Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Kriegsgipfel auf den Azoren, ORF-On, 16.3.2003

Mit dem Gipfel auf den Azoren hat das diplomatische Endspiel um den zukünftigen Irakkrieg begonnen, das ist die knappe Botschaft der kurzen Zusammenkunft der mit den USA verbündeten europäischen Regierungschefs mit George Bush. Höchst unwahrscheinlich, dass die folgenden 24 Stunden bei den Vereinten Nationen noch eine Veränderung bringen werden: George Bush und Tony Blair fühlen sie schon durch die bisherigen UNO-Resolutionen zum Krieg gegen Saddam Hussein authorisiert. Die angesichts des französisch-deutschen Widerstands im Sicherheitsrat verfehlte Mehrheit im Sicherheitsrat für eine neue ausdrückliche Genehmigung zur Anwendung von Gewalt treibt zwar einen tiefen Keil in die um eine eigene außenpolitische Identität ringende EU, wird am nun begonnenen Showdown aber kaum etwas ändern können.
Vom Gipfel auf den Azoren ist vielfach ein Ultimatum in Richtung Saddam Hussein erwartet worden. Tatsächlich ist jedoch daraus so etwas wie ein Ultimatum in Richtung Jacques Chiracs daraus geworden, der vom amerikanischen Präsidenten ungewöhnlich undiplomatisch angegangen wurde, weil Frankreich seinen Widerstand gegen einen sofortigen Waffengang nicht aufgeben will. Die Waffeninspektoren, die nach dem schrittweisen Nachgeben des Irak in den letzten Wochen mehr Zeit verlangen, sind von den Verbündeten mit keinem Wort mehr erwähnt worden. Dass innerhalb der nächsten 24 Stunden eine Verständigung über all diese strittigen Fragen möglich sein wird, erscheint höchst unwahrscheinlich: der Beginn der kriegerischen Auseinandersetzungen in den nächsten Tagen dagegen absehbar.
Ein großer politischer Verlierer steht jetzt schon fest: die Europäische Union, deren Anspruch auf eine gemeinsame Außenpolitik durch die tiefe Spaltung zwischen Kriegsbefürwortern um Großbritannien und Spanien und den Kriegsgegnern um Frankreich und Deutschland schwer gelitten hat. George Bush ist nicht jemand, der rasch vergißt und die direkte Art, in der er am Ende seines kurzen Aufenthaltes auf den Azoren Frankreich angegriffen hat, läßt eine rasche Heilung dieser diplomatischen Wunden nicht erwarten. Mit einer geopolitisch gespaltenen EU könnten europäische Integration und Realisierung der Osterweiterung in den nächsten Monaten zum Ritt über den Bodensee werden.
Wenn das politische Vorspiel zum Krieg am Montag bei den Vereinten Nationen in New York seine Fortsetzung findet, dann wird sich sehr rasch zeigen, wie gering der Spielraum für die Diplomatie schlagartig geworden ist. Ob die auf den Azoren besiegelte Kriegsallianz allerdings von Dauern sein wird, muss sich erst weisen. Denn alle auf der Seite George Bushs stehenden europäischen Regierungen haben es mit einer kriegsskeptischen oder offen kriegsfeindlichen eigenen Öffentlichkeit zu tun. Da können unerwartete Wendungen auf dem Schlachtfeld sehr rasch auch unangenehme innenpolitische Konsequenzen habe.


 

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