Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Vor Bushs UNO-Rede , ORF-Mittagsjournal, 23.9.2003

George Bush wird heute erhobenen Hauptes vor die UNO-Generalversammlung treten, versichern seine Berater. Auch wenn man im Irak weder Atomwaffen noch Giftgasfabriken gefunden hat : Die Welt sei insgesamt sicherer geworden durch den Sturz Saddam Hussein, und das sei Rechtfertigung für den Krieg genug.
Nostalgische Gefühle für das alte Regime in Bagdad hegt wohl keiner der Delegierten, die aus aller Welt nach New York gekommen sind, aber an größere Sicherheit seit dem turbulenten vergangenen Jahr können nur Wenige glauben.
Auf dem Weg zum Sitzungssaal gehen die Delegierten an einer Ausstellung vorbei, die an die toten UNO-Mitarbeiter von Bagdad erinnert. Vor genau einem Monat sind sie Opfer eines verheerenden Sprengstoffanschlages in der von Chaos und Gewalt bedrohten irakischen Hauptstadt geworden.
Für Viele ein Symbol dafür, wie ungeheuer schwierig die Situation der Vereinten Nationen geworden ist.

George Bush tritt zwar mit dem Vorrecht des mächtigen Gastgebers als erster Redner vor die Delegierten, aber sein Appell zum internationalen Irak-Engagement kommt ganz und gar nicht aus einer Position der Stärke. Denn der Wiederaufbau des besetzten Landes im Alleingang, erweist sich als ungleich schwieriger als der militärische Alleingang.
George Bush braucht Kapital, Soldaten und politische Unterstützung aus aller Welt, um zu verhindern, dass der militärische Sieg zum politischen Debakel wird, und das geht nur über die UNO. In der amerikanischen Regierung hat daher plötzlich ein neues Interesse an den Vereinten Nationen eingesetzt, die Anti UNO-Stimmung früherer Zeiten gehört der Vergangenheit an.
Vor einem Jahr, da war das noch ganz anders. Die Hardliner in der Regierung hatten den Präsidenten den ganzen Sommer des Jahres 2002 gedrängt auch ohne die Vereinten Nationen in den Krieg zu ziehen. Und als George Bush im Herbst 2002 dann vor die Generalversammlung trat, da erklärte er den Irak zum Testfall für die UNO schlechthin: wenn die Vereinten Nationen nicht militärische Gewalt gutheissen um den irakischen Massenvernichtungswaffen entgegenzutreten, dann drohe ihnen die Bedeutungslosigkeit, liess er damals die Delegierten wissen.
Von gefährlichen irakischen Waffen ist jetzt nur mehr wenig die Rede. Amerikanische Regierungsvertreter beteuern zwar unbeirrt, dass man die Spuren derartiger Waffen noch finden werde. Aber eine akute Bedrohung hat bisher niemand nachgewiesen. Paul Wolfowitz, der stellvertretende Verteidigungsminister, hat sogar gemeint, die Frage der Massenvernichtungsmittel sei aus diplomatischen Gründen in den Vordergrund gestellt worden, in Wirklichkeit gehe es den USA um die Neuordnung des gesamten Nahen Ostens.
Aber auch die kommt nicht voran. Nach dem Scheitern der Road Map ist die Hoffnung auf einen raschen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern geschwunden: Condoleeza Rice, die Sicherheitsberaterin des Präsidenten muss sich damit trösten, dass potentielle Selbstmordattentäter jetzt eben nicht mehr auf einen Scheck für ihre Familie aus Bagdad hoffen können.

Massenvernichtungswaffen sind weiter ein großes Thema. Nordkorea und der Iran stehen wegen ihres Atomprogramms im Mittelpunkt der westlichen Kritik. Aber die Strategie der USA ist heute eine andere: vom Recht auf einen Präventivkrieg, auf das man sich gegenüber dem Irak berufen hat, ist zur Zeit nicht die Rede. Man setzt vorläufig vor allem auf internationalen Druck.
Das erleichtert es den zerstrittenen Großmächten diesmal die Gemeinsamkeiten zu betonen. Weder Frankreich noch Russland wollen ein Veto einsetzen, wenn die USA in den nächsten Tagen eine neue Irak-Resolution vorlegen. Der einst verpönte Gerhard Schröder gilt in Washington sogar als Vermittler zum unnachgiebigeren Jacques Chirac.
Aber der Irakkrieg hat die Vorstellung einer auf gemeinsamen Grundideen basierenden Außenpolitik der westlichen Welt erschüttert. Und die Regierung Bush ist nicht bereit die Kontrolle über den Irak zu teilen. Trotz aller Versicherung, man wolle eine wichtigere Rolle der UNO akzeptieren. Großbritannien wird daher auch in Zukunft die einzige Großmacht bleiben, die sich neben den USA im Irak engagiert.


 

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