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Medien und Golfkrieg, Juedisches
Echo, Oktober 2003
Der Irakkrieg des Jahres 2003 war nicht nur ein Einschnitt für die
Weltpolitik: Während Monaten hat sich auch die mediale Berichterstattung
in hohem Ausmaß auf dieses eine Thema konzentriert. Obwohl fast
alle internationalen Zeitungen, Fernsehsender oder Radiostationen im Wesentlichen
über dasselbe Informationsmaterial in Wort, Bild oder Ton verfügt
haben, war das Bild, das von diesem Krieg gezeichnet wurde, von Region
zu Region sehr unterschiedlich. Die Berichterstattung zog jene politischen
Trends nach, die Amerika in der Irakfrage von Europa, der arabischen Welt
und den meisten anderen Staaten der Dritten Welt getrennt hatten. Gleichzeitig
hat das Gefühl der permanenten Ausnahmesituation im so genannten
"Krieg gegen den Terrorismus" kriegsführende westliche
Regierungen zu in Friedenszeiten ungewöhnlich massivem Druck auf
die Presse veranlasst. Die medialen Trends rund um den Irakkrieg bestätigen
somit, wie gering die Akzeptanz des amerikanisch-britischen Vorgehens
trotz der Hegemonie weltweit agierender amerikanischer Informationsmultis
in der Öffentlichkeit selbst der engsten Verbündeten geblieben
ist: Keine westliche Militäraktion seit dem Vietnamkrieg hat so rasch
derart massive Proteste ausgelöst wie der Irakkrieg, obwohl dem früheren
irakischen Regime Saddam Husseins nicht im entferntesten jene Sympathien
entgegengebracht wurden, auf die einst der Vietkong während des Indochinakrieges
in der westlichen Jugend zählen konnte.
Man hat nach der Niederlage der USA in Indochina oft von einem "Vietnam-Syndrom"
in der amerikanischen Außenpolitik gesprochen: gemeint war die Scheu
der US-Regierungen vor in der eigenen Bevölkerung unpopulären
kriegerischen Verwicklungen und die sich daraus ergebende Zurückhaltung
der US-Politik bei längerfristigen militärischen Engagements.
Die Glaubwürdigkeit des amerikanischen Militärs blieb tatsächlich
auch Jahrzehnte nach dem Vietnamkrieg angeschlagen. Nur unter Einsatz
einer stark überlegenen Übermacht und mit streng eingegrenzten
Zielen wollte Anfang der Neunzigerjahre der damalige Generalstabschef
Colin Powell laut der nach ihm benannten Doktrin die militärische
Macht Amerikas einsetzen. Der Irakkrieg des Jahres 2003 stellt eine Abkehr
von dieser Linie dar: Unter dem Eindruck des Schocks der Angriffe des
11. September 2001 waren die USA nun bereit, ihre überlegenen militärischen
Mittel um vieles rascher und um vieles häufiger einzusetzen als bisher.
Die amerikanische Bevölkerung schien im so genannten "Kampf
gegen den Terrorismus", ähnlich wie während des Kalten
Krieges, für die Umsetzung der nationalen Ziele der USA auch Opfer
unter den eigenen Soldaten zu tolerieren.
Dieser neuen Situation entsprach auch eine neue Linie in der Öffentlichkeitsarbeit
des Pentagon: Zeigten die amerikanischen Streitkräfte noch während
des ersten Golfkrieges 1991 große Scheu vor den Medien, die sich
in ihrer Berichterstattung auf die wenig ergiebigen Pressekonferenzen
des Militärs und die - wie man im Nachhinein erfuhr - irreleitenden
Zielvideos einiger computergesteuerter Bomben beschränkten mussten,
so war das Verteidigungsministerium 2003 unter Donald Rumsfeld bemüht,
den Irakfeldzug zur groß angelegten PR-Aktion für die amerikanischen
Streitkräfte zu machen. Im Zentrum dieser Bemühung stand die
Einrichtung der "embedded reporters", der "eingebetteten
Reporter", die es 700 Journalisten aus aller Welt ermöglicht
hat, den Waffengang aus der Perspektive der amerikanischen Soldaten mitzuerleben
und die damit im Unterschied zu früher eine substanzielle Erweiterung
der Möglichkeiten der Kriegsberichterstattung darstellt.
Die "embedded reporters" haben gemeinsam mit den durch die moderne
Satellitentechnologie geschaffenen neuen Übertragungsmöglichkeiten
eine Revolution in der Kriegsberichterstattung eingeleitet. Die Fernsehreporter,
die zum Teil stundenlang live aus den vorrückenden gepanzerten Fahrzeugen
der US-Army auf Sendung gingen, brachten die Front direkt in die Wohnzimmer
der amerikanischen Familien (und all jener, die Zugang zu internationalen
Nachrichtensendern hatten). Zur gewünschten Identifikation mit den
Truppen war nicht mehr die schlichte Militärpropaganda früherer
Zeiten erforderlich.
Die "eingebetteten Reporter" mussten zwar bei operativen Details
Einschränkungen in der Berichterstattung akzeptieren und eine Erklärung
unterzeichnen, wonach sie " Regierungsanweisungen Folge leisten würden",
eine Zensur im eigentlichen Sinn gab es aber nicht. Niemand musste seine
Texte vor der Durchgabe einem Militärzensor vorlegen, wie man das
aus früheren Kriegssituationen kannte. Angesichts des großen
Stellenwerts von Liveberichten in Fernsehen oder Radio, bei denen die
Reporter frei berichten und sich oft auf keinen vorbereiteten Text stützen
können, wäre das auch kaum mehr möglich. Aber schon die
Perspektive des Berichterstatters selbst, der sich inmitten der angreifenden
Soldaten bewegte und dessen Livekamera auf einem in Richtung Bagdad rollenden
Panzer postiert war, schuf beim Publikum ein großes Ausmaß
an Identifikation mit den US-Streitkräften.
Dabei gab es von den "eingebetteten Reportern" keineswegs nur
Jubelberichte. Das angesehene "Project of Excellence in Journalism"
der Columbia University hat die ersten drei Tage der Kriegsberichterstattung
im US-Fernsehen beobachtet und ist zum Schluss gekommen, dass 94 Prozent
der Berichte der "embedded journalists" aus trockenen Faktendarstellungen
bestanden. Ein großer Teil der Probleme des US-Vorstoßes ist
erst durch die Reporter von der Front bekannt geworden. Wäre die
Öffentlichkeit allein auf die vorgefertigten Erklärungen bei
den Presse-Briefings des Central Command in Doha angewiesen gewesen, hätte
man von der für die einmarschierenden Truppen völlig überraschenden
Feindseligkeit der irakischen Bevölkerung oder den logistischen Problemen
des Militärs mit den Sandstürmen der ersten Tage wohl erst viel
später erfahren.
Für die militärische Führung der USA war die Entscheidung,
einige hundert schwer zu kontrollierende Journalisten in den Irakfeldzug
einzubauen, auch ein Risiko. Dass man bereit war, dieses Risiko einzugehen,
spiegelt das Selbstbewusstsein wider, mit dem das Pentagon in diese Auseinandersetzung
gegangen ist. Man war vom raschen Sieg überzeugt und glaubte an den
Dominoeffekt eines Triumphzuges nach Bagdad, so wie das die neokonservativen
Vordenker der Regierung Bush vorausgesagt hatten. Klar, dass man die eigene
Öffentlichkeit und den Rest der Welt möglichst hautnah dabei
haben wollte.
Freimut Duve, der Medienbeauftragte der Organisation für Sicherheit
und Zusammenarbeit in Europa, hat in einer kritischen ersten Reaktion
auf die Kriegsberichterstattung im Zusammenhang mit den "eingebetteten
Reportern" von "war entertainment", also "Kriegsunterhaltung",
gesprochen und vor einer verharmlosenden Darstellung des Krieges, vor
allem in den 24-Stunden-Nachrichtensendern des Fernsehens, gewarnt. Durch
die Konzentration auf sehr begrenzte Einzelereignisse bestehe die Gefahr,
dass umfassendere regionale Perspektiven in den Hintergrund treten, die
es dem Zuseher erst möglich machen, den Ernst der Situation zu erkennen.
Aber auch Duve sieht den Schritt in Richtung "eingebetteter Journalisten"
grundsätzlich positiv. Diese Einschätzung wird rückblickend
von den meisten Medienbeobachtern geteilt: Tatsächlich hat es seit
dem Vietnamkrieg, als westliche Journalisten sich weitgehend frei im Kriegsgebiet
bewegen konnten, nicht mehr so viele Möglichkeiten der Kriegsberichterstattung
gegeben wie während des Irakfeldzuges.
Diesen Zugang haben sich nicht nur Reporter der kriegführenden Nationen
zunutze gemacht, sondern auch Journalisten aus Staaten, die dem Irakkrieg
ablehnend gegenüberstanden. An der weit auseinander klaffenden Einstellung
der medialen Welt zum Irakkrieg hat das nichts geändert. In Europa
mussten die Fernsehgewaltigen sogar immer wieder feststellen, dass die
teure Kriegsberichterstattung keine Quoten brachte. Kriegsberichterstattung
war trotzdem unpopulär, und die Redaktionen waren rasch hin und her
gerissen zwischen der Informationspflicht, auch über die grausamsten
Seiten des Krieges zu berichten, und der ablehnenden Haltung des Publikums.
Die Berichte der "eingebetteten Reporter" wurden oft als schlichte
Kriegspropaganda abgelehnt. Dabei haben gerade skeptische Europäer
oft die interessantesten Beobachtungen gemacht, wie etwa jene französische
Journalistin, die entdeckte, wie populär in der abendlichen Videostunde
der amerikanischen Panzermannschaften in der irakischen Wüste Michael
Moores amerikakritischer Erfolgsfilm "Bowling for Columbine"
war.
Das Quäntchen Häme, das man bei amerikanischen Misserfolgen
in deutschen, französischen oder russischen Medien spüren konnte,
war aber gleichzeitig auch Ausdruck des eigenen Ohnmachtsgefühls:
Schließlich hatten selbst die weltweit größten Antikriegsmobilisierungen
seit Jahren diese riesige Militärmaschinerie nicht stoppen können.
Die dahinterstehende politische Realität: Europa weiß zwar,
dass es sich einer mit neuem imperialen Anspruch ausgestatteten Supermacht
Amerika nicht bedingungslos unterordnen will, für eine globale europäische
Politik fehlen jedoch die Mittel und der politische Wille. Das Resultat
war zurückhaltende Skepsis gegenüber dem amerikanischen Irak-Unternehmen
selbst dort, wo die Regierungen sich der US-Aktion angeschlossen hatten.
In der amerikanischen Öffentlichkeit dominierte dagegen diesmal,
anders als in der Zeit der Vietnamkrieges mit der damals betont kritischen
Berichterstattung der liberalen Medien, der patriotische so genannte "Fox-Effekt".
Dieser ist nach dem zum Imperium des australischen Medienmoguls Rupert
Murdoch gehörenden "Fox News"-Nachrichtensender benannt,
der seit den Anschlägen des 11. September 2001 mit seiner engagiert
nationalistischen Berichterstattung das gesamte amerikanische Medienspektrum
weit nach rechts geschoben hat.
In den Sendungen von "Fox" ist die in der angelsächsischen
Tradition vorhandene strikte Trennung von Meinung und Berichterstattung
aufgehoben. An die Stelle der sonst von den Medien als "vierte Macht"
im demokratischen System geforderte Distanz zur politischen Macht ist
die Funktion eines Einpeitschers im "Krieg gegen den Terrorismus"
getreten. Amerikanische Fahnen, Solidaritätserklärungen an "unsere
Soldaten" und, allgemein, die Vermittlung eines starken "Wir"-Gefühls,
wenn vom Vorgehen gegen "terroristische Feinde" die Rede ist,
prägen die Berichterstattung.
"Fox" versteht sich als patriotisches Bollwerk gegen das angeblich
linksliberal durchsetzte Medienestablishment des Landes: Die "New
York Times", der Nachrichtensender CNN oder die großen Networks
CBS, ABC und NBC werden wegen kritischer Berichte über den Kurs der
Regierung Bush von dem Sender regelmäßig aufs Korn genommen.
Dass "Fox" mit dieser Linie in der Jagd nach Quoten höchst
erfolgreich ist, hat dazu geführt, dass aggressiv-patriotische Berichterstattung
auch in vielen anderen Medien übernommen wurden. Der "Fox-Effekt"
wurde durch die während des Krieges sprunghaft ansteigenden Zuseherzahlen
der sonst eher beschränkt erfolgreichen
so genannten "News-Sender" verstärkt. Während des
Irakkrieges stiegen die Ratings von CNN auf 2,65 Millionen Zuseher, jene
von Fox-News gar auf 3,3 Millionen. Eine Untersuchung der "Los Angeles
Times" ergab, dass 69 Prozent der Amerikaner ihre ersten Informationen
nach Kriegsbeginn aus Nachrichtensendern bezogen haben. Für die großen
TV-Networks, die gut gehende Unterhaltungsshows durch für die Werbewirtschaft
wenig interessante Irak-Sondersendungen ersetzen mussten, ebenso wie für
die Printmedien, gestaltete sich der Krieg zur schwierigen Verteidigungsschlacht,
bei der sie lange Zeit im Hintertreffen blieben.
Obwohl eine starke Minderheit der amerikanischen Öffentlichkeit dem
Krieg ablehnend gegenüberstand, hat es in den großen amerikanischen
Fernsehnachrichten während der Kämpfe keine Bemühung um
Ausgewogenheit gegeben: eine umfassende Untersuchung durch die sehr professionell
arbeitende alternative Medienbeobachtungsgruppe "FAIR" für
die Zeit zwischen 19.März und 9.April 2003 ergab eine erdrückende
Mehrheit von den Krieg befürwortenden Äußerungen in allen
nationalen TV-Nachrichtensendungen. Nur 3 Prozent aller Interviewten waren
Kriegsgegner. In den renommierten CBS Evening News hat es während
des gesamten Beobachtungszeitraumes nur eine einige Antikriegsstimme gegeben:
jene von Michael Moore bei seiner Rede anlässlich der Entgegennahme
des Oscars in Hollywood am 24.März. Die Autoren der "FAIR"-Studie
zitieren stellvertretend für viele liberale Medienmacher CBS-Starmoderator
Dan Rather, der im Gespräch mit Larry King argumentierte: "Ich
bin Amerikaner und ich habe niemals ein Hehl daraus gemacht, dass ich
auch eine Art Internationalist bin. Wenn mein Land im Krieg steht, dann
wünsche ich mir, dass es diesen Krieg gewinnt, was auch immer das
heissen möge. Ich bestreite nicht, dass diese Art der Berichterstattung
parteilich ist. Aber zu dieser Art von Parteilichkeit stehe ich."
Die Vorstellung, dass eine offene Gesellschaft den Kontrollmechanismus
demokratischer Vielfalt auch in Kriegssituationen dringend braucht, selbst
dann, wenn das den patriotischen Reflexen widerspricht, war in den USA
für geraume Zeit auf eine Minderheit der Medien beschränkt.
Trotz aller Dominanz der amerikanischen Medien waren diese jedoch keineswegs
die einzigen Player auf dem internationalen Parkett. Sowohl Al Jazeera,
der im Eigentum des Emirs von Katar stehende arabische Nachrichtenkanal,
als auch die arabischen Konkurrenzsender Abu Dhabi TV oder Al Arabiya
lieferten Berichte von der irakischen Seite der Front, die Fernsehmachern
in der ganzen Welt, egal ob sie über Korrespondenten in Bagdad verfügten
oder nicht, zur Verfügung standen.
Al Jazeera ist als arabischer TV-Nachrichtensender ein Produkt der Globalisierung
im Medienbereich: Der Erfolg des Senders erklärt sich aus dem Kontrast,
den Al Jazeera zu den langweiligen und unglaubwürdigen staatlichen
Fernsehsendern in den arabischen Ländern darstellt, deren Nachrichten
sich in gelenkter Propaganda des jeweiligen Regimes erschöpfen.
Das einzige Tabu von Al Jazeera ist die Regierung des Emirs von Katar,
dem der Sender gehört. Alle anderen Regierungen können kritisiert
werden, egal ob in der arabischen Welt oder auf internationaler Ebene.
Zu diesem grundsätzlich ziemlich westlichen Konzept kommt eine intensive
Berichterstattung aus den von Israel besetzten Palästinensergebieten,
deren palästinensische Tote und Verwundete seit den Anfängen
der Intifada tagtäglich Millionen von arabischen Haushalten nahe
gebracht werden. Die Al-Jazeera-Korrespondenten stehen auf der Seite der
Palästinenser, daran ist nicht zu zweifeln. Bürochef Walid Al
Omari berichtete im Herbst 2002 bei einer vom Institut für Internationale
Politik in Wien organisierten Konferenz für israelische und arabische
Journalisten vom starkem, aus dem Publikum kommendem Druck, er solle über
palästinensische Selbstmordattentäter als "Märtyrer"
sprechen, wie das in vielen arabischen Medien üblich ist: Als Korrespondent
hat Walid Al Omari aber auch die Möglichkeit, diesem Druck zu widerstehen,
erzählte er in Wien. Pressekonferenzen und Interviews amerikanischer
oder auch israelischer Politiker werden von Al Jazeera ebenso selbstverständlich
übernommen wie von anderen internationalen Nachrichtensendern.
Während der ersten Wochen des Irakkrieges kamen viele der Bilder
von Opfern und Zerstörungen amerikanischer Bombenangriffe von Al
Jazeera. Aber auch andere Sender behielten ihre Korrespondenten in der
irakischen Hauptstadt, sodass man eine ununterbrochene Berichterstattung
vom ersten US-Bombenangriff bis zur Besetzung des Stadtzentrums von Bagdad
durch amerikanische Truppen hatte. Fernseh- und Telefonleitungen waren
weder vom Regime Saddam Husseins noch von der amerikanischen militärischen
Führung unterbrochen worden: Auch die Fernsehauftritte Saddam Husseins
oder seiner Minister waren über die internationalen Satellitenleitungen
in alle Welt verbreitet worden. Dass die arabischen Sender, inklusive
Al Jazeera, die fantasiereichen Erklärungen des irakischen Informationsministers
gleich behandelten wie die Presseauftritte der Minister der Koalition,
erwies sich als kontraproduktiv für das Prestige des Saddam-Hussein-Regimes:
Der rasche Zusammenbruch nach den unkommentierten Berichten von angeblichen
serienweisen Niederlagen der Amerikaner war für viele unerklärlich
und brachte Glaubwürdigkeitsverluste sowohl für die Sender als
auch für martialische Erklärungen anderer arabischer Regierungen.
Zu einem ungewöhnlich direkten Zusammenstoß mit der US-Regierung
führte die Veröffentlichung der Bilder von getöteten amerikanischen
Soldaten und so genannten "Interviews" des irakischen Fernsehens
mit US-Kriegsgefangenen durch Al Jazeera. Verteidigungsminister Donald
Rumsfeld persönlich warf dem arabischen Sender eine Verletzung der
Genfer Konvention vor, was unter umgekehrten Vorzeichen auch arabische
Vertreter nach der Präsentation der Bilder der getöteten Söhnen
Saddam Husseins gegenüber Washington taten. Die meisten amerikanischen
Fernsehstationen lehnten die Veröffentlichung der eher Verhören
als Interviews gleichenden Gespräche mit den amerikanischen Kriegsgefangenen
in irakischer Haft ab, berichteten später aber ausführlich über
den Tod der Saddam-Hussein-Söhne Udai und Kusai. Die meisten europäischen
Sender zeigten stark gekürzte Berichte von beiden Szenen.
Dem wiederholt in Richtung Al Jazeera erhobenen Vorwurf der uneditierten
Wiedergabe von für amerikanische oder europäische Zuseher unzumutbar
grausamen Bildern von Kriegsopfern pflegen die arabischen Sendungsmacher
zu entgegnen, dass die arabischen Zuseher an Tote und Verletzte durch
den israelisch-palästinensischen Konflikt gewöhnt seien. Im
Westen sieht man darin oft ein Zeichen der Verrohung der arabischen Öffentlichkeit.
Diese mag es tatsächlich geben; allerdings stellt eine Kriegsberichterstattung,
in der heroische Bilder vorrückender Soldaten oder Zielvideos von
klinisch sauber wirkenden computergesteuerten High-Tech-Bomben dominieren,
zweifelsohne eine größere Verzerrung der Wirklichkeit dar als
zerfetzte Leiber und tote Kinder. Die traurige Realität, dass es
leichter ist, militärische Gewalt zu akzeptieren, wenn man nicht
gezwungen ist, sich mit den alltäglichen Details seiner Folgen auseinander
zu setzen, zeigt nicht zuletzt die emotionale Distanz großer Teile
der israelischen Öffentlichkeit gegenüber Repression und Besatzung
in der Westbank und Gaza, die Al-Jazeera-Zuseher hautnaher miterleben
als durchschnittliche Konsumenten des israelischen Fernsehens - unabhängig
davon, wie parteilich die jeweiligen Korrespondenten ihre Berichte gestalten.
Eine große Zahl toter Journalisten war der Preis, den die Medien
für die relativ große Bewegungsfreiheit während dieses
Konflikts gezahlt haben. Zehn getötete Reporter und Kameraleute hat
die Organisation "Reporter ohne Grenzen" registriert. In relativen
Zahlen hat das Pressekorps im Irakkrieg damit mehr Opfer zu beklagen als
die amerikanischen Streitkräfte. Selbst im Hotel Palestine, von weitem
gut erkennbar und den amerikanischen Militärs als Journalistenhotel
bekannt, kam es noch am 8. April 2003, unmittelbar vor dem Umsturz, zu
einem bis heute nicht wirklich aufgeklärten Beschuss des 14. Stockwerks
durch einen amerikanischen MIA 1 Abrams Panzer, der den 38-jährigen
Fernsehreporter Jose Couso vom spanischen TV-Sender Tele 5 und seinen
ukrainischen Reuters-Kollegen Taras Protsyuk das Leben gekostet hat. Von
den USA gezielt angegriffen fühlte sich der arabische Nachrichtensender
Al Jazeera, dessen Büros in Bagdad wenige Tage nach der heftigen
Kritik des Pentagons an der Verbreitung von Bildern gefangener US-Soldaten
ebenfalls bombardiert wurden.
Je länger seither die Besatzung dauert, desto häufiger werden
die Berichte von wachsender Aggressivität amerikanischer Besatzungssoldaten
gegenüber Medienleuten: Anspannung und Frustration, Hitze und eine
allgemeine Stimmung der Gewaltbereitschaft haben für manche Besatzungssoldaten
internationale Journalisten offensichtlich zum Feindbild gemacht.
Das Verständnis der internationalen Öffentlichkeit für
diese Kriegsopfer hält sich in Grenzen: Oft besteht der unausgesprochene
Vorwurf, Reporter begäben sich aus Sensationsgier selbst in Gefahr.
Das mag manchmal der Realität entsprechen, generell gilt jedoch,
dass journalistische Präsenz gerade in Extremsituationen eine Voraussetzung
demokratischer Kontrolle ist. Die Möglichkeiten, sich auch jenseits
des in einer Gesellschaft vorherrschenden Mainstreams zu informieren,
waren selten so groß wie im Fall des Irakkrieges. Das interessierte
Publikum konnte auf Satellitensender als weltweite alternative Informationsquellen
zurückgreifen oder die vielfältigen Internetseiten der internationalen
Zeitungen benützen. Das Phänomen der "Weblogs", also
der unredigierten Kriegstagebücher von Reportern oder einfachen Bürgern
vor Ort, ist rund um den Irakkrieg erstmals über eine kleine Gruppe
der Internet-Begeisterten hinaus auch einem breiteren Publikum bekannt
geworden.
Eine überraschende Erfahrung machte die britische BBC dort, wo die
Emotionen am stärksten waren: auf dem amerikanischen Markt. In dem
Ausmaß, wie die großen US-Medien plakativen Patriotismus pflegten
und sich in fotogerechte Einzelstorys verloren, gewann BBC World TV, das
von der US-Rechten als Antikriegssender denunziert wurde, stetig Marktanteile
in den USA. In manchen US-Regionen kam der britische Sender an die Reichweite
der amerikanischen 24-Stunden-Nachrichtenkanäle heran. Die BBC wurde
damit mit National Public Radio, Public Television und der "New York
Times" zu eine jener Informationsquellen für das amerikanische
Publikum, in denen das patriotisch-nationalistische Wunschdenken gegenüber
den unbequemen Realitäten in den Hintergrund trat. Greg Dyke, der
oberste BBC-Boss, behauptete nach Kriegsende stolz, der BBC-World Service
könne in den USA jeden Tag auf vier Millionen Zuhörer zählen,
fast eine Million Amerikaner sähen jeden Tag BBC-Beiträge auf
Kabelsendern oder im nichtkommerziellen Fernsehen.
Die BBC-Gewaltigen versuchten während des gesamten Krieges bewusst,
sich von der patriotischen Berichterstattung à la Fox News abzusetzen
und einen Kurs der ausgewogenen Berichterstattung zu fahren. "Die
amerikanischen Sender haben sich seit dem 11. September in patriotische
Fahnen gehüllt", meinte BBC-News-Direktor Richard Sambrook.
"Sie sehen es als ihre Pflicht an, den Präsidenten und ihre
Boys zu verteidigen, es gibt wenig Bemühungen, die Politik zu hinterfragen."
Auch BBC-Chef Greg Dyke persönlich legte sich mit den führenden
amerikanischen TV- und Radiosender wegen deren Kriegsberichterstattung
an: Diese hätten ihre Unparteilichkeit durch Patriotismus ersetzt.
"Das Weiße Haus oder das Pentagon werden einfach übermächtig,
wenn es keine News-Operation mehr gibt, die stark genug ist, sich ihnen
entgegenzustellen", so Dyke. Als weltweiter Nachrichtensender wolle
man nicht in den Geruch der Parteilichkeit geraten.
Genau diese bewusste Frontstellung zur Pro-Kriegs-Berichterstattung der
großen amerikanischen Medien hat schließlich zum großen
Konflikt des öffentlich-rechtlichen Paradeunternehmens mit der Regierung
Blair geführt. Schon während des Krieges kam von hohen britischen
Regierungsfunktionären immer wieder der Vorwurf, die BBC sei nicht
objektiv, sondern der Sender verfolge eine Antikriegslinie mit proirakischer
Schlagseite. Aber gleichzeitig gab es auch bei den großen britischen
Antikriegsdemonstrationen heftige Kritik an den Berichten "eingebetteter"
BBC-Reporter. Die BBC schien durch Angriffe aus beiden Lagern in ihrer
Linie bestätigt.
Der Konflikt mit der Regierung eskalierte in dem Ausmaß, als die
fehlenden irakischen Massenvernichtungsmitteln zur bedrohlichen politischen
Belastung für Tony Blair wurden: Durch den Angriff auf die Recherchemethoden
eines besonders scharfzüngigen BBC-Reporters glaubte das Blair-Lager
eine politische Entlastung für den angeschlagenen Regierungschef
erreichen zu können. Tatsächlich stand wochenlang die eigentlich
nebensächliche Frage im Vordergrund, ob der angegriffene Reporter
tatsächlich ausreichend Beweise für die behaupteten Differenzen
zwischen Geheimdiensten und dem Bürochef des Premierministers vorweisen
konnte. Erst der tragische Selbstmord des Waffenexperten David Kelly und
die folgende, nach britischer Tradition an Gründlichkeit kaum zu
überbietende höchstrichterliche Untersuchung verschaffte der
Frage nach dem eigentlichen Kriegsgrund den erforderlichen zentralen Platz.
Sie ist auch Monate nach Ende der eigentlichen Kampfhandlungen offen.
Die behauptete akute Bedrohung durch irakische Massenvernichtungswaffen
war es offensichtlich nicht, die den britischen Premier zum Kriegseintritt
bewogen hatte: Belegen doch zahlreiche E-Mails und Dokumente, dass es
massiven politischen Drucks bedurfte, um die Geheimdienste zu entsprechenden
Behauptungen zu bewegen. Dieser Druck, mit dem sich die Downing Street
gegen einen großen Teil der eigenen Basis sowie gegen die wichtigsten
Partner in Europa stellte, hatte in Wirklichkeit in der traditionellen
britischen Loyalität zu den USA ihre Wurzel: Tony Blair mag der proeuropäischste
Premierminister sein, den Großbritannien je hatte, als jedoch in
der amerikanischen Administration die Weichen in Richtung Krieg gestellt
wurden, glaubte er mehr zu gewinnen, wenn er sich diesem Kurs anschließt.
Zu einer durchaus möglichen geopolitischen Entscheidung für
Europa und gegen die bedingungslose transatlantische Loyalität mit
Washington fehlt dem "New Labour"-Chef der politische Mut. Durchaus
möglich, dass damit der Anfang vom Ende einer außergewöhnlich
erfolgreichen politischen Karriere eingeleitet war.
In der Auseinandersetzung um ihre Kriegsberichterstattung hat die BBC
so manche Fehler zugeben müssen, und in der skeptisch-distanzierten
britischen Medienlandschaft musste sie sich auch manche Kritik gefallen
lassen. Letztlich geht es jedoch bei dem Konflikt mit der Regierung Blair
um die Möglichkeiten unabhängiger und freier Berichterstattung
in Kriegssituationen überhaupt. Dass sich die Medien, ob öffentlich-rechtlich
oder privat, als kontrollierendes Gegengewicht zur politischen Macht verstehen
und nicht als Transmissionsriemen derselben, ist eine Errungenschaft der
westlichen Demokratie. In Kriegssituationen, in denen es jeder Regierung
darum gehen muss, die eigene Gesellschaft auch emotional für ihren
Kurs zu mobilisieren, sind Distanz und Ausgewogenheit jedoch besonders
schwer durchzuhalten. Im Spannungsfeld zwischen der proamerikanischsten
Regierung Europas einerseits und einer kriegsskeptischen Öffentlichkeit
andererseits hat die BBC in diesem Krieg ähnliche Maßstäbe
gesetzt wie die großen liberalen amerikanischen Medien vor dreißig
Jahren während des Vietnamkrieges. Dass die Nachfrage nach dem unideologischen
Blick der stets hinterfragenden BBC-Journalisten auch in Amerika wächst,
ist demokratiepolitisch ein beruhigendes Zeichen: Auch in Phasen der Krisen
in den Regierungsbeziehungen gibt es eine transatlantische Befruchtung
der zivilen Gesellschaft. Die Globalisierung der Medienwelt macht eine
patriotische Abschottung selbst des größten aller Medienmärkte
vom kritischen Rest der Welt kaum möglich. Bleibt zu hoffen, dass
eine solche Abschottung auch in der Politik auf Dauer nicht durchzuhalten
ist.
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