Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Spekulationen um Cheney, MoJ, 22.11.2005

Im Weissen Haus wird heftig dementiert, aber anonyme Informanten fuettern seit Tagen die Medien und jetzt fragt auch die angesehene New York Times: koennte es sein, dass Dick Cheney, der maechtigste Vizepraesident aller Zeiten, in Ungnade gefallen ist bei George Bush? Der Praesident soll veraergert sein, weil der Irakkrieg ganz und gar nicht so rosig ausgefallen ist, wie Cheney das urspruenglich vorausgesagt hat. Dazu kommt, dass ausgerechnete jene Fragen, die dem Vizepraesidenten ganz besonders am Herzen liegen, George Bush die groessten Kopfzerbrechen bereiten. Darunter auch die harten Verhoermethoden von Terrorverdaechtigen, die von Menschenrechtsorganisationen als Folter kritisiert werden. Als Senator John McCain, der Folter per Gesetz verbieten will, sich bei George Bush persoenlich ueber den hartnaeckigen Widerstand Dick Cheneys beschwerte, bat der den Senator dann eben mit seinem, Bushs, Sicherheitsberater zu verhandeln. Die New York Times vermutet, das koennte ein Zeichen dafuer sein, dass Cheney zu wenig Flexibilitaet zeigt fuer den Geschmack des Praesidenten.
Unbestritten ist, dass der Dick Cheney nie zuvor so stark unter Beschuss stand, wie in den vergangene Tagen. Den "Folter-Vizepraesident" nennt ihn der ehemalige CIA-Chef der Zeit Jimmy Carters, Stansfild Turner. Der fruehere Stabschef von Ex-Aussenminister Collin Powell, Larry Wilkerson, sieht Cheney als den politischen Hauptverantwortlichen fuer die schlimmsten Fehlentwicklungen. Darunter die Gefangenenmisshandlungen in Guantanamo, die seiner Meinung nach moeglich wurden, weil aus dem Buero des Vizepraesidenten die Signale kamen, internationale Menschenrechtsvertraege seien im Antiterrorkampf nicht mehr so wichtig. CIA und Pentagon sind nach Darstellung des ehemaligen engen Powell-Vertrauten nur die Exekutoren des politischen Willens Cheneys.
CIA-Chef Porter Goss hat inzwischen neuerlich betont, in seiner Organisation werde ganz sicher nicht gefoltert. Wir wenden Verhoermethoden an, die einzigartig und innovativ sind, aber keine Folter, beteuert Goss. Ein generelles Folterverbot, wie das der amerikanische Senat verlangt, lehnt er trotzdem ab, weil dadurch der Handlungsspielraum des CIA eingeschraenkt wuerde. Zu den in Asien und Osteuropa vermuteten CIA-Geheimgefaengnissen, ueber die man in der EU gerne Aufklaerung haette, wollte CIA-Chef Porter Goss nichts sagen.
Dick Cheney nimmt nach wie vor jeden Morgen am Geheimdienstbriefing des Praesidenten teil, versichert das Weisse Haus. Selbst wenn er auf Phasanjagd ist, wie Anfang des Monats, oder vom Urlaub auf seiner Ranch in Wyoming aus, laesst er sich via Videokonferenz zuschalten. Enge Vertraute berichten der New York Times trotzdem, Cheney sei durch die Anklageerhebung gegen seinen ehemaligen Stabschef Lewis Libby schwer getroffen. Dass der Sonderstaatsanwalt, der Libby angeklagt hat, jetzt zusaetzlich noch eine weitergehende Untersuchung durchfuehrt, wird ebenfalls als schlechtes Omen fuer den Vizepraesidenten gewertet.

 

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