Raimund Löw

Historiker und Journalist

 

 

 

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Buchpräsentation und Laudatio Wolfgang Libal
Wien, Österreichische Pensionsversicherungsanstalt, 21.5.2002
Wolfgang Libal,
Zeuge am Zaun der Zeit. Von Masaryk zu Milosevic, Literas Universitätsverlag Wien 2002


Es ist mir eine große Ehre und Vergnügen heute hier sprechen zu dürfen. Nicht nur, weil es um die Würdigung eines großen Journalisten und hervorragenden Balkan-Kenners geht, sondern auch darum, weil sein Thema ja in Wirklichkeit nicht Molosevic war oder Adenauer, Ceauscescu oder Tito, obwohl er beträchtliche Energie aufgewandt hat diese und viele andere Persönlichkeiten journalistisch in den Griff zu kommen. Sein Thema, das ist in Wirklichkeit das 20. Jahrhundert, als Journalist, versteht sich.
In einer vieldiskutierten Studie mit dem Titel "Das 20.Jahrhundert verstehen" versucht der brilliante deutsch-israelische Historikers Dan Diner die Entwicklung von 1914 bis 1989 von den Stufen von Odessa aus zu betrachten.
Wolfgang Libal betrachtet das 20.Jahrhundert aus dem Blickwinkel der Donau-Save Mündung oder des Donaudeltas, um noch etwas weiter in die Ferne zu schweifen, und sein Blick ist geschärft durch prägende Erfahrung an Moldau und jenen Teil Europas, den man von Karlsbrücke aus überblickt.

Anfang 21.Jahrhunderts haben wir zwar mit Wolfgang Libal das Wissen um die zahlreichen versunkenen Reiche des 20.Jahrhunderts, aber wo wir selbst stehen in Europa, das wissen wir nicht so genau.
Da ist das große Projekt der Europäischen Integration, der Vereinigten Staaten von Europa, wie Europa-Minister früheren französischen Regierung gesagt hat: das wäre der Versuch einer neuerlichen umfassenden Reichsgründung nach den Erfahrungen des Zerfalls der Vergangenheit.
Aber gleichzeitig wirkt die Politikerkaste in Europa oft so abgehoben wie das Staatspräsidium in Belgrad mit seinem Rotationsprizip in Achtzigerjahren, das Libal beschreibt. Und es sind die obskursten zentrifugalen Tendenzen, die Schlagzeilen machen. Wobei eines der ersten Warnsignale vielleicht nicht zufällig aus Wien gekommen ist.
Wir wissen nicht genau: sind das Geburtswehen der von vielen erhofften Überwindung des 20.Jahrhunderts mit seinen Tragödien und Katastrophen, oder sind das die Ermüdungserscheinungen eines zum dynamischen Zusammenwachsen unfähigen alten Kontinents.

Die Erfahrungen Wolfgang Libals, mit dem Aufstieg und Niedergang von Reichen und Imperien, die er verfolgt hat, können uns vielleicht helfen bei der Beurteilung der politischen Aktualität in Europa. Erlauben Sie mir daher einige aktuelle Fragen anzuführen, die sich bei der Lektüre seines Buches aufdrängen.

Erstens:
Da ist die zerstörerische Wirkung der nationalistischen Reaktion auf vermeintliche oder tatsächliche Diskriminierung oder andersgeartete Benachteiligungen in Europa. In Gesellschaften, die sich aus einem Kolonialstatus befreien mußten, mag das anders gewesen sein. Dort mögen Nationalbewegungen eine gewissen Zeit aufbauende gesellschaftliche Rolle gespielt haben. Aber hat in Europa der nationalistische Reflex nicht fast immer im Desaster geendet?
Wolfgang Libal beschreibt das überzeugend wenn er von der Tschechoslowakei der Vorkriegszeit spricht, egal ob er die antideutsche Stimmung in der damaligen tschechischen Öffentlichkeit beschreibt oder ob er davon spricht, wie rasch unter den Deutschen die Sympathien mit dem nationalsozialistischen Regime jenseits der Grenze gewachsen sind.
Oder sehen wir uns den tödlichen Reigen der Nationalismen beim Zerfall Jugoslawiens an. Wie sehr das Zusammenspiel des großserbischen Chauvinismus Slobodan Milosevics mit dem kroatischen Separatismus Franjo Tudjmans für den Weg des Zerfalls im Krieg entscheidend war, das haben uns Wolfgang Libal und Christine von Kohl in den letzten Jahren wieder und wieder auseinandergesetzt. Wie groß dabei die Verantwortung Milosevics war, das beschäftigt zur Zeit die Haager Richter. Wäre Franjo Tudjman nicht gestorben, gut möglich, dass er es zum Zellennachbar seines serbischen Gegenüber gebracht hätte.
Und tatsächlich sind ja auch die großen demokratischen Revolutionen von 1989, mit denen das Jahrhundert vielversprechend geendet hat, nicht unter dem primären Vorzeichen der nationalen Selbstbestimmung gestanden, sondern unter dem von Freiheit und Demokratie.
Hat es sicht somit nicht fast immer als Illusion erwiesen in Europa, dass eine Besinnung auf nationale Werte Positives bewirken kann? Und sollten nicht die Warnsignale hochgehen, jedesmal wenn irgendwo von Renationalisierung die Rede ist, egal, in welchem Bereich?

Zweitens:
Wie zweischneidig ist Geschichtsbewußtsein, wie gefährlich das Comeback der Geschichte in politischen Krisensituationen?
Der Begriff des Geschichtsbewußtseins war für meine Generation sehr positiv besetzt: und tatsächlich ist etwa die demokratische Erfolgsgeschichte Westeuropas und insbesonders der Bundesrepublik Deutschland eng verbunden mit einer intensiven Beschäftigung mit der eigenen Geschichte, zum Teil erzwungen durch die Studentenbewegung der Sechzigerjahre. In Österreich ist das alles viel langsamer und später gekommen, aber bis heute ist ein starker Glaube an eine die Demokratie stärkende Wirkung der Auseinandersetzung mit Zeitgeschichte nicht zu übersehen. Als jüngstes Beispiel sei nur der großer Zulauf zu Ausstellung über Verbrechen der Wehrmacht im Semperdepot genannt.
Als ich knapp nach Titos Tod das erste Mal längere Zeit nach Jugoslawien gekommen war, da war das mein größter Schock das unversöhnliche Aufeinanderstoßen einander völlig entgegensetzter nationalen Narrative zur jüngeren Geschichte. Jede Volksgruppe schien einen absolut überzeugenden historischen Grund zu haben, den jeweiligen Nachbarn zu hassen oder zumindest irgend etwas an seiner aktuellen Situation als illegitim anzusehen. Wolfgang Libal beschreibt sehr eindrücklich, wie die nationalen Mythen die Völker hypnotisiert haben und zu tödlichen Waffen wurden.
Wie viel nicht verarbeitete Geschichte auch einige Breitengrade nördlicher vorhanden ist, das erleben wir seit einigen Monaten. Was auf dem Balkan zur Tragödie wurde, sieht in unseren Regionen eher als Farce aus, mit Vetodrohungen und Ultimaten. Aber es ist eine höchst gefährliche Farce.

Wenn sich die Politik der Geschichte bemächtigt und Mythen kreiert um Schlachten ganz anderer Art zu schlagen, dann ist auf jeden Fall Vorsicht geboten. Auch das ein Schluß, der sich nach der Lektüre des Buches von Wolfgang Libal aufdrängt.

Drittens:
Wolfgang Libal beschreibt die Faszination Jugoslawiens, und er fragt sich, was diese Fazination so unwiderstehlich gemacht hat. Er führt die wilde Natur an, die Vielfalt der Völker und Religionen und auch diese unerhörte Macht der Geschichte.
Aber zwischen den Zeilen ist da noch ein weiterer Faktor zu spüren: es war die in Europa einzigartige rebellische Tradition des Jugoslawiens Josip Broz Titos, das dieses Land so spannend gemacht hat. Als einzige in Europa haben die jugoslawischen Kommunisten aus eigener Kraft, ohne entscheidende Hilfe der Roten Armee die Macht ergriffen. Als einzige haben sie es gewagt, Stalin noch zu dessen Lebzeiten die Stirn zu bieten. Als einzige haben sie versucht, aus dem Schema des Kalten Krieges auszubrechen.
Verkörpert hat diesen Weg wie kein anderer Milovan Djilas, dessen Wohnung in der Palmoticeva Ulica für alle westlichen Korrespondenten in Belgrad zum Fixpunkt wurde. Mit brennenden Augen hat man im Westen Djilas Gespräche mit Stalin oder seine Neue Klasse gelesen. Für Wolfgang Libal und Christine von Kohl war er Freund und Gesprächspartner.
Natürlich: es hat viel Repression gegeben in Jugoslawien und letztlich war es ein Polizeistaat. Ich habe in den Achtzigerjahren mit einer Solidaritätsgruppe für Osteuropadissidenten rund um Zeitschrift "Gegenstimmen" zusammengearbeitet und mehrmals aus Jugoslawien berichtet. Es war unübersehbar, wie total anders die Stimmung hier im Vergleich etwa zur Tschechoslowakei oder selbst zu Ungarn war, obwohl wir hier genauso wie dort Unterschriften für verfolgte Dissidenten gesammelt haben.
Milovan Djilas war bis zuletzt der jugoslawischen Idee verbunden geblieben und auch Wolfgang Libal ist so etwas wie ein Jugonostalgiker. Diese Gefühle sind absolut nachvollziehbar. Schließlich ist es keineswegs auszuschließen, dass unter dem Vorzeichen einer Annäherung an die EU nicht doch einmal wieder eine engere Verbindung zwischen den südslawischen Völkern geben wird, auch wenn das zur Zeit wie ferne Zukunftsmusik klingt.
Aber der jugoslawische Vielvölkerstaat ist unter Tito nicht nur durch die starke Hand Titos, die Partei oder den Geheimdienst zusammengehalten worden. Er überstand manche Krise auch deshalb, weil er das Resultat einer Volksrevolution und eines Partisanenkrieges mit breiter Basis in der Bevölkerung gewesen war. Zerbrochen ist er, als die staatlichen Organe die Bodenhaftung verloren haben und nur mehr eine herrschende Kaste verblieben ist, ohne eine die Völker zusammenhaltende Idee, die dem aufstrebenden Nationalismus entgegengehalten werden konnte.
Auch das ein Mechanismus, der vielleicht über den konkreten jugoslawischen Fall hinaus von Relevanz ist.

Der vierter Punkt, der mich ganz besonders zum Nachdenken angeregt hat im Buch Wolfgang Libals , das ist die Art in der immer wieder die Sowjetunion, Russland auftaucht in seinem Bericht.

Da ist einmal die unglaubliche Szene, wie Chruschtschow, Gromyko und die anderen Vertreter des Präsidiums der KpdSU 1955 in Belgrad ankommen, um sich für den stalinistischen Bannspruch gegen Tito zu entschuldigen. Und Titos Miene verfinstert sich von Minute zu Minute, weil die Erklärungen der russischen Seite erkennen lassen, dass auch Chruschtschow offensichtlich nicht verstanden hat, wie tief dieser Bruch gegangen ist, und dass es nicht damit getan ist, die ganze Angelegenheit auf Fehltritte Stalins und Berijas zurückzuführen.
Es ist eine tolle Szene, die belegt, wie schwer es war selbst für Chruschtschow war, der sein Land vom Terror befreit hat und Millionen Lagerinsassen aus Achipel Gulag entlassen hat, zu begreifen, was der Stalinismus angerichtet hat. Tito und Chruschtschow haben sich schließlich arrangiert. Zurückgeholt in den sowjetischen Einflußbereich konnte Jugoslawien bekanntlich trotzdem nie mehr. Aber die Entwicklung in Moskau bliebt trotzdem für den Balkan von riesiger Bedeutung: das galt bis zuletzt für Ausgang des Kosovokriegs, wo es ja ein Kurswechsel Moskaus war, der Milosevic zur Beendigung des Krieges bewegt hat.
Der zweiter Punkt, wo die Sowjetunion bei Libal auftaucht, ist im Bericht über den Besuch Adenauers in Moskau 1955 und die ungeheuren Hoffnungen, die damals mit dieser Zusammenkunft damit verbunden waren.
Beide Szenen sollten uns daran erinnern: ohne konstruktive Beziehung zu Rußland sind Sicherheit und Stabilität in Europa schwer möglich. Aber eine wirklich konstruktive Beziehung wird nur möglich sein, wenn Europa seine Partner auch unter den lebendigen Kräften der russischen Demokratie sucht, und man sich nicht auf eine Führung beschränkt, die dem Westen zwar nach dem Mund redet, es im eigenen Land aber weder mit der Pressefreiheit oder den Menschenrechten so recht ernst nimmt. Christine von Kohl hat mich auch noch auf einen weiteren Aspekt aufmerksam gemacht: könnte doch Europa gerade in Zeiten der Kritik am liberalen Wirtschaftsmodell ganz besonders von der sozialen Dimension der russischen Tradition profitieren.

Lieber Wolfgang Libal, darf ich mit einer sehr persönlichen Bemerkung enden: das Wien, das sie da beschreiben, mit dem Bundespressedienst und der eigentümlichen Personalisierung aller politischen Fragen, das ist mir sehr vertraut. Ich kenne es von den Erzählungen meines Vaters, der in genau dem Bundespressedienst gearbeitet hat, unter dem von Ihnen genannten Sektionschef Meznik. Ich habe es als Schüler im Wien der Sechzigerjahre erlebt, mit Lehrern, die von Stalingrad nicht los gekommen sind und den alltäglichen antisemitischen Witzen. Und dann als junger Student an der Wiener Universität.
Ich gehöre zu jener Generation politisch Interessierter, die sich sehr rasch nach Westen gewandt haben, nach Paris und Rom, und vorerst für die eigene Nachbarschaft wenig Interesse hatten. Das hat natürlich nicht wahnsinnig lange gehalten. Bald begannen wir nach Prag und Budapest zu fahren, zur Charta 77 in der Tschechoslowakei und zu den dissidenten Lukacs-Schülern in Budapest. Nach Korcula, zu den Großmeistern des undogmatischen Marxismus der jugoslawischen "Praxis"-Schule und schließlich auch nach Zagreb und Belgrad.
Aber viele von uns hatten doch nach wie vor einen sehr eingeschränkten Horizont und Erfahrungskreis.
Den Blick des professionellen Journalisten, des begeisterten Balkan-Kenners und gleichzeitig des leidenschaftlich engagierten Demokraten, den haben Sie und Christine von Kohl uns vorgezeigt. Sie blicken in Ihrem Buch genauso auf das vergangene europäische Jahrhundert, und dafür möchte ich mich ganz herzlich bedanken.

 

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