Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Nahostpolitik nach Arafat, MoJ, 12.11.2004

So unnachgiebig haben die USA Jassir Arafat als das entscheidende Hindernis fuer den nahoestlichen Friedensprozess bezeichnet, dass nach dem Tod des Palaestinenserpraesidenten automatisch die Frage ins Zentrum rueckt: wie denn jetzt die Chancen fuer einen Ausweg aus der blutigen Sackgasse stehen? Allerdings ist ein Neuanfang im Nahen Osten kaum vorstellbar ohne dass sich die USA deutlich mehr engagieren, als George Bush das bisher getan hat.
Genau das will Tony Blair bei seinen Besuch in Washington dem Gastgeber eindringlich vor Augen halten.
Ob der sich in seiner zweiten Amtszeit ernsthaft auf das israelisch-palaestinensische Minenfeld wagen will, das ist zur Zeit Gegenstand der heftigsten Spekulationen in Washington.
Optimisten hoffen, ein neuer amerikanischer Sonderbotschafter koennte bald helfen, den bevorstehenden israelischen Rueckzug aus dem Gazastreifen zum Ausgangspunkt fuer umfassende Verhandlungen auch ueber die Westbank zu machen. Eine neue palaestinensische Fuehrung, die mit westlicher Hilfe das Leben fuer hunderttausende Palaestinenser in Gaza verbessert, haette vielleicht auch die Kraft ueber einen dauerhaften Frieden zu verhandeln. Einen Fahrplan dazu gibt es, sagen die Optimisten, es ist die sogenannte Road Map zu einem Palaestinenserstaat, die von der Regierung Bush schon vor Jahren vorgelegt wurde.
Der Praesident muesste dazu allerdings bereit sein von seiner fast vorbehaltlosen Unterstuetzung Ariel Sharons abzugehen. Die Regierung Bush muesste sich entschliessen von Neuem als Vermittler aufzutreten, vielleicht gemeinsam mit Europaern und Russen im sogenannten Quartet. Der Preis koennten allerdings Meinungsverschiedenheiten mit Ariel Sharon sein, dessen Vorstellung von einem Palaestinenserstaat auf nur 50 Prozent der Westbank mit den palaestinensischen Lebensinteressen nicht vereinbar ist.
Ein amerikanischer Praesident sei in seiner zweiten Amtszeit stets darauf bedacht sich einen Platz in der Geschichte zu schaffen, argumentiert der ehemalige amerikanische Botschafter in Israel, Martin Indyk, der es fuer moeglich haelt, dass sich George Bush als Friedensbringer versuchen will.
Andere Experten sind weniger zuversichtlich. Ueber unverbindliche Versprechen wird George Bush auch jetzt nicht hinausgehen, fuerchtet ein
Ehemaliger Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrates. Dass die USA beim Begraebnis Arafats in Kairo nur von einem stellvertretenden Aussenminister vertreten werden, gilt als schlechtes Zeichen.
Fuer George Bush und Dick Cheney steht der Terrorismus im Zentrum des Nahostproblems, genauso wie fuer Ariel Sharon, argumentieren die Skeptiker. Die amerikanische Kritik an der israelischen Siedlungspolitik in der Westbank sei dementsprechend immer leiser geworden. Das wuerde keiner palaestinensischen Fuehrung den noetigen Spielraum geben, mit oder ohne Jassir Arafat. Repressionsmassnahmen gegen terroristische Organisationen, wie sie die USA verlangen, werde ein innenpolitisch schwacher Arafat-Nachfolger noch viel weniger durchfuehren koennen, als frueher der populaere Palaestinenserpraesident.
Immerhin kann Tony Blair in Washington bei seinem Draengen in Washington, darauf hinweisen, dass sich so gut wie alle europaeischen Regierungen mehr amerikanische Praesenz im Nahen Osten wuenschen, unabhaengig von den Differenzen etwa zum Irak. Allerdings ist es nicht das erste Mal, dass Blair versucht seine privilegierten Beziehungen zu George Bush zum Nahostkonflikt spielen zu lassen. Und bis jetzt war der Erfolg stets bescheiden.

 

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