Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Waehlerlisten-Kontoverse Florida, Morgenjournal, 6.7.2004

Im amerikanischen Wahljahr 2000 haben Probleme bei der Stimmauszaehlung im Bundesstaat Florida wochenlang die Entscheidung hinausgezoegert. Das Oberste Gericht in Washington hat schliesslich George Bush mit einem hauchduennen Vorsprung zum Sieger erklaert, aber bis heute sind die Demokraten der Meinung, dass die Wahlen in Florida nicht fair waren. Vier Monate vor den Praesidentschaftswahlen dieses Jahres loesen die Wahlvorbereitungen in Florida neuerlich Kontroversen aus.
Daren Jones ist einer von tausenden Buergern in Florida, die dieser Tage unerwartete Post bekommen.
Sie wollen mich von der Waehlerliste streichen, ist der Mann empoert. Man gilt offensichtlich als schuldig bis zum Beweis des Gegenteils.
Er sei kuerzlich rechtskraeftig verurteilt worden, heisst es in dem Schreiben. Ein halbes Jahr Hausarrest gibt Daren Jones zu, aber das war vor 6 Jahren, warum er deshalb im kommenden November nicht zu den Wahlen zugelassen sein soll, das versteht er nicht.
Florida ist einer der ganz wenigen amerikanischen Bundesstaaten, in denen Buerger mit Vorstrafen auch das Wahlrecht verlieren.
Tausende Waehlerinnen und Waehler sind laut Buergerrechtsorganisationen im Jahr 2000 auf Grund dieser Regel vor allem in aermeren Wahlkreisen irrtuemlich an der Stimmabgabe gehindert worden.
Um eine Wiederholung dieses Debakels bei den kommenden Wahlen zu verhindern, haben Zeitungen und Fernsehsender per Gerichtsbeschluss eine vorzeitige Veroeffentlichung der Liste von Buergern ohne Wahlrecht erzwungen. Mehr als 47 000 Namen sind es, die nach Ansicht der Behoerden aus dem Wahlregister gestrichen werden muessen. Nicht nur die meisten Gefaengnisinsassen des Bundesstaates, sondern auch Personen mit zum Teil Jahrzehnte zurueckliegenden Vergehen finden sich auf dieser Liste, oft zu deren eigener grossen Ueberraschung.
Walter Gibbons zum Beispiel , ein 53 jaehriger Vietnamveteran, ist 1973 wegen eines Drogenvergehens verurteilt worden. Er ist heute evangelischer Pfarrer und kann nicht verstehen, warum er mehr als 30 Jahre spaeter von Praesidentschaftswahlen ausgeschlossen sein soll.
Der Miami Herald, die einflussreichste Tageszeitung in Florida, hat herausgefunden, dass 2100 Personen von neuem auf Grund von Irrtuemernnicht wahlberechtigt bezeichnet wurden. Immer wieder gab es schlichte Verwechslungen auf Grund aehnlicher Namen. Oder die Behoerden haben die spaetere Loeschung der Vorstrafe, durch die man auch das Wahlrecht zurueckbekommt, einfach ignoriert.
Wieder einmal sei ein fairer Wahlvorgang in Florida in Frage gestellt, warnt der Miami Herald. Die Behoerden bestreiten das und versichern, alle Angaben wuerden auf Bezirksebene noch einmal ueberprueft.
Genau das jedoch empoert jedoch viele Wahlleiter: wenn ich als Wahlleiter Strafregister durchforschen soll, dann ist das so, als ob man einen Arzt beauftragt Steuererklaerungen zu ueberpruefen, aetzt Ion Sancho, Wahlleiter in Leon County.
Strafregister durchforschen, das ist nicht unser Job, sagt er.Der politischen Konsequenzen der Kontroverse koennten in jedem Fall weitreichend sein. Denn Florida ist politisch heftig umkaempft, nach wie vor ist der Bundesstat in zwei nahezu gleich grosse Lager gespalten. Identische 43 Prozent gab die letzte Meinungsumfrage sowohl George Bush als auch John Kerry. Die meisten der aus den Waehlerverzeichnissen gestrichenen Buerger tendieren zu den Demokraten, viele kommen aus der schwarzen Minderheit. Und 2000, da hat George Bush laut letzter anerkannter Zaehlung bekanntlich nur mit der hauchduennen Mehrheit von 537 Stimmen gewonnen.

 

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