Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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EU-Diskussionsbeitrag

Ein auffälliger Widerspruch prägt den Diskurs der europäischen Politik zu Europa: einerseits betont man mit gutem Recht die überragende Bedeutung des europäischen Projekts. Ob einfache Tierseuchen oder der Wettbewerb im globalisierten Markt: letztlich scheint kein Problem ohne europaweites Herangehen ernsthaft in den Griff zu bekommen. Andererseits tritt der Integrationsprozeß selbst auf der Stelle. Keine Regierung und keine der großen Regierungsparteien wagt den großen Schritt nach vorne, der den Institutionen der EU auch jene demokratische Legitimität geben würde, über die bisher nur nationale Regierunge verfügen. Was bleibt ist eine Union, die zwar auf dem bisher beschrittenen Weg der pragmatischen Selbständigkeit voranschreitet, in der aber eine grenzüberschreitende europäische Öffentlichkeit höchstens in Ansätzen vorhanden ist.
Die Folge ist eine in der Gesellschaft zahlreicher Mitgliedssaaten unübersehbare Vertrauenskrise in die Union, die sich in Mißtrauen bei den Bürgern und in anhaltend großem Echo für EU-feindliche populistische Parteien ausdrückt.
Könnte es nicht sein, daß der bisherige pragmatische und zweckorientierte Weg der Integration, in dem nie in klares politisches Ziel im Sinne einer anzustrebenden bundesstaatlichen oder sonst definierten Ordnung in Europa definiert wurde, an seine Grenzen stößt? Joschka Fischer hat mit seinem Versuch vom Mai des vergangenen Jahres eine Europäische Föderation als Ziel der Integration zu nennen erstmals eine Antwort versucht. In der Folge hat zögernd eine Diskussion um die möglichen Organe eines solchen transnationalen staatlichen Gebildes in Europa und deren verfassungsmäßige Verankerung eingesetzt. Vor allem in Frankreich kursieren inzwischen gleich mehrere europäische Verfassungsentwürfe. Und Joschka Fischer selbst wird nicht müde seine Ideen von einem Zweikammernsystem für das Parlament und Volkswahlen für einen EU-Regierungschef zu verteidigen. Im Hinblick auf den auf dem EU-Gipfel in Nizza von den Staats-und Regierungschefs beschlossenen bis 2004 geplanten Diskussionprozeß über die Architektur des europäischen Projekts plant die Regierung in Paris landesweite Diskussionsforen. Zuletzt plädierte der Publizist Giles Merritt eine alte Idee Jacques Delors aufgreifend in der "International Herald Tribune" wieder dafür, den EU-Kommissionspräsident doch endlich aus europaweiten Volkswahlen hervorgehen zu lassen. Und zwar schon im Zusammenhang mit den Wahlen zum Europäischen Parlament 2004.
Die maßgebenden politischen Strömungen des Kontinents haben sich - mit Ausnahme vielleicht der Grünen - dieser Debatte bis jetzt weitgehend entzogen. Es sind zumeist Experten oder Ex-Politiker, die die Seiten der Zeitungen mit ihren Vorschlägen füllen. Die Folge ist, daß der einzige Politiker, der von Skandinavien bis in den Süden Italiens, von Portugal bis an die polnische Grenze von den Menschen mit einer bestimmten - die weitere Integration ablehnenden - Art europäischer Politik identifiziert wird, Jörg Haider mit seinen Anti-Brüssel-Slogans bleibt. Wäre es nicht langsam Zeit, daß sich auch die großen politischen Familien der EU in einer für die breite Öffentlichkeit sichtbaren Weise in diesen Diskussionsprozeß einschalten? Wo bleibt eine gemeinsame sozialdemokratische, christdemokratische, liberale oder grüne Vision für eine europäische Regierung, ein Europaparlament mit echten Machtbefugnissen, einen EU-Präsidenten, der einem europäischen Souverän und nicht den nationalen Regierungen verantwortlich ist? Wo sind die sozialdemokratischen, christdemokratischen etc. Europa-Politiker, die über ihre Landesgrenzen hinaus für bestimmte Inhalte stehen? Verschlimmert nicht das Fehlen einer solchen Ebene europäischer Politik das vielbeklagte Demokratiedefizit der EU in gefährlicher Weise? Politische Europa-Bewegungen sind in der Vergangenheit Randerscheinungen der Politik geblieben, die europäische Integration ist von nationalen Regierungen und den sie tragenden nationalstaatlichen Parteien vorangetrieben worden. Jetzt scheint es, daß ohne einen Europäisierungsschub genau dieser Parteien der nun erforderlich gewordene europaweite Meinungsbildungsprozeß nicht von der Stelle kommen kann.

 

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