Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Irak-Kriegstaktik umstritten, ORF-On, 30.3.2003

Schlagartig haben die wachsenden Schwierigkeiten an der Front jetzt auch zu einer Zunahme der Kritik an der Regierung Bush in den amerikanischen Medien geführt. Zwar steht eine Mehrheit der Amerikaner nach wie vor zum Kurs des Präsidenten, aber immer mehr aktive und pensionierte Militärs gehen mit Informationen an die Öffentlichkeit, die Zweifel an der Planung des Irak-Feldzuges aufkommen lassen. Amerika erlebt in der zweiten Woche des Irakkrieges ein Comeback des amerikanischen investigativen Journalismus auch im außenpolitischen Bereich, der ja während des Vietnamkrieges eine ganz große Rolle gespielt.

An vorderster Front steht dabei der "New Yorker", eines der angesehensten Magazine des Landes, das sich unter dem charismatischen Herausgeber David Remnick immer mehr zum Gewissen der Nation entwickelt. Mehr als sechs Mal soll Verteidigungsminister Donald Rumsfeld laut „New Yorker“ in der Vorbereitung des Krieges die von den Militärs verlangte Zahl von Truppen reduziert haben. Als Oberkommandierender Tommy Franks angesichts der Weigerung der Türkei ihre Grenzen für die Eröffnung einer Nordfront passierbar zu machen um eine Verschiebung des Angriffsdatums ersuchte, sagte Rumsfeld glatt Nein. Viele Militärs sind der Meinung, das seinen schwere Fehler gewsen, auf jeden Fall muss man jetzt zehntausende Soldaten nachschicken.

Erst vor wenigen Wochen hatte der Aufdeckungsjournalist Seymour Hersh im „New Yorker“ Collin Powells Auftritt vor dem UNO-Sicherheitsrat zerpflückt und nachgewiesen, dass der Außenminister der Weltorganisation gefälschte Dokumente aufgetischt hatte.

Dass Rumsfeld vermittelt über Zeitungsinformationen aus Establishment des Pentagons unter Beschuss kommt ist kein Zufall: zahlreiche Militärs sind mit dem Kurs ihres Chefs nicht einverstanden, dem sie Geringschätzung gegenüber dem Wissen der Fachleute vorwerfen. Als etwa Armeechef Eric Shinseki vor Wochen vor dem Kongress von der Notwendigkeit hunderttausender zusätzlicher Soldaten sprach, wurde er von Rumsfeld-Stellvertreter Wolfowitz öffentlich abgekanzelt. Jetzt gilt die damalige Vorsicht der professionellen Militärs als gerechtfertigt. Manche halten es jetzt sogar für möglich, dass der Krieg sich sogar über den Sommer ziehen könnte, wenn die Allierten sich zu einer langen Belagerung Bagdads veranlasst sehen.

Noch halten sich die oppositionellen Demokraten in Washington halten mit Kritik an Bush noch zurück. Immerhin haben sie aber heute E-Mails mit den triumphalistischen Erklärungen des Vizepräsident aus der Vorkriegszeit verschickt, als Dick Cheney das Saddam Hussein als Kartenhaus bezeichnete und rasche Erfolge in Aussicht gestellt hat.

Auch aus London, wo ja seit Kriegsbeginn die patriotische Unterstützung für Tony Blair stark zugenommen hat, kommt heute eine gewichtige kritische Stimme. Robin Cook, der ehemalige Außenminister, der als Fraktionschef der Labour Party zurückgetreten ist, verlangt nicht mehr und nicht weniger als einen Rückzug der britischen Truppen. Eine höchst ungewöhnliche Forderung mitten in einem laufenden Konflikt. Wobei Robin Cook sagt, er zweifelt nicht, dass die Allierten letztendlich militärisch obsiegen können. Aber auch ein militärischer Sieg könne zu einem politischen Debakel werden, wenn eine große Zahl ziviler Opfer und die sich daraus ergebende Radikalisierung der arabischen Welt die Folge sei. In Downing Street, am Sitz des Premierministers, ebenso wie im Weißen Haus versichert man dagegen, mit Schwierigkeiten habe man immer gerechnet. Nach nur 11 Tagen sei es viel zu früh an einen Kurswechsel zu denken.


 

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