Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Verfassungsstreit Irak, Mittagsjournal, 10.1.2004

Eine irakische Uebergangsregierung, in deren Haenden die Geschicke des Landes liegen, Monate vor den Praesidentschaftswahlen in den USA und lange bevor der Irak ueber eine demokratische Verfassung verfuegt: das war der Kern der neuen Irakpolitik, die man in Washington nach einer langen Krisensitzung Ende des vergangenen Jahres beschlossen hatte. Aber Wochen spaeter stecken die Verhandlungen darueber, wie ein neuer irakischer Praesident gewaehlt werden soll und ueber welche Kompetenzen eine irakische Zentralregierung verfuegen wird, in einer schweren Krise.
So verfahren ist die Situation, dass sich das maechtige Amerika an UNO-Generalsekretaer Kofi Annan gewandt hat, um zu vermitteln. Dabei geht es um die heikle Frage, wie genau eine neue irakische Fuehrung gewaehlt werden soll. Der angesehene schiitische Ayatholla Ali Sistani will allgemeine Wahlen, die schiitische Mehrheit koennte dadurch zur bestimmenden Kraft werden. Und das politische Mandat einer aus Volkswahlen hervorgegangenen Regierung in Bagdad waere zweifelsohne sehr stark.
Die USA halten regulaere Wahlen dagegen unter den gegenwaertigen chaotischen Zustaenden fuer nicht durchfuehrbar. Zivilverwalter Paul Bremer befuerwortet ein indirektes Wahlverfahren, in dem von den kleinsten Gemeinde an Delegierte in ein jeweils hoeheres Gremium geschickt werden. UNO-Generalsekretaer Kofi Annan hat sich jetzt auf die amerikanische Seite geschlagen: er bestaetigt den fuehrenden Schiiten gegenueber, dass auch aus Sicht der UNO die Durchfuehrung von Wahlen in den naechsten Monaten nicht moeglich sein wird.
Noch mehr Sorgen als die Auseinandersetzung um den Wahlmodus bereitet den Amerikanern aber zur Zeit ein Streit mit ihren engsten Verbuendeten, den Kurden. Denn Paul Bremer will keinen ethnischen Foederalismus im Irak, die Zentralregierung in Bagdad soll die hoechste Autoritaet im Lande werden. Die Kurden, die seit dem ersten Golfkrieg 1991 eine lange Phase der Selbstverwaltung erleben, muessten sich wieder in einen zukuenftigen Vielvoelkerstaat eingliedern und ihre Sonderrechte aufgeben. Das beruhigt Tuerken und Saudis, die alle Schritte in Richtung eines Kurdenstaates entscheiden ablehnen. Aber in zwei langen Sitzungen in Bagdad ist Paul Bremer mit diesen Vorschlaegen bei den Kurdenvertretern auf Granit gestossen. Weder ihre bewaffneten Peshmerga, , wollen die Kurden in den naechsten Monaten aufgeben, noch die Lokalverwaltung, die im letzten Jahrzehnt entstanden ist.
Aber weder die Kurdengebiete im Norden noch andere Regionen des Irak sind ethnisch homogen. Mit Sorge beobachten die amerikanischen Besatzer, dass die Spannungen zwischen den Volksgruppen zunehmen. Im Norden fuehlen sich sunnitische Araber und die Volksgruppe der Turkmenen von den jetzt bestimmenden Kurden benachteiligt. In Bagdad beschuldigen einander Schiiten und Sunniten blutiger Uebergriffe. Und im Sueden stehen nach wie vor verschiedene schiitische Klans gegeneinander.
Jetzt soll in einer Sitzung bei UNO-Generalsekretaer Kofi Annan in New York am 19. Jaenner der Weg zu einem provisorischen Grundgesetz geebnet werden, das es aehnlich wie in Afghanistan einer neuen provisorischen Regierung moeglichen machen soll ihre Arbeit aufzunehmen, selbst wenn amerikanische Truppen noch lange im Land bleiben.




 

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