Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Streit um Hoechstgericht, MoJ, 27.6.2005

Wenn das amerikanische Hoechstgerichte heute um punkt 10 Uhr die letzten Urteile dieser Session verkuendet, dann wird die Oeffentlichkeit besonders aufmerksam beobachten, ob nicht auch noch andere Signale aus dem ehrwuerdigen Gebaeude hinter dem Kapitol zu vernehmen sind. Denn sollte einer der hochbetagten Richter sich zum Ruecktritt entschliessen, dann waere die letzte Woche vor der Sommerpause der richtige Zeitpunkt. Chief Justice William Renquist, der Vorsitzende, ist 80 und schwerkrank. Ob er noch ein weiteres Jahr im Amt bleiben kann, ist fraglich. Aber auch andere Mitglieder des einflussreichen 9koepfigen Gremiums gelten als moegliche Ruecktrittskandidaten.
Die letzte Besetzung eines freien Sitzes im Supreme Court liegt 11 Jahre zurueck. Für George Bush waere die Ernennung eines Hoechstrichter eine der wichtigsten Entscheidungen seiner ganzen Praesidentschaft. Denn die obersten Richter sind auf Lebenszeit bestellt. Ein ausgepraegt konservativer Kandidat koennte die Spruchpraxis noch viele Jahre beeinflussen, wenn sich die Stimmung im Land schon laengst geaendert that.
Zahlreiche aeussert knappe Entscheidungen in der juengsten Vergangenheit lassen die Emotionen hochgehen. Vor allem die maechtige christliche Rechten kritisiet die ihrer Meinung nach zu liberale Spruchpraxis der Gerichte. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht dabei das Recht auf Abtreibung, das in den USA nicht durch ein Gesetz geregelt ist, sondern auf die beruehmte Hoechstgerichtsentscheidung Roe vs. Wade aus dem Jahr 1973 zurueckgeht. Wenn nur ein liberaler Richter durch einen Konservativen ersetzt wird, koennte es drastische Einschraenkungen bei Abtreibungen geben.
Dementsprechend ruesten beide Lager fuer die grosse Schlacht: Neubesetzungen im Hoechstgericht werden zwar vom Praesidenten vorgenommen, muessen jedoch vom Senat bestaetigt werden. Vor allem die Mittelgruppe gemaessigter Senatoren, die in solchen Faellen den Ausschlag gibt, steht schon jetzt unter massivem Druck. Viele Millionen Dollar wurde von konservativen und liberalen Lobbyisten gesammelt. Einen richtiggehenden War Room, der Praesidentschaftswahlkaempfen nachgebaut ist, hat eine Koalition von Frauenorganisationen und liberalen Gruppen gebaut, um vom ersten Moment an handlungsfaehig zu sein, wenn der Praesident seinen Kandidaten bekannt gibt. Konservative Gruppen placieren jetzt schon Werbespots im Fernsehen, in denen sie vor den dunklen Plaenen der Linken warnen.
George Bush selbst gibt sich betont zurueckhaltend, schliesslich ist ja auch noch kein einziger Hoechstrichter tatsaechlich zurueckgetreten. Er will einen Kandidaten auswaehlen, der hochqualifiziert ist und sich streng an die Verfassung haelt, sagt er. Die Haltung zur Abtreibung werde nicht die allein entscheidende Frage sein, versichert man im Weissen Haus, aber eine gewisse Rolle wird sie wohl schon spielen. Dass der Praesident sich mit dem Kongresss beraten will, bevor er eine solche richtungsweisende Personalentscheidung trifft, hat auf die Demokraten auf jeden Fall nicht wirklich beruhigt.




 

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