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Schüssel
im Orient, ORF-On, 25.10.2001
Bei seinen Besuchen im Orient
traf Österreichs Bundeskanzler auf eine in höchstem Ausmaß
beunruhigte und innerlich aufgewühlte islamische Welt.
In Ägypten etwa, der ersten Station auf Wolfgang Schüssels Reise,
hat Osama Bin Laden hat zwar traditionell keine große Anhängerschaft,
aber seine Thesen treffen doch, was viele in Wirklichkeit denken. Mit
jedem Bericht über zivile Opfer in Afghanistan erhöht sich das
Unbehagen. Die Zuspitzung des israelisch-palästinensischen Konflikts
trägt das Ihre zur Verschärfung bei.
Erstmals kommt auch offene Kritik aus Washington direkt in Richtung der
ägyptischen Führung: in einem vielbeachteten Editorial kritisierte
die "Washington Post" das Mubarak-Regime als verkrustet und
autoritär. Und zwei der einflussreichsten Senatoren, der Republikaner
John McCain sowie der Demokrat John Lieberman, bezweifeln lautstark die
Bündnistreue Ägyptens und Saudi Arabiens.
In Kairo wiederum hört man deutliches Mißtrauen gegen US-Verteidigungsminister
Donald Rumsfeld und Sicherheitsberaterin Condolezza Rice. Nur US-Außenminister
Collin Powell findet gute Zensuren. Mit Sorge blicken die Ägypter
zum reichen Bruder nach Saudi Arabien: in die Enge gedrängt zwischen
einer zunehmend islamisch-radikalisierten Gesellschaft und einem immer
ablehnender werdenden amerikanischen Bündnispartner könnte das
Wahabitenregime ins Wanken kommen.
Sollte im Rahmen des Antiterror-Krieges schließlich doch der Irak
ins Visier der USA geraten, dann wären die Folgen für die arabische
Welt unabsehbar, mahnt man in Kairo. Von Europa erhofft man sich einen
beruhigenden Einfluß in Washington.Daher auch das Interesse, das
österreichischen Besuchern entgegengebracht wird.
Im Iran stand das Bemühen des reformorientierten Präsidenten
Khatami für eine Öffnung zum Westen im Zentrum der Gespräche
mit Bundeskanzler Schüssel. Offiziell lehnt die Islamische Republik
zwar den amerikanischen Krieg gegen Afghanistan ab, in der Presse ist
jedoch von ersten inoffiziellen Kontakten zwischen Teheran und Washington
die Rede. Dabei sollen den USA Einrichtungen für allfällige
Rettungsaktionen für in Afghanistan in Not geratene Kommandos angeboten
worden sein. Klar ist, daß der Iran sein Interesse an einem internationalen
Kampf gegen den Terrorismus anmeldet und die USA nicht mehr ausschließlich
als Feind sieht. Die im Westen als terroristisch eingestufte libanesische
Hisbollah gilt in Teheran allerdings als Befreiungsbewegung, und die will
man weiter unterstützen.
Aber der zwischen Liberalen und Konservativen tief gespaltenen iranischen
Öffentlichkeit fällt es schwer, den fundamentalistischen Obskurantismus
zu überwinden. Das zeigt die Titelseite der englischsprachigen Tageszeitung
"Kayan International" vom 25.Oktober, auf der allen Ernstes
von einer "zionistischen Verwicklung" in die Angriffe vom 11.September
die Rede ist. Da phantasiert, 4000 jüdische Angestellte des World
Trade Center seien verdächtigerweise am Tag des Anschlags nicht zur
Arbeit erschienen. Israel, nicht islamische Attentäter, stünde
hinter der Katastrophe.
Da läßt sich ermessen, wie schwierig der von Wolfgang Schüssel
oder Joschka Fischer in Teheran propagierte Dialog der Kulturen noch werden
wird.
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