Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Tschechien verärgert die EU, MiJ, 27.2.2008


Seit Jahren verhandelt die Europäische Union mit den Vereinigten Staaten über jene Daten, die Fluglinien über Amerikareisende vor oder während eines Atlantikflugs an die amerikanischen Behörden übermitteln müssen. Die USA verlangen eine raschere und umfassendere Sendung dieser sogenannten Passagierdaten. Die Europäer wiederum wollen, dass eine Visafreie Einreise in die USA endlich für alle Bürger der EU möglich wird, nicht nur für Westeuropäer. Jetzt ist Tschechien aus der bisher gemeinsamen europäischen Verhandlungsfront ausgeschert.
Anders als Touristen aus Österreich, Deutschland oder Frankreich, die für die Einreise in die USA kein Visum brauchen, gilt für die ehemaligen Oststaaten auch bald zwanzig Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs Visumpflicht. Das könnte für tschechische Bürger sehr rasch anders werden. Denn Ministerpräsident Topolanek hat gestern in Washington ein Abkommen unterzeichnet, das die Tschechische Republik als erstes neues Mitgliedsland der Europäischen Union auch in Punkto Visapflicht mit Westeuropa gleichziehen lässt. Prag erlaubt im Gegenzug bewaffnetes amerikanisches Sicherheitspersonal auf Interkontinentalflügen und man verspricht den Behörden in Washington Passagierdaten früher als bisher zur Verfügung zu stellen.
Was tschechische Touristen freuen wird, hat jedoch in Brüssel zu unverhohlener Kritik geführt. Denn Alleingänge einzelner Mitgliedsstaaten schwächen die Europäische Union, die im Namen aller 27 über genau die gleichen Fragen mit Washington verhandelt. Wenn Tschechien ein Seperatabkommen mit Washington schließt, dann wird Polen bald folgen, fürchten die europäischen Verhandler. Und dann wird es mit einer gemeinsamen europäischen Front gegenüber den USA in den heiß umstrittenen Fragen der Einreisebedingungen sehr rasch vorbei sein.
Prag und Warschau können in der amerikanischen Hauptstadt ein besonders starkes Druckmittel einsetzen: das Pentagon möchte nämlich in Polen und Tschechien ein umstrittenes Raketenabwehrsystem stationieren. Das erhoffte grüne Licht der Regierungen in Prag und Warschau für Radarstation und Raketensilos ist Washington ein Entgegenkommen in der symbolisch wichtigen Frage des Visafreien Reisens für Bürger der beiden Staaten wert. Auf der Strecke droht jedoch die Solidarität der Europäer zu bleiben.
So heftig waren die Proteste aus der Europäischen Union, dass Tschechien schließlich einige wichtige Bereiche aus der amerikanisch-tschechischen Absichtserklärung gestrichen hat. Innenkommissar Frattini will trotzdem prüfen, ob der Deal nicht ein Verstoß gegen Prinzipien der Europäische Union ist, was ein EU-Verfahren gegen Prag zur Folge haben könnte.

 

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