisch-britischen Vorgehens trotz der Hegemonie weltweit agierender amerikanischer Informationsmultis in der Öffentlichkeit selbst der engsten Verbündeten geblieben ist: Keine westliche Militäraktion seit dem Vietnamkrieg hat so rasch derart massive Proteste ausgelöst wie der Irakkrieg, obwohl dem früheren irakischen Regime Saddam Husseins nicht im entferntesten jene Sympathien entgegengebracht wurden, auf die einst der Vietkong während des Indochinakrieges in der westlichen Jugend zählen konnte.
Man hat nach der Niederlage der USA in Indochina oft von einem "Vietnam-Syndrom" in der amerikanischen Außenpolitik gesprochen: gemeint war die Scheu der US-Regierungen vor in der eigenen Bevölkerung unpopulären kriegerischen Verwicklungen und die sich daraus ergebende Zurückhaltung der US-Politik bei längerfristigen militärischen Engagements. Die Glaubwürdigkeit des amerikanischen Militärs blieb tatsächlich auch Jahrzehnte nach dem Vietnamkrieg angeschlagen. Nur unter Einsatz einer stark überlegenen Übermacht und mit streng eingegrenzten Zielen wollte Anfang der Neunzigerjahre der damalige Generalstabschef Colin Powell laut der nach ihm benannten Doktrin die militärische Macht Amerikas einsetzen. Der Irakkrieg des Jahres 2003 stellt eine Abkehr von dieser Linie dar: Unter dem Eindruck des Schocks der Angriffe des 11. September 2001 waren die USA nun bereit, ihre überlegenen militärischen Mittel um vieles rascher und um vieles häufiger einzusetzen als bisher. Die amerikanische Bevölkerung schien im so genannten "Kampf gegen den Terrorismus", ähnlich wie während des Kalten Krieges, für die Umsetzung der nationalen Ziele der USA auch Opfer unter den eigenen Soldaten zu tolerieren.
Dieser neuen Situation entsprach auch eine neue Linie in der Öffentlichkeitsarbeit des Pentagon: Zeigten die amerikanischen Streitkräfte noch während des ersten Golfkrieges 1991 große Scheu vor den Medien, die sich in ihrer Berichterstattung auf die wenig ergiebigen Pressekonferenzen des Militärs und die - wie man im Nachhinein erfuhr - irreleitenden Zielvideos einiger computergesteuerter Bomben beschränkten mussten, so war das Verteidigungsministerium 2003 unter Donald Rumsfeld bemüht, den Irakfeldzug zur groß angelegten PR-Aktion für die amerikanischen Streitkräfte zu machen. Im Zentrum dieser Bemühung stand die Einrichtung der "embedded reporters", der "eingebetteten Reporter", die es 700 Journalisten aus aller Welt ermöglicht hat, den Waffengang aus der Perspektive der amerikanischen Soldaten mitzuerleben und die damit im Unterschied zu früher eine substanzielle Erweiterung der Möglichkeiten der Kriegsberichterstattung darstellt.
Die "embedded reporters" haben gemeinsam mit den durch die moderne Satellitentechnologie geschaffenen neuen Übertragungsmöglichkeiten eine Revolution in der Kriegsberichterstattung eingeleitet. Die Fernsehreporter, die zum Teil stundenlang live aus den vorrückenden gepanzerten Fahrzeugen der US-Army auf Sendung gingen, brachten die Front direkt in die Wohnzimmer der amerikanischen Familien (und all jener, die Zugang zu internationalen Nachrichtensendern hatten). Zur gewünschten Identifikation mit den Truppen war nicht mehr die schlichte Militärpropaganda früherer Zeiten erforderlich.
Die "eingebetteten Reporter" mussten zwar bei operativen Details Einschränkungen in der Berichterstattung akzeptieren und eine Erklärung unterzeichnen, wonach sie " Regierungsanweisungen Folge leisten würden", eine Zensur im eigentlichen Sinn gab es aber nicht. Niemand musste seine Texte vor der Durchgabe einem Militärzensor vorlegen, wie man das aus früheren Kriegssituationen kannte. Angesichts des großen Stellenwerts von Liveberichten in Fernsehen oder Radio, bei denen die Reporter frei berichten und sich oft auf keinen vorbereiteten Text stützen können, wäre das auch kaum mehr möglich. Aber schon die Perspektive des Berichterstatters selbst, der sich inmitten der angreifenden Soldaten bewegte und dessen Livekamera auf einem in Richtung Bagdad rollenden Panzer postiert war, schuf beim Publikum ein großes Ausmaß an Identifikation mit den US-Streitkräften.
Dabei gab es von den "eingebetteten Reportern" keineswegs nur Jubelberichte. Das angesehene "Project of Excellence in Journalism" der Columbia University hat die ersten drei Tage der Kriegsberichterstattung im US-Fernsehen beobachtet und ist zum Schluss gekommen, dass 94 Prozent der Berichte der "embedded journalists" aus trockenen Faktendarstellungen bestanden. Ein großer Teil der Probleme des US-Vorstoßes ist erst durch die Reporter von der Front bekannt geworden. Wäre die Öffentlichkeit allein auf die vorgefertigten Erklärungen bei den Presse-Briefings des Central Command in Doha angewiesen gewesen, hätte man von der für die einmarschierenden Truppen völlig überraschenden Feindseligkeit der irakischen Bevölkerung oder den logistischen Problemen des Militärs mit den Sandstürmen der ersten Tage wohl erst viel später erfahren.
Für die militärische Führung der USA war die Entscheidung, einige hundert schwer zu kontrollierende Journalisten in den Irakfeldzug einzubauen, auch ein Risiko. Dass man bereit war, dieses Risiko einzugehen, spiegelt das Selbstbewusstsein wider, mit dem das Pentagon in diese Auseinandersetzung gegangen ist. Man war vom raschen Sieg überzeugt und glaubte an den Dominoeffekt eines Triumphzuges nach Bagdad, so wie das die neokonservativen Vordenker der Regierung Bush vorausgesagt hatten. Klar, dass man die eigene Öffentlichkeit und den Rest der Welt möglichst hautnah dabei haben wollte.
Freimut Duve, der Medienbeauftragte der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, hat in einer kritischen ersten Reaktion auf die Kriegsberichterstattung im Zusammenhang mit den "eingebetteten Reportern" von "war entertainment", also "Kriegsunterhaltung", gesprochen und vor einer verharmlosenden Darstellung des Krieges, vor allem in den 24-Stunden-Nachrichtensendern des Fernsehens, gewarnt. Durch die Konzentration auf sehr begrenzte Einzelereignisse bestehe die Gefahr, dass umfassendere regionale Perspektiven in den Hintergrund treten, die es dem Zuseher erst möglich machen, den Ernst der Situation zu erkennen. Aber auch Duve sieht den Schritt in Richtung "eingebetteter Journalisten" grundsätzlich positiv. Diese Einschätzung wird rückblickend von den meisten Medienbeobachtern geteilt: Tatsächlich hat es seit dem Vietnamkrieg, als westliche Journalisten sich weitgehend frei im Kriegsgebiet bewegen konnten, nicht mehr so viele Möglichkeiten der Kriegsberichterstattung gegeben wie während des Irakfeldzuges.
Diesen Zugang haben sich nicht nur Reporter der kriegführenden Nationen zunutze gemacht, sondern auch Journalisten aus Staaten, die dem Irakkrieg ablehnend gegenüberstanden. An der weit auseinander klaffenden Einstellung der medialen Welt zum Irakkrieg hat das nichts geändert. In Europa mussten die Fernsehgewaltigen sogar immer wieder feststellen, dass die teure Kriegsberichterstattung keine Quoten brachte. Kriegsberichterstattung war trotzdem unpopulär, und die Redaktionen waren rasch hin und her gerissen zwischen der Informationspflicht, auch über die grausamsten Seiten des Krieges zu berichten, und der ablehnenden Haltung des Publikums. Die Berichte der "eingebetteten Reporter" wurden oft als schlichte Kriegspropaganda abgelehnt. Dabei haben gerade skeptische Europäer oft die interessantesten Beobachtungen gemacht, wie etwa jene französische Journalistin, die entdeckte, wie populär in der abendlichen Videostunde der amerikanischen Panzermannschaften in der irakischen Wüste Michael Moores amerikakritischer Erfolgsfilm "Bowling for Columbine" war.
Das Quäntchen Häme, das man bei amerikanischen Misserfolgen in deutschen, französischen oder russischen Medien spüren konnte, war aber gleichzeitig auch Ausdruck des eigenen Ohnmachtsgefühls: Schließlich hatten selbst die weltweit größten Antikriegsmobilisierungen seit Jahren diese riesige Militärmaschinerie nicht stoppen können. Die dahinterstehende politische Realität: Europa weiß zwar, dass es sich einer mit neuem imperialen Anspruch ausgestatteten Supermacht Amerika nicht bedingungslos unterordnen will, für eine globale europäische Politik fehlen jedoch die Mittel und der politische Wille. Das Resultat war zurückhaltende Skepsis gegenüber dem amerikanischen Irak-Unternehmen selbst dort, wo die Regierungen sich der US-Aktion angeschlossen hatten.
In der amerikanischen Öffentlichkeit dominierte dagegen diesmal, anders als in der Zeit der Vietnamkrieges mit der damals betont kritischen Berichterstattung der liberalen Medien, der patriotische so genannte "Fox-Effekt". Dieser ist nach dem zum Imperium des australischen Medienmoguls Rupert Murdoch gehörenden "Fox News"-Nachrichtensender benannt, der seit den Anschlägen des 11. September 2001 mit seiner engagiert nationalistischen Berichterstattung das gesamte amerikanische Medienspektrum weit nach rechts geschoben hat.
In den Sendungen von "Fox" ist die in der angelsächsischen Tradition vorhandene strikte Trennung von Meinung und Berichterstattung aufgehoben. An die Stelle der sonst von den Medien als "vierte Macht" im demokratischen System geforderte Distanz zur politischen Macht ist die Funktion eines Einpeitschers im "Krieg gegen den Terrorismus" getreten. Amerikanische Fahnen, Solidaritätserklärungen an "unsere Soldaten" und, allgemein, die Vermittlung eines starken "Wir"-Gefühls, wenn vom Vorgehen gegen "terroristische Feinde" die Rede ist, prägen die Berichterstattung.
"Fox" versteht sich als patriotisches Bollwerk gegen das angeblich linksliberal durchsetzte Medienestablishment des Landes: Die "New York Times", der Nachrichtensender CNN oder die großen Networks CBS, ABC und NBC werden wegen kritischer Berichte über den Kurs der Regierung Bush von dem Sender regelmäßig aufs Korn genommen. Dass "Fox" mit dieser Linie in der Jagd nach Quoten höchst erfolgreich ist, hat dazu geführt, dass aggressiv-patriotische Berichterstattung auch in vielen anderen Medien übernommen wurden. Der "Fox-Effekt" wurde durch die während des Krieges sprunghaft ansteigenden Zuseherzahlen der sonst eher beschränkt erfolgreichen
so genannten "News-Sender" verstärkt. Während des Irakkrieges stiegen die Ratings von CNN auf 2,65 Millionen Zuseher, jene von Fox-News gar auf 3,3 Millionen. Eine Untersuchung der "Los Angeles Times" ergab, dass 69 Prozent der Amerikaner ihre ersten Informationen nach Kriegsbeginn aus Nachrichtensendern bezogen haben. Für die großen TV-Networks, die gut gehende Unterhaltungsshows durch für die Werbewirtschaft wenig interessante Irak-Sondersendungen ersetzen mussten, ebenso wie für die Printmedien, gestaltete sich der Krieg zur schwierigen Verteidigungsschlacht, bei der sie lange Zeit im Hintertreffen blieben.
Obwohl eine starke Minderheit der amerikanischen Öffentlichkeit dem Krieg ablehnend gegenüberstand, hat es in den großen amerikanischen Fernsehnachrichten während der Kämpfe keine Bemühung um Ausgewogenheit gegeben: eine umfassende Untersuchung durch die sehr professionell arbeitende alternative Medienbeobachtungsgruppe "FAIR" für die Zeit zwischen 19.März und 9.April 2003 ergab eine erdrückende Mehrheit von den Krieg befürwortenden Äußerungen in allen nationalen TV-Nachrichtensendungen. Nur 3 Prozent aller Interviewten waren Kriegsgegner. In den renommierten CBS Evening News hat es während des gesamten Beobachtungszeitraumes nur eine einige Antikriegsstimme gegeben: jene von Michael Moore bei seiner Rede anlässlich der Entgegennahme des Oscars in Hollywood am 24.März. Die Autoren der "FAIR"-Studie zitieren stellvertretend für viele liberale Medienmacher CBS-Starmoderator Dan Rather, der im Gespräch mit Larry King argumentierte: "Ich bin Amerikaner und ich habe niemals ein Hehl daraus gemacht, dass ich auch eine Art Internationalist bin. Wenn mein Land im Krieg steht, dann wünsche ich mir, dass es diesen Krieg gewinnt, was auch immer das heissen möge. Ich bestreite nicht, dass diese Art der Berichterstattung parteilich ist. Aber zu dieser Art von Parteilichkeit stehe ich." Die Vorstellung, dass eine offene Gesellschaft den Kontrollmechanismus demokratischer Vielfalt auch in Kriegssituationen dringend braucht, selbst dann, wenn das den patriotischen Reflexen widerspricht, war in den USA für geraume Zeit auf eine Minderheit der Medien beschränkt.
Trotz aller Dominanz der amerikanischen Medien waren diese jedoch keineswegs die einzigen Player auf dem internationalen Parkett. Sowohl Al Jazeera, der im Eigentum des Emirs von Katar stehende arabische Nachrichtenkanal, als auch die arabischen Konkurrenzsender Abu Dhabi TV oder Al Arabiya lieferten Berichte von der irakischen Seite der Front, die Fernsehmachern in der ganzen Welt, egal ob sie über Korrespondenten in Bagdad verfügten oder nicht, zur Verfügung standen.
Al Jazeera ist als arabischer TV-Nachrichtensender ein Produkt der Globalisierung im Medienbereich: Der Erfolg des Senders erklärt sich aus dem Kontrast, den Al Jazeera zu den langweiligen und unglaubwürdigen staatlichen Fernsehsendern in den arabischen Ländern darstellt, deren Nachrichten sich in gelenkter Propaganda des jeweiligen Regimes erschöpfen.
Das einzige Tabu von Al Jazeera ist die Regierung des Emirs von Katar, dem der Sender gehört. Alle anderen Regierungen können kritisiert werden, egal ob in der arabischen Welt oder auf internationaler Ebene. Zu diesem grundsätzlich ziemlich westlichen Konzept kommt eine intensive Berichterstattung aus den von Israel besetzten Palästinensergebieten, deren palästinensische Tote und Verwundete seit den Anfängen der Intifada tagtäglich Millionen von arabischen Haushalten nahe gebracht werden. Die Al-Jazeera-Korrespondenten stehen auf der Seite der Palästinenser, daran ist nicht zu zweifeln. Bürochef Walid Al Omari berichtete im Herbst 2002 bei einer vom Institut für Internationale Politik in Wien organisierten Konferenz für israelische und arabische Journalisten vom starkem, aus dem Publikum kommendem Druck, er solle über palästinensische Selbstmordattentäter als "Märtyrer" sprechen, wie das in vielen arabischen Medien üblich ist: Als Korrespondent hat Walid Al Omari aber auch die Möglichkeit, diesem Druck zu widerstehen, erzählte er in Wien. Pressekonferenzen und Interviews amerikanischer oder auch israelischer Politiker werden von Al Jazeera ebenso selbstverständlich übernommen wie von anderen internationalen Nachrichtensendern.
Während der ersten Wochen des Irakkrieges kamen viele der Bilder von Opfern und Zerstörungen amerikanischer Bombenangriffe von Al Jazeera. Aber auch andere Sender behielten ihre Korrespondenten in der irakischen Hauptstadt, sodass man eine ununterbrochene Berichterstattung vom ersten US-Bombenangriff bis zur Besetzung des Stadtzentrums von Bagdad durch amerikanische Truppen hatte. Fernseh- und Telefonleitungen waren weder vom Regime Saddam Husseins noch von der amerikanischen militärischen Führung unterbrochen worden: Auch die Fernsehauftritte Saddam Husseins oder seiner Minister waren über die internationalen Satellitenleitungen in alle Welt verbreitet worden. Dass die arabischen Sender, inklusive Al Jazeera, die fantasiereichen Erklärungen des irakischen Informationsministers gleich behandelten wie die Presseauftritte der Minister der Koalition, erwies sich als kontraproduktiv für das Prestige des Saddam-Hussein-Regimes: Der rasche Zusammenbruch nach den unkommentierten Berichten von angeblichen serienweisen Niederlagen der Amerikaner war für viele unerklärlich und brachte Glaubwürdigkeitsverluste sowohl für die Sender als auch für martialische Erklärungen anderer arabischer Regierungen.
Zu einem ungewöhnlich direkten Zusammenstoß mit der US-Regierung führte die Veröffentlichung der Bilder von getöteten amerikanischen Soldaten und so genannten "Interviews" des irakischen Fernsehens mit US-Kriegsgefangenen durch Al Jazeera. Verteidigungsminister Donald Rumsfeld persönlich warf dem arabischen Sender eine Verletzung der Genfer Konvention vor, was unter umgekehrten Vorzeichen auch arabische Vertreter nach der Präsentation der Bilder der getöteten Söhnen Saddam Husseins gegenüber Washington taten. Die meisten amerikanischen Fernsehstationen lehnten die Veröffentlichung der eher Verhören als Interviews gleichenden Gespräche mit den amerikanischen Kriegsgefangenen in irakischer Haft ab, berichteten später aber ausführlich über den Tod der Saddam-Hussein-Söhne Udai und Kusai. Die meisten europäischen Sender zeigten stark gekürzte Berichte von beiden Szenen.
Dem wiederholt in Richtung Al Jazeera erhobenen Vorwurf der uneditierten Wiedergabe von für amerikanische oder europäische Zuseher unzumutbar grausamen Bildern von Kriegsopfern pflegen die arabischen Sendungsmacher zu entgegnen, dass die arabischen Zuseher an Tote und Verletzte durch den israelisch-palästinensischen Konflikt gewöhnt seien. Im Westen sieht man darin oft ein Zeichen der Verrohung der arabischen Öffentlichkeit. Diese mag es tatsächlich geben; allerdings stellt eine Kriegsberichterstattung, in der heroische Bilder vorrückender Soldaten oder Zielvideos von klinisch sauber wirkenden computergesteuerten High-Tech-Bomben dominieren, zweifelsohne eine größere Verzerrung der Wirklichkeit dar als zerfetzte Leiber und tote Kinder. Die traurige Realität, dass es leichter ist, militärische Gewalt zu akzeptieren, wenn man nicht gezwungen ist, sich mit den alltäglichen Details seiner Folgen auseinander zu setzen, zeigt nicht zuletzt die emotionale Distanz großer Teile der israelischen Öffentlichkeit gegenüber Repression und Besatzung in der Westbank und Gaza, die Al-Jazeera-Zuseher hautnaher miterleben als durchschnittliche Konsumenten des israelischen Fernsehens - unabhängig davon, wie parteilich die jeweiligen Korrespondenten ihre Berichte gestalten.
Eine große Zahl toter Journalisten war der Preis, den die Medien für die relativ große Bewegungsfreiheit während dieses Konflikts gezahlt haben. Zehn getötete Reporter und Kameraleute hat die Organisation "Reporter ohne Grenzen" registriert. In relativen Zahlen hat das Pressekorps im Irakkrieg damit mehr Opfer zu beklagen als die amerikanischen Streitkräfte. Selbst im Hotel Palestine, von weitem gut erkennbar und den amerikanischen Militärs als Journalistenhotel bekannt, kam es noch am 8. April 2003, unmittelbar vor dem Umsturz, zu einem bis heute nicht wirklich aufgeklärten Beschuss des 14. Stockwerks durch einen amerikanischen MIA 1 Abrams Panzer, der den 38-jährigen Fernsehreporter Jose Couso vom spanischen TV-Sender Tele 5 und seinen ukrainischen Reuters-Kollegen Taras Protsyuk das Leben gekostet hat. Von den USA gezielt angegriffen fühlte sich der arabische Nachrichtensender Al Jazeera, dessen Büros in Bagdad wenige Tage nach der heftigen Kritik des Pentagons an der Verbreitung von Bildern gefangener US-Soldaten ebenfalls bombardiert wurden.
Je länger seither die Besatzung dauert, desto häufiger werden die Berichte von wachsender Aggressivität amerikanischer Besatzungssoldaten gegenüber Medienleuten: Anspannung und Frustration, Hitze und eine allgemeine Stimmung der Gewaltbereitschaft haben für manche Besatzungssoldaten internationale Journalisten offensichtlich zum Feindbild gemacht.
Das Verständnis der internationalen Öffentlichkeit für diese Kriegsopfer hält sich in Grenzen: Oft besteht der unausgesprochene Vorwurf, Reporter begäben sich aus Sensationsgier selbst in Gefahr. Das mag manchmal der Realität entsprechen, generell gilt jedoch, dass journalistische Präsenz gerade in Extremsituationen eine Voraussetzung demokratischer Kontrolle ist. Die Möglichkeiten, sich auch jenseits des in einer Gesellschaft vorherrschenden Mainstreams zu informieren, waren selten so groß wie im Fall des Irakkrieges. Das interessierte Publikum konnte auf Satellitensender als weltweite alternative Informationsquellen zurückgreifen oder die vielfältigen Internetseiten der internationalen Zeitungen benützen. Das Phänomen der "Weblogs", also der unredigierten Kriegstagebücher von Reportern oder einfachen Bürgern vor Ort, ist rund um den Irakkrieg erstmals über eine kleine Gruppe der Internet-Begeisterten hinaus auch einem breiteren Publikum bekannt geworden.
Eine überraschende Erfahrung machte die britische BBC dort, wo die Emotionen am stärksten waren: auf dem amerikanischen Markt. In dem Ausmaß, wie die großen US-Medien plakativen Patriotismus pflegten und sich in fotogerechte Einzelstorys verloren, gewann BBC World TV, das von der US-Rechten als Antikriegssender denunziert wurde, stetig Marktanteile in den USA. In manchen US-Regionen kam der britische Sender an die Reichweite der amerikanischen 24-Stunden-Nachrichtenkanäle heran. Die BBC wurde damit mit National Public Radio, Public Television und der "New York Times" zu eine jener Informationsquellen für das amerikanische Publikum, in denen das patriotisch-nationalistische Wunschdenken gegenüber den unbequemen Realitäten in den Hintergrund trat. Greg Dyke, der oberste BBC-Boss, behauptete nach Kriegsende stolz, der BBC-World Service könne in den USA jeden Tag auf vier Millionen Zuhörer zählen, fast eine Million Amerikaner sähen jeden Tag BBC-Beiträge auf Kabelsendern oder im nichtkommerziellen Fernsehen.
Die BBC-Gewaltigen versuchten während des gesamten Krieges bewusst, sich von der patriotischen Berichterstattung à la Fox News abzusetzen und einen Kurs der ausgewogenen Berichterstattung zu fahren. "Die amerikanischen Sender haben sich seit dem 11. September in patriotische Fahnen gehüllt", meinte BBC-News-Direktor Richard Sambrook. "Sie sehen es als ihre Pflicht an, den Präsidenten und ihre Boys zu verteidigen, es gibt wenig Bemühungen, die Politik zu hinterfragen." Auch BBC-Chef Greg Dyke persönlich legte sich mit den führenden amerikanischen TV- und Radiosender wegen deren Kriegsberichterstattung an: Diese hätten ihre Unparteilichkeit durch Patriotismus ersetzt. "Das Weiße Haus oder das Pentagon werden einfach übermächtig, wenn es keine News-Operation mehr gibt, die stark genug ist, sich ihnen entgegenzustellen", so Dyke. Als weltweiter Nachrichtensender wolle man nicht in den Geruch der Parteilichkeit geraten.
Genau diese bewusste Frontstellung zur Pro-Kriegs-Berichterstattung der großen amerikanischen Medien hat schließlich zum großen Konflikt des öffentlich-rechtlichen Paradeunternehmens mit der Regierung Blair geführt. Schon während des Krieges kam von hohen britischen Regierungsfunktionären immer wieder der Vorwurf, die BBC sei nicht objektiv, sondern der Sender verfolge eine Antikriegslinie mit proirakischer Schlagseite. Aber gleichzeitig gab es auch bei den großen britischen Antikriegsdemonstrationen heftige Kritik an den Berichten "eingebetteter" BBC-Reporter. Die BBC schien durch Angriffe aus beiden Lagern in ihrer Linie bestätigt.
Der Konflikt mit der Regierung eskalierte in dem Ausmaß, als die fehlenden irakischen Massenvernichtungsmitteln zur bedrohlichen politischen Belastung für Tony Blair wurden: Durch den Angriff auf die Recherchemethoden eines besonders scharfzüngigen BBC-Reporters glaubte das Blair-Lager eine politische Entlastung für den angeschlagenen Regierungschef erreichen zu können. Tatsächlich stand wochenlang die eigentlich nebensächliche Frage im Vordergrund, ob der angegriffene Reporter tatsächlich ausreichend Beweise für die behaupteten Differenzen zwischen Geheimdiensten und dem Bürochef des Premierministers vorweisen konnte. Erst der tragische Selbstmord des Waffenexperten David Kelly und die folgende, nach britischer Tradition an Gründlichkeit kaum zu überbietende höchstrichterliche Untersuchung verschaffte der Frage nach dem eigentlichen Kriegsgrund den erforderlichen zentralen Platz. Sie ist auch Monate nach Ende der eigentlichen Kampfhandlungen offen.
Die behauptete akute Bedrohung durch irakische Massenvernichtungswaffen war es offensichtlich nicht, die den britischen Premier zum Kriegseintritt bewogen hatte: Belegen doch zahlreiche E-Mails und Dokumente, dass es massiven politischen Drucks bedurfte, um die Geheimdienste zu entsprechenden Behauptungen zu bewegen. Dieser Druck, mit dem sich die Downing Street gegen einen großen Teil der eigenen Basis sowie gegen die wichtigsten Partner in Europa stellte, hatte in Wirklichkeit in der traditionellen britischen Loyalität zu den USA ihre Wurzel: Tony Blair mag der proeuropäischste Premierminister sein, den Großbritannien je hatte, als jedoch in der amerikanischen Administration die Weichen in Richtung Krieg gestellt wurden, glaubte er mehr zu gewinnen, wenn er sich diesem Kurs anschließt. Zu einer durchaus möglichen geopolitischen Entscheidung für Europa und gegen die bedingungslose transatlantische Loyalität mit Washington fehlt dem "New Labour"-Chef der politische Mut. Durchaus möglich, dass damit der Anfang vom Ende einer außergewöhnlich erfolgreichen politischen Karriere eingeleitet war.
In der Auseinandersetzung um ihre Kriegsberichterstattung hat die BBC so manche Fehler zugeben müssen, und in der skeptisch-distanzierten britischen Medienlandschaft musste sie sich auch manche Kritik gefallen lassen. Letztlich geht es jedoch bei dem Konflikt mit der Regierung Blair um die Möglichkeiten unabhängiger und freier Berichterstattung in Kriegssituationen überhaupt. Dass sich die Medien, ob öffentlich-rechtlich oder privat, als kontrollierendes Gegengewicht zur politischen Macht verstehen und nicht als Transmissionsriemen derselben, ist eine Errungenschaft der westlichen Demokratie. In Kriegssituationen, in denen es jeder Regierung darum gehen muss, die eigene Gesellschaft auch emotional für ihren Kurs zu mobilisieren, sind Distanz und Ausgewogenheit jedoch besonders schwer durchzuhalten. Im Spannungsfeld zwischen der proamerikanischsten Regierung Europas einerseits und einer kriegsskeptischen Öffentlichkeit andererseits hat die BBC in diesem Krieg ähnliche Maßstäbe gesetzt wie die großen liberalen amerikanischen Medien vor dreißig Jahren während des Vietnamkrieges. Dass die Nachfrage nach dem unideologischen Blick der stets hinterfragenden BBC-Journalisten auch in Amerika wächst, ist demokratiepolitisch ein beruhigendes Zeichen: Auch in Phasen der Krisen in den Regierungsbeziehungen gibt es eine transatlantische Befruchtung der zivilen Gesellschaft. Die Globalisierung der Medienwelt macht eine patriotische Abschottung selbst des größten aller Medienmärkte vom kritischen Rest der Welt kaum möglich. Bleibt zu hoffen, dass eine solche Abschottung auch in der Politik auf Dauer nicht durchzuhalten ist.

 

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