Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Wahltrends Europawahlen, MiJ, 18.5.2009

Dass Europawahlen in Wirklichkeit mehr wie 27 nur lose miteinander verbundene nationale Wahlkämpfe aussehen, obwohl es darum geht eine gemeinsame Volksvertretung zu wählen, ist nichts Neues. Aber noch nie waren die nationalen Regierungen so stark miteinander verbunden, wie durch den Euro und die EU-weit koordinierten Antikrisenmaßnahmen.
Raimund Löw versucht trotz aller Unterschiede Trends nach der ersten Etappe des Wahlkampfes herauszulesen.
Eigentlich müsste in den meisten europäischen Staaten die Linke in der Offensive sein. Wird die Finanzkrise doch weltweit als Debakel für die wirtschaftsliberalen Ideen von weniger Staat und reinen Marktwirtschaft verstanden. Doch überraschenderweise tun sich die Sozialdemokraten in vielen EU-Staaten in diesem Wahlkampf auffällig schwer. Ob als Regierungspartei, wie in Großbritannien, Deutschland und Ungarn, oder in der Opposition wie in Frankreich und Italien. Überall kämpft die gemäßigte Linke mit schwachen Umfragewerten.
Eine gesamteuropäische Prognose eines britisch-irischen Politikwissenschaftlerteams sagt trotzdem keine entscheidende Veränderung im Kräfteverhältnis zwischen Linken und Rechten im Europäischen Parlament nach dem 7.Juni voraus. Die Sozialdemokraten bleiben nach dieser Prognose weiter die zweitstärkste Fraktion.
In einigen Ländern scheint es Parteien der radikalen Linken zu gelingen, von der wachsenden sozialen Unruhe mit ihrer Fundamentalopposition gegen die EU zu profitieren. Linksradikale Listen könnten in Frankreich auf über 15 Prozent der Stimmen kommen.
Die tiefe Verunsicherung, die die Krise ausgelöst hat, führt auch zum verstärkten Auftreten EU-feindlicher Parteien am rechten Rand. In den Niederlanden blicken die Parteien der Großen Koalition Premierminister Balkenendes, Christdemokraten und Sozialdemokraten wie gebannt auf Geert Wilders. Der Islamfeindliche Showman, der sich in der Tradition des ermordeten Pim Fortyun versteht, liegt in manchen Umfragen sogar ganz vorne. Sogar in Großbritannien hofft die Britisch National Party angesichts der Empörung über den Spesenskandal im Parlament auf Abgeordnete in Strassburg. Der polarisierende Wahlkampf der FPÖ in Österreich gegen sogenannten EU-Verräter liegt ganz auf dieser Linie.
Die Grünen werden laut jüngsten Prognosen ihre Stellung halten. Wahrscheinlichen Verlusten in Frankreich und Italien stehen erwartete Gewinnen in Belgien oder Tschechien gegenüber.
Die größte Veränderung zeichnet sich jedoch für das traditionelle bürgerliche Lager ab. Denn die britischen Torys, bisher Bestandteil der Europäischen Volkspartei, der stärksten Fraktion des Europaparlaments, lehnen den Reformvertrag ab und wollen mit konservativen Parteien aus Tschechien und Polen eine eigene Gruppe bilden.
Dagegen halten die dominierenden Mitte-Rechts-Parteien in Deutschland und Frankreich an ihrem ungebrochen proeuropäischen Kurs fest. Angela Merkel und Nicolas Sarkozy, die so unterschiedlichen Charaktere, verstehen sich mehr denn je als Führungsduo für Europa. Aufmerksam wurde in Brüssel registriert, dass Angela Merkel beim CDU-Wahlkampfstart bereits kaum verhüllte Attacken gegen die britischen Torys ritt, weil sie zwar die Türkei in die EU aufnehmen wollen, aber den Reformvertrag ablehnen.
Unter besonderer Beobachtung wird am Wahltag Irland stehen, wo im Herbst ja ein zweites Referendum über den Reformvertrag stattfinden soll.
Ob Declan Ganley, dem EU-skeptischen Multimillionär, der Sprung ins Europäische Parlament gelingt oder nicht, wird die Stimmung zum Lissaboner Vertrag wesentlich beeinflussen.


 

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