Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Rückblick EU-Gipfel, MoJ, 21.6.2008


Die Staats- und Regierungschefs haben den EU-Gipfel gestern durchwegs nachdenklich verlassen. Ein Bitte "Warten" als nächster Schritt für die Lösung der Irlandkrise ist nicht gerade ein berauschendes Signal, dessen sind sich alle bewusst. Aber selbst Kritiker gestehen ein: in so kurzer Zeit, nur eine Woche nach der verunglückten Volksabstimmung in Irland, hat kaum eine andere Möglichkeit bestanden. Immerhin den Weg zu einer Lösung hat man beschritten, indem der Gipfel die Ratifizierung des Reformvertrages durch weitere Mitgliedsstaaten unterstützt und für den Herbst Gespräche über eine Zusatzvereinbarung mit Irland in Aussicht gestellt sind.
Aber gleichzeitig hat der Gipfel auch gezeigt, wie rasch neue Widersprüche aufbrechen können, wenn sich Unsicherheit breitmacht. Die tschechischen Widerstände gegen stärkere Worte zugunsten einer fortgesetzten Ratifizierung sind vielen in die Gliedern gefahren, obwohl sich Tschechien gestern mit einem Hinweis auf die Kompetenz des tschechischen Höchstgerichtes in einer Fussnote zufrieden gegeben hat. Tschechiens Premierminister Topolanek will 100 Kronen auf den Erfolg des Reformvertrages nur deshalb wetten, weil die Krone nicht viel wert ist, das sagte er bei seiner Abschlusspressekonferenz gestern Abend. Könnte das Schicksal der EU demnächst vom innenpolitischen Kalkül einiger tschechischer Senatoren abhängen, die zwischen ihrem EU-skeptischen Präsidenten und dem pragmatischen Regierungschef hin und hergerissen sind?
Gleichzeitig zeigt die Warnung von Nicolas Sarkozy und Angela Merkel vor einem Erweiterungsstopp im Fall eines Scheiterns des Reformvertrages, dass tatsächlich sehr viel auf dem Spiel steht. Nicht nur der EU-Beitrittskandidat Kroatien, die EU-Perspektive für den gesamten Balkan wäre damit in Frage gestellt. Österreich hat mit ungewöhnlich kritischen Worten gegenüber Frankreich darauf hingewiesen, dass Aufnahmeverfahren bisher nie von Erfolg oder Misserfolg institutioneller Reformen abhängig waren. Aber natürlich stimmt es, dass der Reformvertrag als Regelwerk für eine größere EU gedacht ist. Im Zusammenhang mit den Beitrittsverhandlungen mit der Türkei hat Österreich immer wieder verlangt, dass auch die Union reif sein muss für eine Erweiterung, nicht nur das Kandidatenland. Ohne Reformvertrag ist diese Voraussetzung nicht gegeben, argumentieren jetzt gleich mehrere Regierungschefs.
Ruhiger Pol des Gipfels war wieder einmal Angela Merkel. Sie hat im tete a tete dem tschechischen Premier einen Kompromiss abgerungen. Einen zuversichtlicheren Abschluss ihrer Präsidentschaft hätte sich sicherlich die slowenische Regierung gewünscht, die zuletzt aus mühsamem Krisenmanagement nicht hinaus kam. Die größte Verantwortung fällt aber jetzt auf Nicolas Sarkozy, den zukünftigen Ratspräsidenten. Statt hochfliegende Pläne zu schmieden muss er im nächsten halben Jahr Europa wieder flott kriegen.

 

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