Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Irakkrise: Sechs Monate nach Kriegsende

Mittagsjournal, 31.10.2003

An die martialische Szene will der Praesident inzwischen nur mehr ungern erinnert werden: unter der riesigen Aufschrift "Mission accomplished", also "Mission erfuellt", hatte George Bush vom Flugzeugtraeger Abraham Lincoln aus am 1.Mai das Ende der Kampfhandlungen im Irak verkuendet. Die dem Kampffliegerepos Top Gun nachempfunden Choreografie liess keinen Zweifel: das Bild vom siegreichen Feldherrn sollte im bevorstehenden Wahljahr zum grossen Atout des Praesidenten werden.
Diese Woche war George Bush bemueht sich vom stolzen Siegesbanner zu distanzieren: das "Mission erfuellt" habe sich einzig und allein auf die Mission des Flugzeugtraegers bezogen, meint er jetzt, das nun kritisierte Spruchband sei von der Besatzung der Abraham Lincoln gekommen .
Pressesprecher Scott Mclellan musste wenig spaeter allerdings zugeben: das ploetzlich ungeliebt gewordene Transparent kam doch aus dem Weissen Haus.
Hinter der Episode steht jene dramatische Wendung der Ereignisse, die auf den raschen militaerischen Zusammenbruch des Saddam Hussein Regimes im Fruehjahr in diesem Herbst einen immer grausamer werdenden Guerillakrieg folgen liess.
Seither vergeht fast kein Tag mehr ohne Meldungen von im Irak gefallenen Amerikanern an der Spitze der Nachrichten.
117 getoetete Amerikaner sind es seit dem der Praesident das Ende der Kaempfe verkuendet hat, heisst es in den Abendnachrichten von CBS. Mehr, als im Krieg zuvor gefallen sind.
Die Regierung Bush bemueht sich trotzdem nach aussen Optimismus zu verbreiten. Die moerderischen Anschlaege der letzten Tage seien eine Konsequenz der amerikanischen Erfolge beim Wiederaufbau, meinte der Praesident zum allgemeinen Erstaunen.
Dass intern ein ganz anderer Ton herrscht, erfuhr die Oeffentlichkeit erst aus einem von Selbstzweifeln gespickten internen Memorandum des sonst so selbstsicheren Verteidigungsministers Rumsfeld: ob der Krieg gegen den Terrorismus auf dem bisherigen Weg ueberhaupt zu gewinnen sei, will der Pentagon-Chef darin von seinen engsten Mitarbeitern wissen. Und er prophezeit, dass amerikanische Truppen noch lange im Irak erforderlich sein werden.
Keine guten Nachrichten fuer die Oeffentlichkeit, die nach dem schnellen Sieg im Fruehjahr an eine rasche Rueckkehr der Soldaten geglaubt hatte. Jede laenger sie auf irakischem Boden dienen muessen, desto schlechter wird die Moral der Soldaten. Die Presse berichtet von einer ungewoehnlich hohen Zahl von Selbstmorden. Die Mobilisierung von tausenden Reservisten bedeutet , dass Familienvaeter oder Muetter mit Kindern aus einem festen Berufsleben herausgerissen werden, oft ohne klaren Zweithorizont.
Trotz des Einsatzes der gesammelte Potenz der amerikanischen Nachrichtendienste konnte bisher nicht eindeutig ausgemacht werden, wer denn jetzt eigentlich die mysterioesen Kraefte hinter der wachsenden Zahl von Anschlaegen sind.
Ein amerikanischer Militaersprecher bezweifelt die offizielle Linie, Anhaenger von Saddam Hussein stuenden hinter den Selbstmordanschlaegen: Selbstmordanschlaege, das weise auf auslaendische Kaempfer hin, meint Mark Hartling von der Ersten Panzerdivision.
Ueberfaelle und Anschlaege haben auf jeden Fall jede Hoffnung zunichte gemacht, dass die Soldaten befreundeter Nationen demnaechst den Platz der Amerikaner einnehmen werden.
In den Vereinigten Staaten haben die Schwierigkeiten der amerikanischen Irakpolitik zu einem Vertrauensverlust fuer den Praesidenten und heftigen innenpolitischen Kontroversen gefuehrt. Die Demokraten, die den Krieg mehrheitlich mitgetragen haben, werfen der Regierung wieder und wieder das Fehlen eines realistischen Planes zur Befriedung des eroberten Landes vor. Die Geste des Triumphes des Praesidenten auf der Abraham Lincoln am 1.Mai ist ihrer Meinung nach ein Symbol dafuer, wie unrealistisch die Erwartungen damals waren.
Dass nach wie vor von irakischen Massenvernichtungswaffen keine Spur ist gilt der Opposition als Beweis dafuer, dass das Land unter falschen Voraussetzungen in den Krieg gefuehrt wurde.
Nach dem 11.September hat die Regierung einfach das Ziel gewechselt, donnert tagaus tagein Wesley Clark der ehemalige NATO-Oberbefehlshaber und demokratische Praesidentschaftsbewerber. Praesident Bush sagte, er wolle Osama Bin Laden tot oder lebendig, um dann auf Saddam Hussein loszugehen, so Wesley Clark. Jetzt hat er keinen von beiden.
Aber der Praesident hat das Stimmungstief des Sommers im vorlaeufig ueberwunden. Angesichts der Kritik der politischen Gegner zu Hause und der wachsenden Stadtguerilla im Irak setzt er auf den Durchhaltewillen der Amerikaner. Dass der Kongress die gewuenschten 87 Milliarden Dollar nach langen Diskussionen schliesslich doch bewilligt hat war ein Erfolg.
Mit jeder Reaktion auf Attentate und Angriffe in Bagdad macht die Administration klar: der Irak ist viel zu wichtig, als dass an ein Nachgeben auch nur zu denken ist.
Der beschleunigte Aufbau einer proamerikanischen irakischen Streitmacht ist zur Zeit die zentrale Antwort des Pentagon auf die Krise.
Die Fortschritte sind so rasant, dass die Iraker schon jetzt die zweitgroesste Streitmacht innerhalb der Koalition ausmachen, versichtert Pentagonchef Donald Rumsfeld.
Donald Rumsfeld glaubt gar, dass es demnaechst mehr neue irakische Soldaten im Land geben wird als Amerikaner.
Kritiker erinnert das Projekt der Irakisierung an den Vietnamkrieg, als die amerikanischen Militaers durch die sogenannte Vietnamisierung einen Abzug der amerikanischen Truppen ohne Sieg des Vietkong erreichen wollten.
Im Irak gibt es keine mit dem Vietkong vergleichbare Fuehrung im antiamerikanischen Widerstand. Aus Saddam Hussein wird nie ein Ho Tschi Minh werden. Aber sechs Monate nach dem offiziellen Ende der Kampfhandlungen im Irak, ist Amerika voll der Zweifel darueber, was eigentlich das Ziel dieses Krieges ist und wie eine erfolgreiche Strategie aussehen kann. Paralellen zum Vietnamkrieg sind sind vorhanden, aber ihre Aussagekraft ist begrenzt. Denn das amerikanische Engagement im Irak steht erst am Anfang. Und als alleinige Supermacht verfuegen die USA ueber ungeahnte Ressourcen, wenn es um Interessen geht, die sie als lebenswichtig fuer ihre nationale Sicherheit ansehen.

 

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