Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

Fenster schließen
 
  Aktuelle Analysen
   

Visaverhandlungen mit den USA, MiJ, 18.4.2008

Seit Jahren ist es Gegenstand intensiver Verhandlungen zwischen der Europäischen Union und den USA: das Visafreie Reisen quer über den Atlantik, auch für Bürger ehemaliger Oststaaten. Beim heutigen Treffen in Luxemburg wollen die europäischen Innenminister festlegen, wie weit die europäische Kompromissbereitschaft geht. Eine Reihe neuer Mitgliedsstaaten verhandelt bereits separat mit Washington.
Einer nach dem anderen sind in den vergangenen Wochen einzelne Mitgliedstaaten aus der gemeinsamen Front ausgeschert. Tschechien, die Slowakei, Ungarn und die baltischen Staaten streben separate Abkommen mit den USA an, weil die EU auch nach jahrelangen Verhandlungen mit den USA erfolglos geblieben war. Anders als die meisten Bürger aus Westeuropa, müssen Osteuropäer auch für Kurzbesuche in den USA ein Visum besorgen. Ein teures und oft auch mühsames Unterfangen. Über die unerwarteten Alleingänge der neuen Mitgliedstaaten jetzt auch direkte Gespräche mit den USA zu führen war man in der Europäischen Union anfangs empört, schließlich haben die 27 EU-Staaten nur dann wirksame Druckmittel gegen Washington, wenn sie geeint auftreten.
Beim heutigen Treffen der Innenminister will man sich auf eine neue, flexible Verhandlungstaktik einigen: über bewaffnete amerikanische Flugbegleiter und andere zusätzliche Sicherheitsbestimmungen können Mitgliedsstaaten wie Tschechien oder Ungarn eigene Verträge mit den USA abschließen. Aber für Datenaustausch im größeren Stil verhandelt die Europäische Kommission für alle 27.
Zu diesen Gesprächen wird es sehr rasch kommen müssen, denn die USA wollen das bisherige sogenannte Visa Waiverabkommen, das Visafreies Reisen ermöglicht, noch dieses Jahr auslaufen lassen. Davon wären auch österreichische Amerikareisende betroffen. In Zukunft soll es nach dem Willen des amerikanischen Heimatschutzministeriums ein völlig neuartiges Anmeldesystem über das Internet geben. Jeder Amerikareise wird sich mehrere Tage vor der Abreise Online registrieren müssen. Die amerikanischen Antiterrorjäger sollen dadurch mehr Zeit bekommen, mögliche Verdächtige schon im Voraus auszusieben.
Die EU muss jetzt entscheiden, welche Daten die amerikanischen Einreisebehörden abfragen dürfen. Ob es sich nur um Name, Geburtsdatum und Adresse handelt, oder ob zum Beispiel auch die Religion, frühere Reisen, etwa in islamische Länder, und weitere persönliche Informationen dabei sind. Die große Frage ist auch: was bleibt eigentlich vom Visafreien Reisen, wenn ein solches Online-Anmeldesystem in Kraft tritt? Handelt es sich dabei nicht in Wirklichkeit um eine andere Art von Visum?
Die amerikanischen Antiterrorfahnder haben nach den Anschlägen des 11.September riesige Datenbanken aufgebaut, in denen Millionen Informationen gespeichert sind, die helfen sollen neue Anschläge zu vermeiden. In Europa sind die Listen möglicher Terrorverdächtiger weniger entwickelt, aber in der EU gibt es ein Datennetz, auf das auch die amerikanischen Behörden neidisch sind: die im sogenannten Schengen Informationssystem zusammengefassten Polizeidaten der EU mit ihren 20 Millionen Eintragungen über verlorene Pässe, gestohlene Autos oder illegale Grenzübertritte. In der EU geht man davon aus, dass die USA sich einen Zugang zu dieser allseits gepriesenen europäischen Schengen-Datenbank wünschen.
Grundsätzlich ist man zu einem Datenaustausch zwischen der EU und den USA bereit, wenn das im Antiterrorkampf wirklich sinnvoll ist. Vorher will man aber sicher stellen, dass sich auch die amerikanischen Behörden an Datenschutzregeln halten. Und die EU will im Gegenzug auch die Möglichkeit haben, Informationen aus amerikanischen Antiterrorlisten abzurufen.
Das genaue Verhandlungsmandat der Europäischen Kommission wollen die Innenminister bei ihrer heutigen Sitzung beschließen.

 

nach oben, Fenster schließen

 
  site by Adrian Rossmann