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Wechselnde
Allianzen, ORF-On, 3.3.2003
Just in dem Augenblick, in
dem der amerikanisch-britische Aufmarsch gegen Saddam Hussein ins Stocken
gerät, enthüllt der Londoner "Guardian" die peinliche
Auszahlung von 33 Millionen Pfund britischer Steuergelder...für Waffenlieferungen
an das irakische Regime. Das Kriegsgerät, um das es geht, ist zum
Teil noch jetzt im Einsatz: Artillerieleitsysteme, Radaranlagen und Funkgeräte
mit denen Großbritannien dem Irak während der Achtzigerjahre
unter die Arme gegriffen hatte. Margaret Thatcher übernahm großzügig
staatliche Ausfallshaftungen, die allesamt nach dem ersten Golfkrieg 1991
schlagend wurden. Und die britischen Steuerzahler begleichen bis heute
die Rechnung.
Die perverse Situation erinnert daran, daß auch Briten und Amerikaner
das primär mit der Sowjetunion verbündete irakische Baath-Regime
lange Zeit als wichtiges Bollwerk gegen den islamischen Fundamentalismus
betrachtet haben. Zur Planung der irakischen Giftgasangriffe gegen die
jungen Freiwilligen, die Chomeinis Generäle an die Front warfen,
erhielt der Generalstab in Bagdad zeitweise mehr amerikanische Geheimdienstinformationen
als selbst Israel.
Der Blick auf diese wechselvollen Allianzen nährt die weltweite Skepsis
gegenüber dem eigentlichen Ziel der USA beim bevorstehenden Waffengang
am Golf: "Regime change", also dem Machtwechsel in Bagdad, der
in der amerikanischen Führung fast als Wundermittel zur Lösung
aller brennenden Probleme der Region angesehen wird. Dementsprechend ungerührt
reagiert man in Washington auch auf Fortschritte der Inspektoren bei der
Entwaffnung des Iraks.
Ob die unterentwickelte demokratische Tradition der arabischen Welt oder
die Gefahr der Weitergabe von Massenvernichtungsmitteln, die tägliche
Gewalt zwischen israelischen Soldaten und Palästinensern oder das
bedrohliche Reservoir des islamisch-fundamentalistischen Fundamentalismus:
US-Soldaten an Euphrat und Tigris sollen den Weg zu einer Pax Americana
weisen, in der all diese Probleme ihre Lösung finden würden.
Dabei klaffen in der amerikanisch-britischen Strategie politische und
militärische Logik immer weiter auseinander, je näher die militärische
Entscheidung heranrückt. Erstes Opfer der Kriegslogik wurden ausgerechnet
die Kurden, die als unterdrückte Nation eigentlich am meisten von
der Beseitigung des Tyrannen in Bagdad profitieren müßten.
Vorbei sind die Zeiten, als der Irak in den amerikanischen Nachkriegskonzepten
als Föderation mit starker Autonomie der drei Staatsvölker Schiiten,
Sunniten und Kurden beschrieben wurde. Nach dem Willen Washingtons sollen
die stolzen Peshmerga türkische Soldaten auf ihrem Territorium akzeptieren,
wenn nur einmal das Parlament in Ankara zustimmt.
Vergeblich warten auch die irakischen Exilorganisationen, die sich im
vergangenen Jahr auf eine demokratische und föderale Verfassung für
die Nachkriegszeit geeinigt haben, auf das grüne Licht zur Bildung
einer Exilregierung. Nach anfänglichem Zögern haben die Washingtoner
Kriegsherren dagegen entschieden: General Tommy Franks, der das amerikanische
Besatzungsregime befehligen soll, möchte die bestehende irakische
Zentralmacht nur neu programmieren, nicht zerstören.
Je mehr die amerikanischen Truppen der irakischen Bevölkerung jedoch
als fremde Herrscher gegenübertreten, desto erfolgreicher werden
in Zukunft Gruppen vom Typus der "Al Kaida" sein können.
Die vorsichtige "Financial Times" erinnert daran, dass im Südlibanon
schiitische Dorfbewohner noch 1982 die israelischen Truppen unter Ariel
Sharon als Befreier von der drückend empfundenen Präsenz der
PLO begrüßt haben. Nach zwei Jahren israelischer Besatzung
fand die Hisbollah-Guerilla hier das größte Reservoir für
die Selbstmordattentäter, die Israel schließlich zum Rückzug
zwangen.
Es sind die alten Territorialkonflikte , die nationalen Ansprüche
verfeindeter Völker und der wachsende religiöse Fundamentalismus,
die kombiniert mit der wechselnden Bündnispolitik des Westens die
Region in die gegenwärtige Sackgasse geführt haben. Der Glaube
an die Zauberkraft eines Krieges gegen einen der Diktatoren der Region,
und sei es auch der schlimmste, bringt George W. Bush und Tony Blair zur
Zeit gehörig in die politische Defensive.
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