Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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  Aktuelle Analysen
   

Irakkrise entzweit den Westen, ZiB 1, 11.2.2003

Meinungsverschiedenheiten zwischen den westlichen Großmächten, das hat es
immer wieder gegeben. Was den gegenwärtigen Bruch so folgenschwer macht, das
sind die völlig entgegengesetzten Emotionen in einer so lebenswichtigen
Frage von Krieg und Frieden.
Die USA sagen sie müssen den Irak unter allen Umständen entwaffnen, um zu
verhindern, dass sie in Zukunft von irakischen Massenvernichtungswaffen
bedroht werden.
Solch einen Präventivkrieg lehnen Frankreich und Deutschland aber ab, ja
diese beiden Staaten bauen aktiv an einer Gegenposition zur alleinigen
Supermacht Amerika.
Genau deshalb haben sie gemeinsam mit Belgien in der NATO ihr Veto
eingelegt: als politisches Signal um zu demonstrieren, dass man einen Krieg
verhindern oder zumindest hinauszögern will, auch zum Preis eines
verheerenden Glaubwürdigkeitsverlustes für die NATO.
Für Washington steht jetzt im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen ein
zusätzlicher Schock bevor: auch dort droht den USA ein Kollisionskurs mit
einer Dreierallianz, die aus den bisherigen Gegenspielern Frankreich und
Deutschland und zusätzlich noch aus Rußland entstanden ist.
Die Militärs sprechen von Kollateralschäden, wenn im Krieg unabsichtlich
Zivilisten oder Wohnhäuser getroffen werden. Der große Kollateralschaden
dieses Konflikts steht fest noch bevor der erste Schuß abgefeuert wurde: es
ist das Grundvertrauen, das in Jahrzehnten des Kalten Krieges zwischen
Europa und Amerika gewachsen ist. Denn die Differenzen um die Irakpolitik
bewegen nicht nur die Regierungen. In ganz Europa, selbst dort wo die
Regierungen George Bush unterstützen, lehnt die Bevölkerung einen Irakkrieg
ab.
Der amerikanische Präsident sieht sich jetzt unvermutet einer Situation
gegenüber, die jeder kluge Stratege eigentlich verhindern will: dass sich
nämlich mehrere mittlerer Mächte zusammenschließen um der ganz großen
Supermacht Paroli zu bieten.
Wie lange dieser Schulterschluß von Jacques Chirac, Gerhard Schröder und
Wladimir Putin gegen George Bush und Tony Blair halten wird, das ist
fraglich. Irgendwann kann der Preis einer diplomatischen Totalkonfrontation
mit den USA zu hoch werden. Die politischen Gräben dieser Tage werden die
Weltpolitik aber auch dann noch beschäftigen, wenn die Irakkrise längst
überstanden ist.

 

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