Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Thomas Pynchons neuer Roman, MoJ, 11.12.2006

Jemand zu finden, der Thomas Pynchons letztes Buch tatsächlich gelesen hat, ist selbst in bibliophilen Kreisen nicht so einfach. Aber schon allein die Rezensionen haben das 1085 Seiten dicke Werk mit dem Titel "Against the Day", "Gegen den Tag" zum Ereignis gemacht. Vom "Postmodernen" Pynchon spricht die Los Angeles Times. Das Time Magazine fand einen Text der verhext und verwirrend ist, in Wirklichkeit handle es sich um drei, vier Buecher in einem. In denen alles zu finden ist, auf das Pynchon-fans so sehnsüchtig gewartet haben, ergänzt die Washington Post.
Der bald 70jährige Autor ist ein Unikum: er lehnt jeden Auftritt in der Öffentlichkeit ab, gibt keine Interviews und lässt sich nicht fotografieren. Um den neuesten, fünften Roman des Schriftstellers, gab es schon während mehrerer Jahre Gerüchte und Spekulationen.
"Against the Day" spielt in Europa und Amerika in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, zwischen der Weltausstellung in Chicago 1893 und dem Jahr 1920. Die Rahmenhandlung wird durch die Ermordung eines anarchistischen Amerikanischen Gewerkschaftlers durch einen kapitalistischen Tycoon geliefert, dessen Söhne beim Versuch den Vater zu rächen durch Europa und Amerika reisen.
Ja, es ist ein historischer Roman, sagt Steven Moore, der Pynchons Buch für die Washington Post rezensiert und gelesen hat.
Es geht um die amerikanischen Bergarbeiterstreiks und den Balkan vor dem Ersten Weltkrieg, Franz Ferdinand von Österreich taucht auf.
Auch Wien ist einer der Schauplatze. Der Roman behandelt die ganze Welt. Das ist eine der großen Staerken Pychons. Das ungeheure Wissen, mit dem er sich ganz grosser Themen annimmt,
so Rezensent Steven Moore
Pynchon ist so etwas wie ein Psychoanalytiker der Geschichte. Er sieht sich an, was unter der Oberfläche abläuft. Er gibt sich mit der offiziellen politischen Erklaerung nicht zufrieden. Er interessiert sich fuer die Tiefenströmungen, die psychologischen Gründe.
Einige Muehe haben alle Rezensenten, mit den komplizierten und ineinander verwobenen, immer neu einsetzenden Handlungsablaeufen. Da nicht den Faden zu verlieren, scheint noch schwieriger als Pynchons häufige Sprachexperimente. Pynchon hat Humor, freuen sich die Rezensenten, es gibt Spaesse jeder Art, Songs und Scherzpassagen.
Tom LeClair von der Universität von Cinncinatti findet es bemerkenswert, welch wichtige Rolle die Gegenkultur bei Pynchon spielt.
Die sympathischsten Charaktere sind jene, die sich gegen den Mainstream stellen, in der Religion genaus wie in der Wissenschaft. Es sind immer die Exzentriker, die Outsider, die ihn interessieren. Karl Marx kommt vor und sogar der Anarchist, der getoetet wurde, wird positiv gezeichnet, so Tom Leclair von der Universitaet Cinncinatti.
Insofern ist es wie andere Pynchon-Romane. Es ist wie eine mittelalterliche Balade. Es gibt nicht viel Organisation und Einheit. Aber viele Abenteuer und Charaktere.
Der Erste Weltkrieg markiert für den Autor das Ende der Zivilisation. Pynchon glaubt, dass alle Probleme, die wir seither haben, auf diese Katastrophe vor 100 Jahren zurzueckzufuehren ist, ergänzt der Rezensent der Washington Post Steven Moore.
Fuer den deklarierten Pynchon-Fan Steven Moore ist der mysterioese Autor seit langem der beste lebende Schrifsteller Amerikas, der schon längst den Literaturnobelpreis verdient haette. Welchen Rat die Experten für potentielle Leser haben? Langsam sollte man es angehen, empfiehlt Washington Post-Mitarbeiter Steven Moore
Pynchon lesen ist wie so aehnlich wie Wagner Opern hoeren. Wenn man sich genug Zeit nimmt, dann kann man eine Vielfalt von wunderbaren Saetzen, wunderbaren Szenen und interessanten Charakteren geniessen.
Halbieren! Halbieren, ergaenzt Tom LeClair von der Universitaet Cincinnat, man sollte sich einfach freuen, wenn die die erste Haelfte der fast 1100 Seiten von Against the Day geschafft hat. Den zweiten Teil kann man dann guten Gewissens auf das nächste Jahr verschieben.


 

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