Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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EU-Erweiterungsreferendum Irland, ORF-On, 19.10.2002

Dass es überhaupt zu einem Referendum in Irland kommt, hängt mit einer Besonderheit des irischen Ratifizierungsverfahrens zusammen: EU-Verträge, wie auch der Vertrag von Nizza, werden in Irland in die Verfassung aufgenommen. Und Verfassungsänderungen müssen einem Referendum unterworfen werden. Daher haben die Iren zwar vor Jahren auch schon über den Vertrag von Amsterdam abgestimmt, nicht jedoch über den Beitritt Österreichs: an den EU-Verträgen hat sich damals nichts geändert.
Anders als vor einem Jahr, als niemand von den traditionell EU-freundlichen Iren ein "Nein" erwartet hatte, hat die Regierung diesmal im Vorfeld des Referendums eine massive Informationskampagne durchgeführt. Auch die oppositionellen Sozialdemokraten, die nationalistische Fine Gael-Partei, Unternehmerverbände und Gewerkschaften haben viel Geld und Energie in die Pro-Nizza-Kampagne investiert. Ihr zentrales Argument war, dass Irland an Investitionen vor allem aus den USA interessiert ist, die von der "Grünen Insel" aus in der EU Geschäfte machen wollen. Je größer der EU-Wirtschaftsraum, desto besser daher auch für die irische Wirtschaft.
Auch die Nizza-Gegner, vor allem die irischen Grünen und die IRA-nahe Sinn Fein, sprechen sich nicht gegen die Erweiterung aus. Sie lesen in den Bestimmungen des Vertrags von Nizza über die verstärkte Zusammenarbeit und den Rückgang der Vetomacht einzelner Mitglieder jedoch eine Zunahme des Einflusses der europäischen Großmächte heraus. Alles, was in die Richtung "Vereinigte Staaten von Europa" geht, ist ihnen ein Dorn im Auge.
Besonders heftig wurde das sensible Thema der irischen Neutralität diskutiert. Die Nizza-Gegner sehen im Aufbau einer europäischen Sicherheitspolitik und insbesonders in der geplanten Schnellen Eingreiftruppe der EU eine Unterminierung der irischen Neutralität. Die Staats-und Regierungschefs haben auf dem Gipfel von Nizza Irland daher in einer feierlichen Erklärung eine Fortführung seiner Neutralitätspolitik zugesichert. Auch in den Referendumstext selbst wurde eine Passage eingefügt, die für jeden Schritt weg von der Neutralität, etwa in die Richtung einer europäischen Armee, ein neuerliches Referendum erforderlich macht.
Anders als vor einem Jahr, als nur die Gegner des Vertrags von Nizza wirklich mobilisiert waren, hoffen die Befürworter nach Wochen intensiver Debatte auf ein "Ja" am heutigen Urnengang. Sollte die Wahlbeteiligung auf über 50 Prozent steigen, so gilt eine Zustimmung als ziemlich wahrscheinlich.
Sollte es heute jedoch trotzdem wieder ein "Nein" geben, dann wäre das ein Schock für ganz Europa. Rein juridisch ließe sich die Situation wahrscheinlich meistern: die Bestimmungen des Vertrags von Nizza könnten in jeden einzelnen Erweiterungsvertrag eingebaut werden. Aber politisch wäre es ein schwerer Schlag für die EU, sollte der einzige Souverän, der zum Erweiterungsvertrag befragt wird, diesen auch ein zweites Mal ablehnen. Diese Ablehnung wäre dann wohl endgültig.



 

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