Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Frankreich-Parlamentswahlen, ORF On, 16.06.2002

Mit dem glatten Sieg der Rechtsparteien geht eine der turbulentesten Phasen in der französischen Politik zu Ende. Noch vor acht Wochen schockte Le Pen mit seinem Überraschungserfolg bei den Präsidentschaftswahlen ganz Europa, jetzt verfügt seine Nationale Front nicht einmal über ein einziges Abgeordnetenmandat. Jacques Chirac, der anfangs nicht einmal auf 20 Prozent gekommen war, kontrolliert jetzt von der Nationalversammlung über den Senat und das Höchstgericht so gut wie alle Hebel der Macht. Die Sozialisten, die sich noch vor drei Monaten gute Chancen auf das Präsidentenamt ausgerechnet haben, müssen sich auf das harte Brot der Opposition einstellen.
Die große Volatilität der Wähler, die hier ihren Ausdruck gefunden hat, ist einer der Faktoren, die den gegenwärtigen Rechtstrend in der europäischen Politik begleiten. Dass die Linke in Paris sich nun endgültig von der Regierungsmacht verabschieden muss, bestätigt diese Tendenz nach rechts. Anders als in Österreich, Italien oder Portugal, wo traditionelle konservative Parteien nur durch ein Bündnis mit Rechtspopulisten an die Regierung gelangten, waren Jacques Chirac und sein zentristischer Premierminister Jean-Pierre Raffarin allerdings durch einen scharfen Konfrontationskurs gegen Le Pen erfolgreich.

Für die Linke kommt die Niederlage nicht unerwartet, trotzdem ist die Enttäuschung groß. Schließlich hat man das Gefühl, dass der Aufstieg Le Pens primär durch die großen Massendemonstrationen im Präsidentschaftswahlkampf gestoppt wurde und Chirac nur mit Hilfe linker Stimmen auf seine 82 Prozent der Stimmen gekommen war. Jetzt steht man ganz so wie linke Parteien in anderen europäischen Staaten einem sich nach rechts verschiebenden politischen Kräfteverhältnis gegenüber.
Wobei interessant ist, dass sich die Sozialisten in Frankreich als Partei ganz gut gehalten hat. Sie stehen heute um vieles besser da als nach Ende Ära Mitterand. Aber es sind ihnen ihre bisherigen Bündnispartner abhanden gekommen. Der prominente Linksnationalist Jean-Pierre Chevenement ist nicht einmal mehr Abgeordneter. Und die Kommunistische Partei Frankreichs, lange Zeit eine der mächtigsten KPs Westeuropas und die dominierende Kraft der französischen Linken, ist in ihren Grundfesten erschüttert. Nach fünf Jahren Regierungsbeteiligung sind die Grünen aus der Nationalversammlung so gut wie verschwunden.
Wie rasch sich französische Linke erholt, das wird also entscheidend von der Sozialistischen Partei abhängen, die sich jetzt als dominante Kraft der Linken neu positionieren muss.
Nachdem auf der Rechten die Neugaullisten als eigene Kraft in der Mehrheitspartei Jacques Chiracs aufgegangen sind und gleichzeitig auf der Linken die Sozialistische Partei als dominierende Kraft übrig bleibt, findet in Frankreich so etwas wie eine europäische Normalisierung statt. Von nun an stehen einander zwei große Parteien der gemäßigten Rechten und der gemäßigten Linken gegenüber, ganz so wie in Deutschland oder Großbritannien.
Was bleibt ist jedoch ein nach wie vor angespanntes soziales und politisches Klima im Land, das politische Kalkulationen schon oft über den Haufen geworfen hat. Le Pens Nationale Front wäre die erste Kraft, die von neuen politischen Krisen profitieren würde.

 

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