Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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USA als Fuehrungsmacht sngezweifelt, Format, 16.6.2006

Entgegen einem weit verbreiteten Mythos sind amerikanische Präsidenten in Europa selten mit ungeteilter Begeisterung aufgenommen worden. Bei Reagans berühmtem Aufruf an Gorbatschow, er möge die Mauern niederreißen, demonstrierten im Hintergrund Zehntausende gegen die Nato-Nachrüstung. Und Nixon bekam selbst im verschlafenen Salzburg Tuchfühlung mit jugendlichen Demonstranten. Aber der Präsident der USA war im Guten und im Schlechten unangefochten der Führer der "freien Welt".

Nach dem Debakel des Irakkrieges vollführen Europäer und Amerikaner richtiggehende Eiertänze, um die Renaissance der transatlantischen Beziehungen nicht zu gefährden. Ein europäisch-amerikanischer Gipfel jagt den anderen, und fast scheint es, als ob die angeschlagene Supermacht Amerika ohne den Sanktus des Alten Kontinents keine neuen Züge in der Weltpolitik mehr wagt. Aber nach Guantánamo und Abu Ghraib werden die USA in der europäischen Öffentlichkeit nicht mehr als Führungsmacht akzeptiert. Die Hoffnung auf eine eigenständige Weltpolitik eint die Bürger der EU, egal ob im "Alten" oder im "neuen" Europa.

Nur leider: Es ist eine leere Hoffnung. Amerika hat sich mit dem Projekt übernommen, durch die Invasion des Irak die Landkarte des Nahen Ostens neu zu zeichnen. Das engt den Handlungsspielraum ein. Aber ernsthafte Konkurrenz erwächst der Supermacht deshalb noch lange nicht. Die iranischen Mullahs haben das ebenso begriffen wie Kim Jong Il in Nordkorea: Die Chance auf einen Deal besteht nur mit den USA als Gegenüber. Diktatoren rechnen kühl, und für die Rüstung geben die USA nur unbedeutend weniger aus als der gesamte Rest der Welt. Der neue Pragmatismus der Bush-Administration, heute im Poker mit dem Iran, morgen vielleicht bei einem Teilrückzug aus dem Irak, zeugt vom taktischen Variantenreichtum einer Supermacht, nicht von ihrem Niedergang. Die Kontrolle des lebenswichtigen Ölflusses aus dem Mittleren Osten wird außer den USA auch in Zukunft keine andere Macht der Erde sichern wollen und sichern können. Die USA bleiben alleinige Supermacht, auch wenn sie von den Bürgern Europas nicht mehr als Führungsmacht akzeptiert werden.


 

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