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Gerhard
Schröder - zwei Biografien, Europäische Rundschau, August 2002
Wird es Deutschlands Sozialdemokraten
gelingen, den zur Zeit in Europa vorherrschenden Trend nach rechts zu
stoppen? Werden am Ende des großen europäischen Wahljahres
pragmatische Linksregierungen in London und Berlin den verschiedenen Rechtskoalitionen
in den meisten anderen EU-Staaten gegenüberstehen? Die Antwort hängt
ganz entscheidend von der Performance eines Mannes ab: Nur wenn es Gerhard
Schröder gelingt, mit seinen hohen Popularitätswerten jene Schwierigkeiten
wett zu machen, die Rotgrün in den deutschen Meinungsumfragen monatelang
nach unten gezogen haben, wird die Sozialdemokratie im EU-Schlüsselland
Deutschland ihre Position verteidigen können.
Zwei aktuelle Polit-Biographien über den vom rebellischen Juso-Chef
über den als "Genosse der Bosse" verschrieenen niedersächsischen
Ministerpräsidenten bis zum Weltpolitiker gewachsenen deutschen Bundeskanzler
und SPD-Vorsitzenden zeichnen die Stärken und Schwächen des
Politikers Gerhard Schröder nach. Es ist die Eigenständigkeit,
mit der Schröder seinen Weg zur Macht gegangen ist, fast immer ungeliebt
vom politischen Establishment der SPD, der in beiden Büchern im Vordergrund
steht.
Reinhard Urschel, politischer Redakteur der "Hannoverschen Allgemeinen
Zeitung" und langjähriger journalistischer Wegbegleiter Schröders,
erinnert an den atemberaubenden sozialen Aufstieg, der hinter dem Bild
des coolen Kanzlers mit teurer Zigarre und Maßanzug steht: als Sohn
einer Kriegerwitwe, die sich jahrelang mit Putzarbeiten über Wasser
halten mußte, und aufgewachsen in den Armenbaracken am Rande eines
westphälischen Fußballfeldes wurde er mit 14 Kaufmannslehrling.
Das Gymnasium war der Familie zu teuer. Erst der zweite Bildungsweg, über
Abendschule und Universität in Göttingen, bringt ihn in Kontakt
zu den politisierenden Studenten der Sechzigerjahre und zu seinem zweiten
bürgerlichen Beruf des Anwalts.
Daß das Überspringen derartiger gesellschaftlicher Barriere
nicht schon von Anfang an die komplette Anpassung an die herrschenden
Normen und Regeln erforderte, führt der "Spiegel"-Redakteur
Jürgen Hogrefe in seinem Kanzlerporträt, auf die Rebellion der
68er zurück: "Wie sie verstieß er mit Lust gegen Konventionen.
Die Bürgerkinder lehnten sich damit gegen ihre Elternhäuser
auf. Er konnte so bleiben, wie er war." (S.90) Zumindest vorläufig:
die Aufregung, die sein krawattenloser Auftritt im Bundestag 1981 auslöste,
läßt sich heute nur mehr schwer nachvollziehen. Dass er als
Anwalt 1978 den damaligen RAF-Terroristen und heutigen Rechtsextremen
Horst Mahler vertrat, gehört zu den oft vergessenen Episoden, die
ihn bei den SPD-Größen lange Zeit zum roten Tuch werden ließen.
Schröder hat in seiner Juso-Zeit bekanntlich gerne demonstriert:
gegen die NATO-Nachrüstung ebenso wie gegen Atomkraftwerke. Aber
er ließ sich weder von der aus DDR-Theorien gespeisten dogmatischen
"Stamokap"-Fraktion der Jusos vereinnahmen, noch wollte er die
Brücken zur Parteiführung um Willy Brandt und Helmut Schmidt
abbrechen: ein Pragmatismus, der politische Konstante des Gerhard Schröder
bleiben sollte.
Es ist eine Biographie, die auffällige Ähnlichkeiten mit dem
Werdegang eines anderen prominenten Vertreters der Babyboomergeneration
aufweist, auch wenn Schröder selbst laut Jürgen Hogrefe (S.216)
mit ihm nie wirklich warm werden konnte: Bill Clinton, dem die konservativen
Eliten Amerikas seine Wurzeln in der Unterklasse von Arkansas ebensowenig
verziehen haben, wie sein Engagement gegen den Vietnamkrieg als langhaariger
Student in Cambridge (????oder Oxford???). Wie Schröder als rebellischer
Juso und Bonner Jungabgeordneter in der bekannten feuchtfröhlichen
Szene nächtens mit dem Ruf "Ich will hier rein" an den
Toren des Bonner Kanzleramts gerüttelt hatte, so war auch in Clintons
Biographie der brennende politische Ehrgeiz ganz nach oben zu kommen die
eigentliche Triebfeder der meisten Entscheidungen. Dass er sich den Weg
nach oben selbst so hart hatte erkämpfen müssen, das hat Clinton
dann als Präsident die Kraft gegeben selbst die schwierigsten Zeiten
politischer und persönlichen Krise unter dem Dauerfeuer der Attacken
des politischen Gegner durchhalten. Steherqualitäten, die auch dem
deutschen Bundeskanzler zugeschrieben werden. Auch der Kulturschock, den
der Einzug der chaotischen Clinton-Truppe dem von 12 konservativen Jahren
unter Reagan und Bush geprägten Weissen Haus gebracht hat, kommt
der Machtablöse Helmut Kohls durch die neue rotgrüne Mannschaft
in Bonn 1998 durchaus ähnlich. Ebenso wie die vielen Fehltritte und
Mißgeschicke des ersten Amtsjahres.
Was Bill Clinton im Überfluss hatte, Gerhard Schröder aber abgeht,
sei Charisma, befindet der Biograph. Schröder sei "kein Menschen,
der die Atmosphäre in einem Raum mit der Sekunde verändert,
in der er ihn betritt" (S.127) diagnostiziert kühl Jürgen
Hogrefe. Wie sehr die Persönlichkeit des deutsche Bundeskanzler in
der Gegenwart von Publikumsmagneten wie Jacques Chirac oder eben früher
Bill Clinton verblasst, das ist bei internationalen Treffen der ganz Großen
oft registriert worden. Hogrefe bezeichnet ihn von seinem Werdegang kommend
als den "klassischen Typ des älteren Bruders", der auch
im Machtzentrum des imperial anmutenden Berliner Kanzleramt mehr als "Primus
inter pares" wirkt und nicht als Boss, mehr als Kumpeltyp und nicht
als Landesvater (S.29). Bemerkenswert, dass gerade in der deutschen Öffentlichkeit
ein solch zurückhaltender Politikertyp seit Jahren auf große
Popularitätswerte verweisen kann.
Über die vier Ehen Schröders fallen die Urteile der Biographen
auffällig milde aus. Der Kanzler sei nicht wirklich des Typ des "Womanizers",
meint Reinhard Urschel : "Untreue als Lebensprinzip" könne
man ihm sicher nicht nachsagen. Es sei vielmehr so, dass es eine "auffällige
Übereinstimmung zwischen den Lebensabschnitten und den jeweiligen
Partnerinnen" gebe: "Alle fünf Phasen seines Lebens stehen
auch für die Beziehung zu einer Frau: Kindheit, Studium, Juso-Zeit,
Karriere-Kampfzeit, Kanzlerschaft."(S.46) Die Öffentlichkeit
hat sich ganz offensichtlich nicht einmal am Bruch der politisch so offensiv
vermarkteten Ehe mit Hiltrud "Hillu" Schröder aus der niedersächsischen
Zeit gestoßen.
Reinhard Urschel zeichnet detailliert die erbarmungslosen Grabenkämpfe
der Brandt-Enkel Scharping, Lafontaine und Schröder in den immer
länger werdenden Jahren der Opposition gegen einen schier unangreifbar
scheinenden Helmut Kohl. Die Position des ungeliebten Aussenseiters hat
sich dabei letztlich als Vorteil erwiesen, erleichterte sie es Schröder
doch Wähler auch jenseits des sozialdemokratischen Stammpublikums
anzusprechen. SPD-Vorsitzender wäre Schröder aber ohne die Selbstausschaltung
Oskar Lafontaines wohl nie geworden - auch diesen Schluß läßt
der Rückblick auf die für die SPD schwierigen Neunzigerjahre
zu.
Bei aller Biegsamkeit des Politikers Schröder schälen die Biographen
Jürgen Hogrefe und Reinhard Urschel unisono das rotgrüne Bündnis
als das große politische Projekt seiner Karriere heraus. Unter diesem
Vorzeichen hat er 1990 die konservative Vorherrschaft in Niedersachsen
gebrochen, gemeinsam mit Joschka Fischer war er damit schließlich
auch auf Bundesebene erfolgreich. Durchaus möglich, dass der Kämpfer
Gerhard Schröder gegen eine durch den Rechtstrend in Europa ermutigte
CDU/CSU-Opposition ungeahnte Reserven mobilisieren kann, ähnlich
wie das auch Bill Clinton in der Auseinandersetzung mit der "konservativen
Revolution" des inzwischen vergessenen Newt Gingrich geschafft hat.
Ebenfalls denkbar ist es, dass der kühle Taktierer auch andere politische
Konstellationen durchdenkt. Aber die Wahlen des 22.September 2002 werden
ganz wesentlich auch ein Urteil über das Modell der rotgrünen
Zusammenarbeit der letzten vier Jahre sein. Der Kanzler steht mit seiner
Biographie mehr für dieses Projekt, als das ein manchmal gepflegtes
Image des reinen Machtpolitikers oft erkennen läßt.
Juni 2002
Reinhard Urschel
Gerhard Schröder. Eine Biographie
Deutsche Verlangs-Anstalt, Stuttgart/München 2002
Jürgen Hogrefe
Gerhard Schröder. Ein Porträt
Siedler, 2002
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